Zeit der Veränderungen

(für Christian)

Was war das für eine wunderbare Zeit, ich hatte so lange darauf gehofft und davon geträumt. Diese Hoffnung, dass alles wieder gut und schön werden wird – so wie früher – war der Motor meines Lebens. Hieraus zog ich meine Kraft und den Mut, einfach weiter zu machen. Diese Hoffnung war die Batterie meiner Lebensenergie.

Und dann auf einmal – vor über zwei Jahren – war es dann so weit, alles war wieder schön – fast genauso wie früher – fast noch schöner. Wir waren zwar älter geworden – viel älter! Aber auch reifer und erfahrener. Wir kannten uns besser und konnten mit unseren kleinen und großen Fehlern viel besser umgehen. Wir waren wieder eins wie früher und hatten wieder gemeinsame Träume. Wir lebten wieder zusammen in einer Wohnung und wir hatten wieder gemeinsame Pläne. Alles war wieder schön! Viel schöner als je zu vor. Es hatte sich gelohnt zu warten und auszuharren. Es hatte sich gelohnt, bei dir zu bleiben und dich nicht aufzugeben. Aus wirklich miesen Zeiten wurde wieder ein richtig tolles Leben.

Nur, dass wir kranker geworden waren – das wollten wir nicht wahrhaben. Das wollten wir wohl nicht wirklich sehen. Vielleicht hatte es ja auch seinen Sinn. Ich habe mich in den letzten eineinhalb Jahren oft gefragt, wie es gewesen und gekommen wäre, wenn ich gewusst hätte, das du so schnell sterben würdest. Das du mich so schnell und unerwartet in dieser Welt alleine lassen würdest. Und ich weiß, ich hätte es nicht wissen wollen. Nicht wirklich und für keinen Preis der Welt. Was wäre das für ein Leben? Und wenn morgen die Welt untergeht dann gehe ich heute noch in den Garten und pflanze einen Baum! Frei nach einem alten Sprichwort und so oft deine Worte!

Alles war wieder schön und wir hatte uns wieder! Alles war wieder schön und dann starb Tiffi. Mir ging es nicht mehr gut, mir ging es schlecht. Aber du warst ja wieder da – an meiner Seite. Und ohne Dich hätte ich den Schmerz um Tiffis Verlust wohl niemals verwunden. Wenn ich heute wieder ein Hundemensch bin, eine aktive Hundlerin, dann ist das Tiffis Erbe. Und durch dich habe ich bis heute wieder die Kraft, diesen Weg zu gehen. Den Weg im Leben, der für mich einzig Sinn macht und an dem ich Freude habe.
Auf ihrem Weg ins Jenseits nahm Tiffi einen ganzen Teil von mir mit – hinterließ ein riesiges Loch in meiner Seele. 14 lange Jahre meines Lebens nahm sie mit, so fühlte es sich an. Ein Loch, dass mein Leben verändern sollte – und nur mit deiner Hilfe konnte ich es wieder füllen – weil du einfach nur da warst – einfach nur da!!

Und weil die kleine Luna da war – Prinzessin Tausendschön – meine Russel-Hündin mit zarten 6,4 kg Körpergewicht. Zwischen zwei Schäferhunden hatte ich sie nie wirklich als Hund wahrgenommen, was sich jetzt radikal und fast gnadenlos ändern sollte. In einem Traum hatte ich den Eindruck, Tiffi wolle Luna gerne als ihre Erbin in meinem Herzen geben – alle Liebe und alle Kraft, zu der ich fähig war solle nun in Lunas herz fließen. Und genauso habe ich es getan. Ich fing nach langer zeit wieder an, mit dem Hund Sport zu treiben, Laufen zu gehen und Fahrrad zu fahren. Es dauerte nicht mehr lange und ich war in meinem Leben wieder da, wo ich vor vielen Jahren aufgehört hatte. Ich war wieder eine Hundlerin mit Herz und Seele. Und klein Luna schlug alle Geschwindigkeitsrekorde: ob beim Fahrradfahren, beim Waldlauf oder beim Lernen von Unterordnung und Gehorsam. Es war wunderbar, dabei zu sein und zu sehen, was dieser kleine Hund mit noch nicht einmal 7 Kilo auf den Rippen alles so auf die Beinchen stellen konnte. Ich war wieder auf dem zu einem eigenen Leben. Und bei alldem hast Du mir immer zur Seite gestanden, hast mich immer unterstützt – mit deinem Rat und dein Verstehen, aber auch mit deiner fast unendlichen Geduld. Dafür liebe ich dich um so mehr – dafür werde ich dir ewig danke.

Vier Monate später bist du dann gestorben. Überraschend und unerwartet – ein Schlag mitten und quer durch mein ganzes Leben und Sein. Ich hatte niemals gespürt, wie sehr unsere Leben in dieser Welt ineinandergewachsen waren – niemals so stark, wie mach deinem Tod. Das Leben in dieser Welt ist nur ein kurzes Gastspiel und der Tod ist nur der Horizont dieser Welt – der Horizont unserer Wahrnehmung. Sterben heißt nur, über diesen Horizont zu gehen – in eine andere Welt. Heute weiß ich, dass auch ich irgendwann über den Horizont gehen werden du wir dann wieder in der gleichen Welt leben können. Wir sind durch unsere Liebe in Ewigkeit verbunden und wir werden uns wiedersehen. Wir werden uns wiedersehen unter all unseren Hunden, die zum teil auch schon bei dir sind – wie die liebe alte Tiffi.

Über ein Jahr lag ich am Boden und wusste nicht, wie ich ein Leben ohne dich in dieser Welt meistern soll. Meine einzigen Stützen waren klein Luna und das neue Leben mit ihr Seite an Seite und das wissen, daß es dich irgendwo da draußen noch gibt und wir immer in Verbindung bleiben werden. Wie oft wollte ich sterben und wie oft fragte ich dich, wann das denn sein wird, damit wir uns endlich wiedersehen können. Und dann war da wieder ein Traum, in dem es darum ging, dass erst Luna sterben muss bevor ich gehen kann. Das war eine Ansage, das hieß: mindestens noch 15 Jahre auf dieser Welt und es war in Ordnung – auf einmal war es in Ordnung. Und ich lebte einfach so weiter, mit meiner kleinen Luna, dem tollsten Hund der Welt. Die Trauer war stark im ersten Jahr, im ersten Jahr ohne Dich. Alles war neu und ungewohnt. Keiner wartete zu hause auf mich – keiner war weg auf den ich warten konnte – niemand kam – jedenfalls nie die richtigen. Ich hielt mich an alten Gewohnheiten fest und zog den Alltag so durch, als wenn du noch da wärest in meiner Welt. Ich ließ keine Veränderungen zu, machte immer alles gleich und wehrte mich mit Händen und Füßen gegen alles, was irgendwie neu und anders war – ich hätte immer das Gefühl gehabt, dich irgendwie zu verraten.

Aber Veränderungen blieben nicht aus. Mir ging es finanziell zunehmmend schlechter. Ich musste aus unserer alten Wohnung ausziehen. Ich musste den Rocky weggeben weil es mit mir und Luna nicht mehr ging – mit viel Unterstützung und Hilfe von Außen, weil ich alleine die Kraft dazu gar nicht hatte. Mir fiel vor Langeweile und Nichtstun immer öfter die Decke auf den Kopf. Ich fing an, wieder von einem zweiten Hund zu träumen – einen Partner und Artgenossen für Luna. Eine neue Nummer Zwei im Hause. Ich hatte einfach zuviel zeit und zuwenig Geld, um das genießen zu können – ich wollte wieder arbeiten. Und so stellte sich langsam aber sicher der Zug wieder auf die Gleise. Sehr viel meiner Kraft kommt immer noch von dir, aus unserer gemeinsam erlebten Zeit, aus den Erinnerungen und vielleicht manchmal sogar aus der Welt hinter dem Horizont. Ich sehe Dich oft vor mir, wenn ich Fragen oder Probleme habe und ich höre und sehe deine Antworten und deine Reaktionen darauf. Wir waren uns so vertraut, dass du immer noch in mir bist – wie ein Baum – ein Baum, der mit seinen starken Wurzeln auf dem Grund meiner Seele steht.

Heute ist dein Tod über eineinhalb Jahre her. Heute gehe ich wieder arbeiten. Ich hatte tatsächlich das Glück, eine Halbtagsstelle ergattern zu können. Mehr kann ich nicht wegen der Hunde – und du weißt ja, dass ich diese nie länger als 5 Stunden am Tag alleine lasse. Und eine Nummer Zwei ist wieder da. Milow heißt er und er stammt aus Portugal. Ein feiner Kerl und mitlerweile der große Bruder von Luna. Sie verstehen sich prächtig. Ich fange gerade an, wieder Freunde zu finden. Ganz langsam und zaghaft, aber immerhin. Ich habe endlich angefangen zu Schreiben – so, wie ich es schon lange wollte. Und mit dem Internet komme ich auch so einigermaßen klar – für die Schriftstücke von mir habe ich jetzt sogar einen eigenen Blog. Manchmal lege ich mich nachmittags Schlafen, was ich früher ja nie konnte. Und ich lass die Finger vom Alkohol – jetzt endgültig und für immer – nie wieder saufen! Ich habe auch viel von dir jetzt in meiner Weltsicht – so, als wenn ich manchmal die Welt mit deinen Augen sehe und mir selber dann Rat geben kann. Unsere kleine Welt gibt es immer noch! Und ich werde Bücher schreiben. Das eine geht über dich und dein Leben, so wie ich es mitbekommen habe, so wie ich es gesehen habe und du mir erzählt hast. Ich weiß noch alles! Und das andere heißt „Stadt der Hunde“ – ich habe schon angefangen damit und es soll ein Projekt im Internet werden, an dem ganz viele Menschen mitarbeiten. Es geht darum, eine Stadt zu bauen, wie Hunde sie für sich selber und ihre Menschen bauen würden. Natürlich nur in der Phantasie! Ich hatte diesen Gedanken schon vor langer Zeit und jetzt mache ich es einfach!

Ich habe noch viel vor in dieser Welt – bis wir uns wiedersehen muß ich ja auch ordentlich zu erzählen haben, oder? Ich möchte noch viele Abenteuer mit Luna und Milow bestehen, viele neue Planeten erkunden und meine Nase mit beiden zusammen in noch in viele Mäuselöcher stecken! Ich habe schon so verdammt viel erlebt in den letzten 52 Jahren – das reicht fast für zwei Leben. Klingt spannend für die nächsten 52 Jahre! Ich komme dann irgendwann zu dir, zu dir und Tiffi nd all den anderen – ich renne dann mit 104 über die Regenbogenbrücke zu euch rüber und werde euch alle erst mal ordentlich aufscheuchen. Und wehe ihr habt dann keine Zeit, mir ohne Ende zuzuhören – es wird viel zu erzählen geben über ein das was noch kommt und ich noch nicht kenne … !!

Lass es dir gut gehen da drüben, denn mache es auch so! Mache dir keine Sorgen mehr um mich, ich mache mir auch keine mehr. Lebe Dein leben, lebt ihr euer Leben und ich lebe meins!! Wir werden uns wiedersehen!

In ewiger Liebe
Deine Sevi