do you speak podengo (vol.2)

(Das neue Leben eines Straßenhundes)

Milow-HoseJeder Montag ist für Milow ein toller Tag, denn Montags kommt bei uns die Müllabfuhr. Eigentlich beginnt für ihn der Montag schon am Sonntag Abend. Wo für andere die nächste Arbeitswoche schon wieder bedrohlich nahe ist, da beginnt für Milow der beste Teil der Woche.

Neulich wollte ich abends nach der abendlichen Abenteuertour noch schnell die Mülltonnen rausstellen. Die Hunde waren vor dem Haus angeleint und ich holte die Tonnen aus der Garage, um sie schnell durch den Garten und durch das Gartentor auf die Straße zu stellen. Klein Luna hatte eigentlich nur Sorgen, von der Tonne überrollt zu werden. Milow hingegen schaute einfach nur völlig verstört hinter mir her. Ich sah die Fragezeichen über seinem Kopf und die vielen Fragen da drinnen: warum haut die jetzt mit meinem ganzen Essen ab, wo geht die damit hin und warum versteckt sie sich jetzt hinter dem Zaun. Als ich mit leeren Händen und ohne Müll zurückkam, war sein Blick eindeutig: na, satt geworden?? Ich konnte es fast hören – laut und deutlich, so wie Hunde eben reden oder auch nicht. Beleidigt und betont langsam folgte er uns dann in unsere Wohnung, verschwand auf seiner Sofaecke, schmollte sich ein und gönnte mir nicht einen einzigen Blick aus seinen wunderschönen gelben Augen. Erst zur Raubtierfütterung taute er wieder auf und machte sich hungrig über einen riesigen Berg banalen Hundefutters her. Kohldampf macht bescheiden, hörte ich ihn noch brummeln und, als er satt wieder in seiner Ecke verschwand, war unsere kleine Welt wieder in Ordnung. Die Diskussion um die Mülltonnen war vergessen und Frauchen wieder das beste Frauchen der Welt. Später in der Nacht musste ich ihm dann aber doch noch ganz doll versprechen, nie wieder eine Mülltonne alleine und ohne ihn leerzuessen. Das tat ich dann auch von Herzen gerne und wir alle drei schliefen völlig entspannt Seite an Seite ein.

Heute Abend, wo ich diese Zeilen schreibe, bin ich dann doch recht froh, dass Milow nicht lesen kann. Warum schreibst du solch ein dummes Zeug über den tollsten Hund der Welt? – so würde er mich fragen und ich müsste mich dann wohl das gleiche fragen und fürchterlich schämen! Aber manchmal ist das so mit mir und ich meine es ja auch nicht böse, oder? Natürlich habe ich mal wieder maßlos übertrieben und sein ständiges Bedürfnis, draußen containern zu gehen, ist tatsächlich ein wenig besser geworden – außer Montags!

Jeder Abend nach unserer kleinen Weltreise folgt dem gleichen Ablauf – fast wie ein Ritual: Nachdem wir uns alle von unserer Outdoor-Kleidung befreit haben, gibt es was zu essen. Das ist fast immer so gegen acht Uhr abends und inzwischen auch bei Milow angekommen. Erst Gassi, dann Mampfen!. Er ist so schlau, dass er manchmal richtig versucht, omich zu beschleunigen, damit wir uns endlich anziehen und losgehen. Das macht er nicht, weil er so dringend mal Pipi muss – er macht es, damit er schneller an seinen Napf rankommt, den ich vor dem Ausgehen schon immer fertig mache. Milow ist nämlich nicht nur der tollste Hund der Welt, er ist auch ganz bestimmt der schlauste Hunde der Welt – nach mir natürlich! Oft drängelt er auch schon, wenn er mit seinen Geschäften fertig ist, damit wir bloß schnell nach Hause kommen – könnte ja jemand bei uns einbrechen und seinen Napf klauen! Wenn wir abends noch auf die Hundewiese gehen, steht er in der Regel nach einer Weile vor dem Tor und ist auch von anderen Hunden nicht mehr zu irgendwelchen Aktionen zu überreden. Anfangs dachte ich, er würde dort Schmiere stehen und nur darauf lauern, dass jemand mit einem ganzen Sack Leckerlis vorbeikommt. Aber denkste Puppe – der Halunke will einfach nur nach Hause und sich auf seine Lieblingsstelle im Wohnzimmer setzten – da, wo ab acht Uhr sein gefüllter Napf steht und er in aller Ruhe speisen kann. Andere Hunde ziehen an der Leine, wenn es zum Hundeplatz geht – Milow zieht an der Leine, wenn wir von Hundeplatz weggehen. Und das macht er nur, weil er der schlauste und der tollste Hund der Welt ist und, weil er etwas ganz wichtiges in seinem Leben verstanden hat.

Herr von Podengo ist wieder ein kleines Stück weiter in unserer kleinen Welt angekommen. Die ständige Sorge, am nächsten Tag vielleicht zu verhungern, ist für ihn nicht mehr ganz so nahe. Unsere Wohlstandsgesellschaft kommt in seinem Kopf immer mehr an – und damit auch das Vertrauen, dass es jeden Abend nach der Heimkehr eine ordentliche Mahlzeit gibt.

Milow hat sich jetzt auch innerlich auf den Weg nach Deutschland gemacht!!

Milow wurde auch in der Schule versetzt! Er hat sogar ein paar Klassen überspringen dürfen und darf jetzt schon bei den Großen mitmachen. Ich meine nicht die Hundeschule, sondern die Schule des Lebens in einer Welt, die von Menschen für Menschen gemacht wurde. Hunde und andere Tiere können hier nur leben, indem sie menschengemachte Regeln lernen und befolgen. Anständig an der Leine zu gehen, andere nicht zu belästigen, an der Bordsteinkante Sitz zu machen und auch mal eine Weile alleine in der Wohnung bleiben – das alles und noch viel mehr kann Milow schon richtig gut und er macht sein Frauchen jeden Tag etwas stolzer!

Ja richtig, wir diskutieren noch häufig über den Leinenruck als adäquates Erziehungsmittel für Hundehalter. Oft bin ich es echt leid, andauernd von ihm gemaßregelt zu werden, weil ich zu langsam bin oder die toll riechende Stelle vor uns nicht wahrnehmen kann. Mitlerweile gibt er sich etwas mehr Mühe, mir nicht immer gleich die Hand von Arm zu reißen, nur weil ich solch eine lahme Ente bin. So langsam finden wir beide einen gemeinsamen Weg, damit umzugehen, dass wir außerhalb unserer Wohnung durch eine Leine verbunden sind. Wir haben einen Deal gemacht: Ist die Leine an seinem Halsband fest, habe ich das Bestimmungsrecht und Milow omuss sich nach mir richten. Ich richte mich nach ihm, wenn die Leine am Geschirr fest ist; d.h. er kann sich im Radius der Leine frei bewegen – meistens nehmen wir dann auch die ganz lange Schleppleine. Und wenn es dann an der Leine ruckt, habe ich halt nicht genug auf ihn geachtet – und Pech gehabt! Das klappt mitlerweile sehr gut und das Umstöpseln von Halsband auf Geschirr und wieder zurück ist ein kleines aber sehr wichtiges Ritual geworden.

Dass er einen Namen hat, ist auch bei Milow inzwischen angekommen. Eine großartige Leistung meine ich, wenn man bis vor kurzen so etwas wie einen Namen gar nicht hatte! Und es ist richtig praktisch, einen Hund zu haben, der seinen Namen kennt. Wenigstens guckt er jetzt regelmäßig, wenn ich ihn rufe – wenigstens das.

Und anderen Hunden gegenüber ist er wesentlich ruhiger geworden. Das war am Anfang so richtig ein Problem. Vor allem dann, wenn er an der kurzen Leine war und die anderen gepöbelt haben. Ich bin richtig stolz auf meinen Halunken. Mitlerweile kennen wir uns aber auch recht gut und wissen uns einzuschätzen. Manchmal weiß er den Bruchteil einer Sekunde bevor ich meckere schon, dass ich meckern werde – manchmal lässt er es drauf ankommen, manchmal nicht. Milow ist ein toller Hund, der tollste der Welt. Er hat eine gute Erziehung verdient.

Auch mit dem Fahrradfahren klappt es mitlerweile schon sehr viel besser. Er bleibt nicht mehr alle paar Meter abrupt stehen, weil auf dem Weg irgendetwas lecker gerochen hat. Irgendwie hat er verstoanden, das dieses nicht besonders gesund für mich ist, wenn ich nur zwei Räder unter dem Hintern habe und nicht vier Beine – und, dass mich das böse macht, wenn ich andauernd vom Fahrrad falle. Mitlerweile warnt Milow mich vor und wird erst mal langsamer und gibt mir die Chance, anzuhalten. Ich finde das nett von ihm, denn so was machen nur echte Kumpels. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen, heißt es, und wir sind auf dem richtigen Weg – glaube ich!

Und ein neues Handy wollte ich mir sowieso schon länger zulegen. Meine alte Möhre war schon ein paar Jahre alt und hatte sich angewöhnt, in unpassenden Momenten einfach mal so auszugehen. So etwas nervt und Milow mag mich nicht, wenn ich genervt bin. Ehrlich, das war eine große Entscheidungshilfe für mich, als ich abends ins Schlafzimmer kam und der tollste Hund der Welt auf dem Bett inmitten der Reste meines Telefons lag. So etwas machen nur echte Freunde und Milow sei Dank kann ich jetzt wieder sorglos telefonieren!

Und zum Schluss noch schnell die Krönung: Hattet ihr schon mal einen Hund, der sich gerne im Spiegel betrachtet? Ich bisher nicht! Klein Luna reagiert zwar ab und an mal auf Bilder im Fernsehen – aber nicht wirklich oft. Keiner meiner Hunde hatte bisher auch nur eine Spur Interesse für sein eigenes Spiegelbild – und ich ging bisher immer davon aus, dasso sie dieses einfach nur als zweidimensionales Bild wahrnehmen. Milow ist da völlig anders! In meinem Schlafzimmer steht seit über einem Jahr ein großer Spiegel auf dem Fußboden, weil ich bisher zu faul war, zwei Löcher in die Wand zu bohren und ihn aufzuhängen. Milow steht oft davor und betrachtet sich von allen Seiten, schaut sich selber in die Augen und scheint immer wieder erstaunt zu sein, dass es ihn zweimal gibt. Ich bin mir mitlerweile sehr sicher, das er sich im Spiegel selber erkennt und dass er nicht davon ausgeht, einem anderen Hund gegenüber zu stehen – da würde er sich völlig anders verhalten. Ich staune jedes mal Bauklötze!. Ich hatte bisher leider nie rechtzeitig eine Kamera zu Hand, aber ich hoffe doch, dass ich es mir bald mal gelingt, davon eine kleines Video zu machen.

„Do you speak podengo?“ ist erstaunlicherweise fast einmal rund um den Globus geschickt worden. Von Texas/USA und Venezuela über Portugal und Spanien bis in die skandinavischen Länder wurde dieser Text gelesen und aus allen Himmelsrichtungen erreichten uns unzählige Ratschläge, Tipps und Erfahrungsberichte. Fast überall auf der Woelt gelten Portugiesische Podengos als ausgesprochen liebe und sensible, aber ebenso als ungewöhnliche, ängstliche, erziehungsresistente und verfressene Hunde. Diese Hunde sind einfach anders – auch ohne die Erfahrung des Straßenhund-Daseins. Milow, der Halunke, hat nun Kumpels auf der ganzen Welt. Ihm ist das so ziemlich egal, aber ich freue mich sehr darüber. Es ist schön zu wissen, dass da noch andere sind – außer uns! Danke für Eure großartige Freundschaft und macht mit diesem Bericht das gleiche wie mit dem ersten – schickt ihn raus in die Welt!

Einige von Euch baten mich, ab und an mal wieder von Milow und seiner Entwicklung zu berichten. So entstand die Idee, „do you speak podengo?“ immer mal wieder neu aufzulegen und hier zu veröffentlichen. So werde ich es tun, weil ich es gerne tue!

Danke Euch allen!
Danke für Eure Geduld mit einer, zu deren Vorzügen die Geduld nicht gehört!
Danke!

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Teil I:   Milow geht Containern!

Teil III: Milow und die Straße

Teil IV: Milow und sein neues Zuhause

Na, dann mal ran an die Tasten und einen Pfotenabdruck dagelassen!

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