Ich spreche von Leika

Ich spreche von Leika, dem tollsten Hund der ganzen Welt, und ich erzähle ihre Geschichte. Leika war keine Heldin und sie hatte auch nie große Kämpfe mit Riesenschlangen im finsteren Moorwald ausgetragen. Aber in ihrem kurzen Leben verbrachte sie fast unmögliches: Sie hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin! Sie hat den Grundstein gelegt und die Startbahn für mich frei gemacht. Ohne Leika würde ich heute noch wie bescheuert arbeiten, um Berge von runden Metallstücken und rechteckigen Papierschnippseln ohne Sinn und Verstand anzuhäufen. Auf Leikas Grab steht kein Baum – auf Leikas Grab steht ein mitlerweile großgewachsener Holunderstrauch, der in diesem Sommer das elfte mal geblüht hat. Leika ist schon zehn Jahre im Himmel, denn wenn der Holunder auf deinem Grab das erste mal blüht, dann ist deine Seele im Himmel angekommen, sagt eine alte Geschichte. Leika ist seitdem meine himmlische Begleiterin und wird es auch immer bleiben. Mitlerweile ist sie da oben auch nicht mehr alleine und, wenn ich den Regenbogen hinaufschaue, dann sehe ich sie alle da oben sitzen oder stehen – und ich winke ihnen zu.

 

Heute spreche ich von Leika!

 

Leika war mein erster Hund und ich war Leikas zweites Frauchen. Sie wuchs nur ein paar Häuser von uns entfernt auf und wurde von ihren ersten Leuten zu ihrer Mama zurückgebracht, weil sie angeblich nicht mutig und forsch genug war. Leikas Mama mochte ihre kleine Tochter nun aber nicht mehr leiden, sah sieh eher als Konkurentin an und verbiss sie. Meine Freundin und ich waren zu der Zeit auf der Suche nach einem Hund, weil bei uns zu Hause einige Wochen vorher eingebrochen wurde. Mit einem Hund im Haus wäre so was nie passiert, hieß es und so kam das kleine Mädchen im Alter von 4 Monaten zu uns. Gottseidank, denn das war die beste Entscheidung meines Lebens.

 

Ich kann gar nicht mehr so richtig beschreiben, wie die ersten Wochen und Monate mit Leika waren. Es war einfach alles anders geworden. Leika war immer da und um mich herum. Sie war mit zur Arbeit, sie war mit zum Einkaufen, sie war einfach überall mit hin. Ein Leben ohne mein kleines Mädchen gab es für mich nicht mehr. Mein Leben begann, sich nur noch um den Hund zu drehen. Leika brachte eine Welle in Bewegung, die bis zum heutigen Tag ihre Größe und Kraft nicht verloren hat. Auch, wenn Leika schon lange nicht mehr so bei mir ist, die Achse meines Lebens ist immer da, wo meine Hunde sich gerade aufhalten. Leika zeigte mir vollkommen neue Welten. Einem menschen, der bis dahin noch nicht einmal wusste, was Hundewiesen sind – geschweige denn, daß es so was überhaupt gibt. Aber auf einmal gab es kaum etwas anderes mehr für mich. Der ganze Tag streckte sich nur bis zu dem Zeitpunkt, wo wir gemeinsam wieder loszischen konnten – endlich wieder mit Leika los und ab zur Alten Bult in Hannover. Die alte Bult ist eine alte Pferderennbahn mitten in der Großstadt, eine riesengroße Hundewiese und ein El Dorado für Hunde und Menschen wie mich – so wie ich jetzt einer geworden war! Ich lernte auf einmal ganz andere Menschen kennen. Und im Mittelpunkt unzähliger Gespräche standen nicht mehr Arbeit, Geld, Haus und Auto – nein, es ging einfach nur um unsere liebsten Vierbeiner, um ihre Eigenarten, ihre Vorlieben und Macken, ihre Schlaf- und Fressgewohnheiten und um alles, was irgendwie nur mit den Hunden zu tun hat. Ich war auf einmal ein glücklicher Mensch, ein Mensch auf sechs Beinen.

 

Leika wurde älter, und kam wie jeder Hund in die Pubertät. Auf der Alten Bult wurde mir immer häufiger geraten, mich mit Leika einem Hundesportverein anzuschließen. Das waren damals noch andere Zeiten in Sachen Hundesport. Es  gab damals nur die sogenannten Polizeihundesportvereine. Und die machten auch genau das, was im Namen dieser Verein steht: Polizeihundesport! Fast alles drehte sich in diesen Vereinen traditionell nur um eines: aus dem Hund einen guten Schutzhund zu machen. Es war das Jahr 1995 und es gab nix anders. Auch Agility und andere Hundespaßsportarten hatten sich noch nicht so recht durchgesetzt. Aber wir fanden einen tollen und recht fortschrittlichen Verein, der eine offene Junghundegruppe eingeführt hatte. Immer Samstags um 10.00 Uhr und alle konnten kommen, so wie sie konnten oder wollten. Das war gut und wir machten mit! Jeden Samstag!

 

Und alles war wieder wunderbar. Leika machte sich als Neueinsteigerin in dieser Gruppe so wunderbar, lernte wie ein Irrwisch und hatte bald alle anderen Hunde meilenweit abgehängt. Ich war unglaublich stolz – auch auf mich und ich glaubte noch lange Jahre danach, höhere Befähigungen in Sachen Hundeerziehung zu besitzen. Das war natürlich Quatsch und andere Hunde nach Leika sollten mir Jahre später meine Grenzen aufzeigen und mich wie eine Niete fühlen lassen. Ihre Fortschritte in der Hundegruppe waren ausschließlich Leikas eigene Leistung und ihr Licht fiel dabei auch ein wenig auf mich, weil ich nun mal meistens neben ihr herlief. Es dauerte nicht lange und mein Mädchen schaffte die Begleithundeprüfung mit Applaus vom Rande des Hundeplatzes. Ein Jahr später hatte sie in einem Gang mit der SchHA die SchH1 geschafft – die erste von drei Stufen der Schutzhundeausbildung. Ich war stolz wie eine Tüte Mücken.

 

Zwischenzeitig hatten wir auch das gemeinsame Fahrradfahren entdeckt. Wir wohnten in Altwarmbüchen und da gibt es einen wunderschönen großen See. Von zu Hause zum See, um den See herum und wieder nach Hause – das waren so acht Kilometer Strecke. Wir fuhren jeden Morgen vor und jeden Abend nach der Arbeit unsere Seerunde. Oft mit Zwischenstops und langen Wanderungen durch die alten Moorwälder, die es um den See herum gibt. Sogar intakte Hochmoorflächen gibt es dort wieder – bei Nieselregen oder Nebel zuweilen recht gruselig aber immer unglaublich schön. Am See gab es auch einen langgezogenen Sandstrand, an dem Leika gerne im flachen Wasser spielte und die kleinen Wellen im Wind jagte.  Einmal fuhr ich mit vollem Karacho auf dem Fahrrad den Weg längs, der an diesem Strand vorbeiführt – und Leika rannte so fünfzehn Meter neben mir im gestreckten Galopp durch das flache Wasser. Das war ein solch wunderschöner Anblick – ich werde ihn nie vergessen. Dieses Bild ist in meinem Kopf wie ein Videoclip fest eingemeißelt. Eines Tages lernten wir am See dann auch unsere spätere Freundin Tiffany kennen, die sich uns einfach angeschlossen hatte. Sie war von ihren alten Leuten abgehauen und verstand sich sofort total gut mit Leika – sie wich ihr niemals wieder von der Seite. Eine Freundschaft von vierzehn Jahren Dauer begann – aber, das ist eine ganz andere Geschichte.

 

Leika war nicht mehr der einzige Hund in meinem Leben. Tiffany und Leika wurden die besten Freundinnen und beide wurden mein ganzer Stolz.

 

Tiffany fand keinen Spass an der Arbeit im Hundsportverein – Bekannte auf der Alten Bult holten uns in eine neu gegründete Rettungshundestaffel und Tiffi fand dort die Arbeit, für die sie geboren wurde. Leika fand das alles doof und hatte einfach keine Lust meilenweit durch die Budnik zu schnüffeln, nur um andere zu finden und dann auch noch bei denen zu bleiben zu müssen und rumzubellen bis Hilfe kommt. Keine Opferbindung hieß das und es stimmte wohl auch.Aber es war ein großes Lob für mich, dass sie so sehr an mir hing. In unserem alten Hundesportverein wurde inzwischen eine neue Agility-Gruppe aufgebaut und das war genau das, wo Leika und ich nur drauf gewartet hatten. Tiffi wurde Rettungshund und Leika holte sich auf Turnieren einen Pokal nach dem anderen. Das war eine tolle Zeit: von einem Verein zum anderen, jeden Tag wieder was anderes und immer mit den beiden Mädels auf Achse. Lange Jahre machten wir das so!

 

Leika wurde sechs Jahre alt. Ich erinnere mich noch an ihren Geburtstag – Wursttorte mit sechs Würstchen statt sechs Kerzen. Mit sechs Jahren ist ein Hund noch nicht alt, aber Leika wurde krank. Sie war zeitlebens die Lebensfreude in reinster Form, immer hochaktiv und bei dem, was sie machte, kaum zu bremsen. Und dann bekommt solch ein Hund einen Schlaganfall. Leika war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Unser Hundedoktor konnte ihr mit vielen und noch mehr Spritzen helfen und sie wurde wieder gesund. Aber, sie durfte sich nicht mehr anstrengen, durfte keinen Stress mehr haben und sie durfte auch nicht mehr rennen. Wie bringt solch einem Hund sowas bei? Gar nicht, denn es geht nicht! All das nicht mehr machen zu dürfen, was ihr immer soviel Spaß und Freude bereitet hat, war der allergrößte Stress für sie. Nach zwei Wochen folgte der zweite Schlaganfall – schlimmer als der erste. Aber der Doktor konnte noch einmal helfen und Leika kam wieder auf die Beine. Besser und schneller, als beim ersten mal. Nach wochenlanger Abstinenz durfte sie irgendwann auch mal wieder rennen, toben, springen und spielen. Für eine klitzekleine Weile durfte sie wieder leben – und sie zahlte dafür einen hohen Preis. Der dritte Schlaganfall folgte und erwischte sie mit aller Wucht des Schicksals. Leika konnte gar nichts mehr – nicht einmal mehr stehen. Zum Pinkeln habe ich sie rausgetragen und mit Armen und Beinen festgehalten, damit sie nicht umfällt. Nun konnte auch der Doktor nicht mehr heilen – nur noch lindern! Am 12.Oktober 2001 fiel die Entscheidung, Leika auf die Regenbrücke und darüber zu führen! In meinem Leben ist mir eine Entscheidung nie wieder so schwer gefallen wie diese – aber es war die einzige Möglichkeit und das beste für mein großes Mädchen. Heute weiß ich, daß sie mir für diese Entscheidung immer dankbar sein wird – so wie ich ihr ewig danken werde, dass sie ihr kurzes Leben an meiner Seite gelebt hat.

 

Tiffany überlebte Leika noch neun Jahre und drei Tage. Sie trug am Halsband immer Leikas alte Hundemarke, neben ihrer eigenen. Heute sind beide schon lange wieder zusammen und, wenn es im Hundehimmel einen großen See gibt, eine Hundewiese und Menschen, die mit ihnen gemeinsam Fahrrad fahren und den ganzen Tag zusammen sind – dann weiß ich, beide sind glückliche Hunde.

 

Ich habe Leikas Halsband nie weggegeben. Wie ein Einrichtungsgegenstand hing es immer an der Hundegarderobe mit all den anderen Halsbändern, Leinen und sonstigem Hundegedöns. Ein tolles Lederhalsband in rot und schwarz mit neun silbernen Sternen von denen einer mal abgefallen ist. Oft hatte ich es in der Hand und dachte an andere Hunde, die sich über solch ein tolles Halsband freuen würden. Aber ich fand immer Gründe, es zu behalten und aufzubewahren. Heute trägt Milow, der tollste Hund der Welt, Leikas altes Halsband und damit auch ein riesig großes Stück an Erinnerungen und Glück. Milow steht Leikas altes Halsband ausgesprochen gut und manchmal bilde ich mir ein, dass er es mit Stolz und Würde durch seine Welt trägt. Leika wäre einverstanden! Ihre alte Tasso-Marke habe ich noch heute am Schlüsselbund – mitlerweile neben der von Tiffany. Seit elf Jahren ist das so und mir geht es gut dabei! Früher stand noch „Ich werde vermisst“ drauf!

 

Ich sprach von Leika, dem tollsten Hund der Welt und dem ersten Hund in meinem Leben!

Leika

Ein Gedanke zu “Ich spreche von Leika

  1. Wunderschöne Geschichte, danke dafür. Leika war sicher ein toller Hund, schade, dass sie so früh gehen musste.
    Ich habe auch noch all die Halsbänder meiner verstorbenen Hunde, ich bewahre sie alle auf, kein anderer Hund darf sie tragen. 😉

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