Whisky und Wodka

Erinnerungen an das zweite Leben: 

Lara wusste nicht mehr, wie sie an den Whisky gekommen war. Der war irgendwann einfach da und hat sie lange Zeit nicht mehr verlassen. Er war etwas herbe, unverdorben und so braun, wie ein Whisky wohl sein soll. Lara wusste nicht viel über Whisky, sie trank lieber Bier, und davon jede Menge! Über Bier wusste sie allerdings auch nicht viel. Wo es das meiste für am wenigsten gab, da kannte sie sich aus! Die Dosen vom Aldi waren genau richtig – das war ihr Bier. Whisky war ein toller Name für einen Hund, viel besser als Karlsquell oder ähnliches, hatte sie sich so ausgedacht. Ein brauner Hund mit Mundgeruch kann ruhig so heißen – vor allem, wenn er auch noch aussieht wie eine Flasche.

Whisky war eines Morgens einfach da, wobei damals schon nicht klar war, wer eigentlich zu wem gekommen war. Lara wusste selten, wo sie war und wieso sie da war, wo sie war. Vielleicht war der Hund ja schon vorher da und Lara kam zu ihm – oder umgekehrt. Sie wachten an diesem Morgen gemeinsam auf, zwei in einem Schlafsack, und so sollte es für lange Zeit bleiben – das Fußende der Tüte war Whisky’s Platz und Lara sollte niemals wieder kalte Füße haben. Viel wichtiger war aber, dass die beiden nicht mehr alleine waren – das war sehr gut und sollte viel verändern in ihren Leben – sehr viel!

Das ganze passierte so um 1980 irgendwo zwischen Westberlin, Hamburg und einer kleinen Stadt an der Nordsee. Lara war so gerade volljährig, hatte kein Zuhause und lila Haare. Der Iro sah absolut mistig aus, wie im Blindflug ohne Spiegel selber geschnitten.  Jeder sollte sehen, wie beschissen sie die Welt um sich herum fand – und sich selber auch! Das gelang ihr sehr gut und deshalb hatte sie auch keine Freunde. Sie mochte gerne Hunde um sich haben – mit Hunden kam sie gut klar und sie hatte niemals das Gefühl, dass ein Hund es auch nur einmal unehrlich mit ihr meinte! ‚Hunde sind korrekt!‘, sagte sie oft und wollte damit eigentlich sagen, dass ihr die meisten Menschen zuwider waren!

Es war die Zeit des Punk, der Sex Pistols und Sid Vicious lebte noch. Es war die Zeit der Hausbesetzungen. Bei einer Hausbesetzung mitzumachen, war nicht nur angesagt und politisch korrekt, sondern es war auch praktisch, wenn man keine eigene Wohnung  hatte! Keine Verpflichtungen und immer was los – anders kannte Lara das Leben nicht. Die Neue Deutsche Welle hatte schon einen Fuß in der Tür und Lara liebte die Musik einer Kapelle namens Ideal: Deine blauen Augen machen mich so sentimental, wenn ich dich so anschau wird mir alles andere egal! – ich kann mich sehr gut an ihre Stimme erinnern, wenn sie es mitgröhlte, sie selber hat es längst vergessen.

Ich weiß nicht mehr viel von Whisky, außer, dass er immer da war, wo Lara war – oder umgekehrt. Klein, braun, wuschelig und schon etwas älter mit grauem Bärtchen, so habe ich ihn in Erinnerung. Immer für eine Toberei zu haben, total verrückt nach Dosenbier und ständig auf der Suche nach irgendetwas Fressbarem! Whisky war unsterblich und unkaputtbar, einer von denen, die einfach dazugehören und immer da sind – immer! – dachten wir!

Und dann war Wodka da, fast mehr ein Pferd als ein Hund. Whisky hatte zweimal übereinandergestellt unter sie drunter gepasst. Sehr praktisch – vor allem, wenn es regnete! Lara sollte eigentlich nur ein paar Tage auf sie aufpassen – nicht zu ihrem Nachteil, meinten die Leute, die Wodka mit ins Haus brachten. Die Jungs kamen nie wieder und das Mädchen wurde eine Berlinerin. Lara nahm es nicht nur einfach so hin, sie freute sich sogar, denn sie mochte Wodka und Wodka mochte Whisky.

Wodka hieß eigentlich gar nicht so, denn Wodka hieß einfach nur Wo und das war die Abkürzung von Wolke. Wo passte sehr gut zu ihr, denn sie war recht umtriebig – mal hier, mal da und mal weg. Lara fand es aber besser, dass Wo die Abkürzung von Wodka ist, denn das passe so klasse zu Whisky und wenn man schon zwei Hunde habe, also, dass müsse schon passen. Die große helle Dogge hieß dann irgendwann auch so, weil es keine mehr gab, die sich an etwas anderes erinnern konnten. Außerdem war Wodka alles andere als eine Wolke.

Wodka kam aus besserem Hause, erzählte Lara oft, und Wodka war eine Argentinische Dogge. Heute sagt mir das mein Hundeatlas, früher hat es keinen wirklich interessiert – Lara schon gar nicht. Wodka war sehr gut erzogen, von irgendwem, und konnte fast alles, was Hunde so können sollten: Sitzen , Platz machen, bei Fuß gehen, Herkommen und auch Abhauen – alles auf Kommando, wenn sie es so wollte!

Whisky und Wodka waren ein Dreamteam. Wodka wurde nicht gerne angefasst oder festgehalten, außer von Whisky – der durfte alles bei ihr! Beide waren unzertrennliche Freunde und Lara war immer mit dabei – immer vorne weg! Lange Jahre ging das so und die Welt bestand fast nur noch aus Dosenbier und Hundespielen. Mein ganzes Leben damals war eine einzige Hundewiese, wird Lara irgendwann einmal sagen. Ein Traum, der zu einem Alptraum wurde, als Whisky starb. Da war nur ein Auto zuviel auf der Straße und ein großer Knall, der auf einen Schlag mehrere Leben zerstörte. Whisky war sofort tot, Wodka wurde krank und Lara wollte sterben – ohne Wodka wäre sie heute nicht mehr am Leben.

Es war ein Sonntag, als sie in der Klinik aufwachte – sie war alleine und es fehlten fast zwei Wochen in ihrem Hirn. Bis zum heutigen Tag ist diese Zeit nicht zurückgekommen. Whisky’s Tod hatte sie innerlich zerrissen! Sie hatte immer mehr getrunken, immer öfter die Kontrolle verloren – auch über Wodka. Lara wurde straffällig, brach nachts in Kioske und Tankstellen ein, wurde erwischt, eingesperrt und wieder freigelassen. So auch an diesem einen Abend und der Streit mit dem Tankstellenpächter endete mit einem bösen Schlag auf dem Kopf. Lara lag nun alleine in der Klinik und Wodka war alleine im Tierheim – unterbracht mit gerichtlicher Verfügung! Lara wurde bald entlassen, Wodka musste im Tierheim bleiben.

Wieder auf der Straße hatte Lara einen Plan. Das erste mal in ihrem Leben hatte sie eine Vorstellung von dem, wie sie die nächsten Tage und Wochen verbringen wollte. Lara hatte einen Plan, denn sie wollte ihre Wodka wieder an ihrer Seite haben. Es war nicht so, dass sie der Welt etwas beweisen wollte – es war so, dass sie etwas verstanden hatte! Sie wollte zurückgeben, was sie so lange genommen hatte: die Liebe eines Tieres. Sie wollte Wodka wiederhaben, denn sie fühlte sich verantwortlich für sie! Lara hatte endlich die Kraft, ihr ganzes Leben auf den Kopf zu stellen und aufzuräumen. Ihre Strafen, die das Gericht ihr in den letzten Jahren aufgebrummt hatte, konnte sie im Tierheim abarbeiten und in den Pausen durfte sie Wodka besuchen. Lara trank nicht mehr und machte eine ambulante Therapie. Sie fand eine Bleibe in einer therapeutischen Wohngemeinschaft. Es war nur ein kleines Zimmer, aber zum ersten Mal im Leben hatte sie ein eigenes Reich, nur für sich alleine. Die Gassigänge mit Wodka zum Feierabend wurden immer länger und als der T
ag kam, wo sie Wodka das erste mal für eine Nacht mit in die WG nehmen durfte, musste sie stundenlang vor Glück weinen.

Der Iro war lange rausgewachsen und die schwarzen Haare standen ihr eigentlich gar nicht schlecht. Bei meinem ersten Besuch in ihrer neuen Bude hatte ich sie kaum wiedererkannt. Sogar neue Klamotten hatte Lara sich zugelegt, so richtig schick – und einen Blaumann für die Arbeit, den sie mir total stolz präsentierte. Wodka musste immer noch im Tierheim schlafen, weil Lara noch keine eigene Wohnung gefunden hatte. Ein mit uns befreundeter Sozialarbeiter verschaffte ihr eine Ausbildungsstelle als Erzieherin in einem Hamburger Kinderheim. Lara zog nach Hamburg, fand eine kleine Wohnung und konnte endlich ihre geliebte Freundin Wodka wieder zu sich holen. Über ein Jahr war vergangen und es waren damals nur zwei Dosen Bier und ein Schokoriegel, die den beiden fast das Leben gekostet hätten.

Heute sitzen wir oft zusammen und lachen über diese Zeiten – und wir denken an Whisky und Wodka, von denen es leider nicht ein einziges Foto gibt! Wodka hat mich seßhaft gemacht und mir ein Zuhause gegeben, wird sie irgendwann einmal sagen. Lara schaffte damals ihre Ausbildung als Erzieherin und arbeitet heute sogar als Sozialarbeiterin, aber sie hat nie vergessen, wo sie hergekommen ist!

Wodka lebt seit fast 25 Jahren nicht mehr und wacht wie ein Schutzengel bis zum heutigen Tag über Laras Leben. Ganz weit oben auf dem Regenbogen, da wo der höchste Punkt ist, da steht sie oft und schaut zu ihr runter. Einen mahnenden Blick hat sie dann aufgesetzt, den Kopf etwas geneigt und die Stirn kraus in Falten gelegt, so ganz nach Art einer Dogge. Whisky steht unter ihr und unterstützt seine Freundin nach Kräften mit einem mahnenden Bellen. Oft gesellen sich dann noch zwei weitere Hundedamen und einige Katzen dazu, die bis heute Laras Leben bereichert haben. Ganz schön voll geworden da oben, geht mir gerade durch den Kopf, aber Lara würde den Kopf schütteln und sagen:

„Das ist noch längst nicht alles und ich habe noch sehr viel vor!  Wenn ich da oben irgendwann selber mal ankomme, werde ich dort wohl eine eigene Hundewiese brauchen.“

aus „Mistköter und Seelenhunde“ von Severine Martens,
Manuela Kinzel Verlag, Dessau/Göppingen,
ISBN 978-3-95544-005-3,
9,90 Euro.
Ab Dezember 2013 im Buchhandel, Vorbestellungen über den Verlag möglich!
© Severine Martens und Manuela Kinzel Verlag

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