do you speak podengo? (vol.3)

(Das neue Leben eines Straßenhundes)

Milow PodengoWenn Du einmal eine Weile auf der Straße gelebt hast, dann wirst Du sie nie wieder los. Sie wird immer in Deinem Kopf bleiben und eine große Rolle in deinem Fühlen und Denken spielen. Ich weiß sehr genau, wovon ich rede! Du wirst immer anders sein, denn du hast Dinge erlebt und gesehen, von denen andere noch nicht einmal träumen:

Die Freiheit, die du auf der Straße hast ist die größtmögliche Ungezwungenheit, mit der du leben kannst. Die Freiheit, dahin gehen zu können, wohin du gehen willst – und die Möglichkeit, alles so zu machen, wie es dir gerade in den Kopf kommt – weil es sowieso keinen interessiert. Du kannst kommen und gehen wie und wann du willst – keiner fragt nach dir und keiner vermisst Dich. Keine Konventionen, keine Bindungen und keine Fragen. Du bist niemandem verpflichtet außer Dir selber – wenn überhaupt! Deine Probleme sind Kohldampf und schlechtes Wetter – sonst nichts!

Hermann van Veen sang einmal: heute hier morgen dort, bin kaum da muss ich fort, … ! Das war für mich immer mehr als ein Lied – fast eine Hymne!

Auf der Straße bist du frei. Keiner will Dich wirklich haben. Fast jeder andere ist froh darüber, dass du frei bist. Jeder schickt Dich wieder weg. Keiner fühlt sich dir verpflichtet. Freiheit bedeutet auch, kein zu Hause zu haben. Die Freiheit ist da, wo die Straße ist – und die Straße ist endlos lang – fängt weit hinter Dir im Irgendwo an und hört vor Dir im Nirgendwo auf – ganz weit hinter dem Horizont – da, wo Du sowieso niemals hinkommst! Die Straße ist immer in Bewegung, voller Gefahren und bietet niemals Sicherheit und Unterschlupf. Keine Wärme, keine Geborgenheit – keinen Platz zum Ankern. Immer auf dem Sprung, jederzeit wieder weg zu müssen!

Freiheit bedeutet, keinen Platz im Leben zu haben. Nicht zu wissen, wo man hingehört. Keinen Platz auf der Welt zu haben, wo jemand wartet, wenn man mal etwas länger als nur kurz weg ist. Freiheit wird schnell zur sprichwörtlichen Vogelfreiheit – man ist zum Abschuss freigegeben – keiner will einen mehr haben in dieser Welt.

Wenn Du Glück hast, dann wirst du irgendwann eingefangen. Dann wirst Du von irgendetwas in deinem Leben, was Du vorher gar nicht so bemerkt hast, aufgehalten. Vielleicht sind es Menschen, die du triffst. Oder es ist ein Ort, an den Du gelangst – ein Ort, wo du gerne bist und für den es sich zu kämpfen lohnt. Kann auch sein, dass Dir Dein Anker, den Du schon seit Jahren mit Dir rumschleppst zu schwer wird und er runterfällt. Vielleicht bist Du auch einfach nur müde geworden und hast keine Lust mehr, immer wieder davon zu laufen! Das fühlt sich gut an, wirst Du merken, und Du wirst bleiben

Ein sehr schlauer Mann, den ich früher schon immer bewundert habe, schrieb einmal in einem fürchterlichen dicken Buch einen Satz, den ich nie vergessen habe: Die Freiheit an sich gibt es nicht! – es gibt nur die Freiheit von oder für etwas. Zum Beispiel die Freiheit, sich dort aufhalten zu können, wo man möchte. Oder die Freiheit, über seinen Beruf und seine Arbeit selber entscheiden zu können. Freiheit ist immer relativ und bezogen auf andere Dinge. Freiheit kann an sich nicht definiert werden und ist somit abhängig von dem, wovon man frei ist! Der Begriff Freiheit ist paradox, weil er unfrei ist! Kompliziert? – finde ich nicht.

Das Buch hieß „Das Sein und die Zeit“, der schlaue Mann hieß Martin Heidegger und bis auf dieses und den einen Satz konnte ich mir auch nichts weiter aus dem dicken Buch merken.

Milow der Straßenhund, der in einem früheren Leben auf der Straße so unendlich frei war – dieser Straßenhund, der gegen seinen Willen eingefangen, eingesperrt und dann irgendwann ebenso gegen seinen Willen in ein anderes und vollkommen fremdes Land verfrachtet wurde – dieser Straßenhund ist heute immer noch frei! Frei von ganz anderen Dingen, als früher. Er ist frei, von dem täglichen Zwang, irgendwo Fressbares klauen zu müssen und frei von der Angst, dass dies mal wieder nicht klappt. Vor allem ist er nun frei davon, die Menschen um ihn herum als Wesen zu erleben, die ihm jederzeit Schmerzen zufügen können. Die ihm jederzeit weh tun können, nur weil Essensreste und Müll klauen eben auch ein klein wenig Lärm und Dreck macht. Milow mag Menschen außerordentlich gern und deshalb müssen so viele Erlebnisse aus seinem alten Leben fürchterliche und schreckliche Erinnerungen sein.

Neulich auf dem Hundeplatz spielte ich mit meinen beiden vierbeinigen Lebensgefährten Ballwerfen und normalerweise stehen beide in dem Moment wo ich werfe so ziemlich neben oder etwas hinter mir. In diesem einen unsäglichen Moment wo ich zum Werfen aushole steht Milow einige Meter vor mir und nur aufgrund meiner ausholenden Bewegung, die scheinbar auf ihn zielt, fährt er in schrecklichster Panik zusammen, fängt fürchterlich an zu schreien und will nur noch weglaufen. Da er von unserem Hundeplatz nicht weglaufen kann, wirft er sich nach einer Weile gekrümmt auf den Boden und ist in seiner Panik absolut nicht ansprechbar. Als klein Luna sich ihn vorsichtig nähert, beisst er blind um sich – er erkennt für eine Weile weder mich noch seine Freundin – totales Blackout! Ich glaube, ich muss niemandem beschreiben, wie es mir neben ihm ging – mir kommen jetzt hier beim Schreiben noch die Tränen. Ich musste in meinem Leben selber schon sehr viel Angst aushalten – wie viele Menschen, aber in diesem Ausmaß habe ich so etwas noch nicht erlebt. Und ich betone nochmals: es war ausschließlich die ausholende Bewegung in Milows Richtung und einfach nur die Möglichkeit, dass ich irgendetwas nach ihm Werfen könnte. Es kam überhaupt nicht mehr zum Wurf!

Was muss dieser Hund erlebt und gelitten haben – erlitten haben von Menschen, die er doch so sehr liebt. Als ich ihn vor einiger Zeit unserer Hundedoktorin vorstellte, bemerkte diese auf seinen Röntgenaufnahmen, das Milow zwei schlecht verheilte Wirbelbrüche hat, die ihm im Alter wohl noch einiges an Schmerzen bereiten werden. Wie stark muss man zuschlagen, um einen Knochen von drei bis vier Zentimeter Breite zu zertrümmern? Milow hat panische Angst vor Kettengeräuschen und metallischem Geklapper! Was wurde dieser Seele nur angetan? Noch heute reagiert er sehr skeptisch und ängstlich auf meinen Schlüsselbund, wenn ich es in die Hand nehme. Milow liebt in seiner Verfressenheit Leckerli aller Art. In der Regel braucht man ihn gar nicht zu rufen, wenn es welche gibt, weil er längst schon da ist. Aber wehe er merkt, das man ihn mit Leckerli anlocken will oder zu etwas bewegen will, worauf er gar keinen Bock hat. Sofortige Panik und Flucht sind die Folge.

Wenn ich doch nur mit ihm drüber reden könnte. Wenn er doch nur so über Freiheit philosophieren und dummschwatzen könnte wie ich. Wie muss er sich in seiner neuen und freien Welt fühlen, wenn er noch nicht einmal mehr weglaufen kann? – weil er die ganzen Ängste und Erinnerungen in seinem Kopf mitgenommen hat? – wären diese doch bloß in Portugal geblieben! Auf der Straße konnte er abhauen und sich in Sicherheit bringen – oder sich wenigstens das Gefühl verschaffen, erst mal in Sicherheit zu sein. Der Preis seiner neuen Freiheit ist, die Freiheit der Straße hinter sich lassen zu müssen!

Oft frage ich mich, wie würde Milow sich heute entscheiden, wenn er sich entscheiden könnte. In Portugal haben Angst und Hunger sein Leben bestimmt – dafür konnte er sich unbeschränkt und frei bewegen. Hier in Deutschland muss er lernen, lernen und nochmals lernen. Er muss vollkommen neue Verhaltensregeln kennenlernen – zum Beispiel in der Hundeschule. Er muss lernen, dass er nun einen Namen hat und wer ist – eine Persönlichkeit, die anerkannt wird. Er muss lernen, dass er keine Angst mehr zu haben braucht und, dass Hunger von nun an ein Fremdwort für ihn ist Er muss lernen, dass seine Menschen seine Freunde sind und ihm niemals absichtlich weh tun würden. Freiheit gegen Freiheit – eine schwere Entscheidung.

Ich habe mich einmal in meinem Leben ganz bewusst für die Unfreiheit entschieden – für das Ankern an einem Ort und für das Binden an andere Menschen. Ich bereue es jeden Tag und träume oft davon, einfach wieder loszumarschieren – immer den warmen Sonnenstrahlen nach. Aber nie so doll, dass ich meine damalige Entscheidung rückgängig machen würde. Nie so doll, dass ich meinen Anker wieder lichten und die Maschine klar machen würde. Ich bleibe da wo ich bin – ich bin hier mitlerweile festgewachsen und will nicht wieder weg. Meine Welt ist eine Scheibe mit einem Radius von allerhöchstens 250 km – so ungefähr von hier bis zur Nordsee!

Und jeden Morgen wenn ich aufwache, bin ich ein kleines Stück sicherer, dass es unserem Milow, dem Herrn von und zu Podengo aus dem sonnigen Portugal, nicht viel anders geht! Milow ist hier bei uns angekommen und ich spüre seinen Anker sehr tief in meinem Herzen. Ich glaube, er will gar nicht mehr zurück in sein doofes Portugal – möchte ich allzu gerne glauben!

Eines Tages werde ich ihm die Chance geben und ihn vor die Wahl stellen – dann heißt es Leinen ab und Anker los – dann kann er frei entscheiden, ob er wieder abhaut oder bei uns bleibt! Das habe ich ihm versprochen und so werde ich es auch tun. Kann nur passieren, dass ich dann mit ihm gehe, wenn er gehen will. Damit muss der Halunke dann rechnen – denn mich wird man so schnell nicht wieder los. Liebe ist manchmal wie ein Kaugummi – klebt fest und geht nicht wieder ab. Klebt so fest, dass man damit sogar Anker lichten kann – sagt man!

Ist mal wieder spät geworden in unserer kleine Höhle, die Heizung ist schon aus und in Deutschland wird es jetzt abends kalt – auch bei uns! Milow und Luna haben sich im Bett schon längst ihre Schlafhöhlen gebaut und ich muss zu sehen, endlich auch in die Horizontale zu kommen. Vielleicht gibt’s für mich ja auch noch einen warmen Platz unter der Decke – so ein kleines Eckchen links von Milows Burg, etwas seitlich von Lunas Höhle. Sicher ist das so, denn wir halten zusammen hier. Und wir haben es nicht schlecht getroffen, denn das Leben ist schön!

Gute Nacht für heute !!
Danke für das Zuhören!

Banner 728x90

Teil I:   Milow geht Containern!

Teil II:  Milow und der Müll

Teil IV: Milow und sein neues Zuhause