Seelengrundbaum

Ein Text von mir zum Einstieg:

Seelengrundbaum

Auf dem Grund meiner Seele steht ein Baum. Den kann ich nur sehen, wenn ich bis auf den Grund meiner Seele falle. Dort ganz tief unten wo ich schon so oft war, wo es dunkel und kalt und leer war bisher, wo ich Angst hatte und ich mich vor dem Leben und der Welt gefürchtet hatte, wo ich einsam und alleine war. Hier unten steht auf einmal ein Baum. Ein großer und starker Baum mit weiten Ästen und einer riesigen Krone. Der war vorher nicht da. Niemals, denn früher war hier unten in meiner Seele nichts. Gar nichts. Jetzt steht hier dieser Baum und ich kann mich anlehnen. Ich kann mich an ihm aufrichten, wenn meine Beine schwach werden. Ich kann unter ihm Schutz suchen, wenn es regnet oder die Welt mir mal wieder auf den Kopf zu fallen scheint. Ich kann Wörter in seine Rinde ritzen, die ich wiederfinden kann, wenn ich das nächste mal komme. Und ich kann mich dann erinnern, wie es das letzte mal war, als ich hier war. Und wie ich war als ich hier war. Ein toller Baum! Jedes mal wenn ich wieder genauer hinschaue, ist er ein ganzes Stück gewachsen. Jedes mal etwas höher. Etwas breiter. Ein toller großer Baum mitlerweile. Und eines Tages wird er ganz oben in meiner Seele das Licht erreichen. Und dann bin ich voll mit diesem Baum. Diesen Baum, den Du in mir gepflanzt hast lange bevor ich mitbekommen habe, dass er überhaupt da ist. Dieser Baum bist Du, sind die Zeiten in diesem Leben, die wir gemeinsam verbracht haben, unsere gemeinsamen Erlebnisse. Das Schöne aber auch das Schlechte. Dieser Baum ist alles das, was ich von Dir gelernt habe und noch viel mehr das, was Du mir einfach vorgelebt hast. Die Wurzeln dieses Baumes reichen bis in die Welten in die Du mich immer wieder entführt hast. Die Welten in die Du mich einfach mitgenommen hast. In Deine Welt, in unsere kleine gemeinsame Welt, die wir uns zusammen aufgebaut hatten und die genau deshalb auch jetzt noch Bestand hat. Du warst immer der Motor in unserem Leben, der Macher, der Ideenhaber. Derjenige, der einfach vorangegangen ist wenn er vorangehen wollte. Und mich hast du immer mitgenommen. Mein Job war, das Lenkrad zu halten und manchmal auch ein wenig gegenzusteuern, wenn’s dann doch zu schnell oder nicht so ganz in die richtige Richtung ging. Alles das ist jetzt in diesem Baum, meinem Baum, unserem Baum. Ich kann an ihm emporklettern, und ich kann dann ganz weit sehen, weiter als jemals zuvor in meinem Leben. Und manchmal glaube ich, kann ich bis zu Dir gucken, bis in die Welt in der Du jetzt bist. Denn Du bist noch. Das weiß ich, das spüre ich, ganz deutlich, ganz oft. Ganz besonders, wenn ich hier unten bin und unter dem Baum liege und ihm beim wachsen zuschaue. Diese Momente kurz vor dem Einschlafen, wenn die schöne Musik spielt, die wir oft gehört haben zum ins Bett gehen. Dann bist Du da, ganz nah, ganz nah bei mir. Hier unter dem Baum geht das. Er wächst aus den Erinnerungen. Unsere gemeinsame Geschichte ist seine Erde, die ihn hält. Und meine Sehnsucht nach Dir ist das Licht, zu dem er wächst. Nach dem er sich streckt. Du hast einen guten Baum gepflanzt. Einen sehr guten Baum. Mitten in mir drin. Hier unten, wo sonst kein Licht hinkommt. Hier unten, wo ich sonst immer nur Angst hatte. Angst vor meiner Unfähigkeit, meinem Leben aus mir heraus einen Sinn und einen Antrieb zu geben. Als Du auf einmal weg warst, so schlagartig und völlig unerwartet. Ohne jede Möglichkeit Abschied zu nehmen, letzte Worte zu wechseln. Ohne Tränen, einfach so, einfach weg, weg. Da hatte ich Angst. Angst, wieder alles zu verlieren, wieder alleine und hilflos in diesem Leben zu stehen. Ohne Deinen Motor, ohne Dich. Aber jetzt ist da der Baum und mit ihm nicht nur unsere gemeinsame Vergangenheit, sondern auch und noch viel mehr eine unbeschreibliche Kraft, weiterzumachen, nicht aufzugeben, sich nicht fallen zu lassen. Auf einmal kann ich selber Motor sein für mein eigenes Leben, kann mein Leben selber in die Hand nehmen. Kann aus eigener Kraft sein. Weil der Baum da ist. Weil Du da bist. Weil Du der Baum bist, hier unten auf dem Grund meiner Seele. Weil etwas beblieben ist nach Deinem Tod. Weil Du mir immer noch Schutz gibst unter Deinen Starken Armen und weil ich mich immer noch an Dir aufrichten kann, wenn ich falle. Weil Deine Stärke in mir geblieben ist. Diese Kraft, das ist der Baum. Der Baum in mir. Das bist Du!! Seelen vergehen nicht! Seelen bleiben miteinander verbunden und der Tod ist nur ein Horizont, der sie auch nicht trennen kann! Und irgendwann eines Tages werden wir uns wiedersehen, werden wir wieder zusammen sein. Irgendwann, wenn der Baum riesig groß geworden ist. Irgendwann! Aber bis dahin habe ich hier noch eine Menge zu leben, habe jede Menge vor und sprühe vor Ideen. Und bin dennoch voller Sehnsucht: bis bald! Ich freue mich auf Dich! Ich liebe Dich!! Lasse es Dir gut gehen da wo du jetzt bist. Mache Dir keine Sorgen mehr um mich! Mir geht es gut, denn Du hast gut gesorgt für mich. Das Leben ist schön!!

Celle-Vorwerk im August 2012

In ewiger Liebe
Deine Sevi