Nach dem Tod

‚Nichts ist ewig, außer die Liebe!’
– Gandhi –

Das mit dem Tod und dem Sterben ist so eine Sache. Keiner möchte sich wirklich damit beschäftigen und wir alle leben so, als wenn wir noch ein paar Leben auf Vorrat im Keller hätten.

Ich bin da überhaupt nicht anders, aber seitdem ich alleine lebe, beschäftigt mich die Frage: Was passiert mit meinen Hunden, wenn mir mal etwas zustößt und ich nicht mehr nach Hause kommen kann? Luna und Milow sind dann alleine in der Wohnung und keiner weiß das! Vielleicht liege ich nach einem Unfall schwer verletzt und bewußlos in einem Krankenhaus. Angehörige sind vielleicht nicht zu erreichen oder leben in fernen Ländern, wie es bei mir der Fall ist. Wer kümmert sich um die, für die ich Verantwortung trage und um die, die von mir abhängig sind?

Es gab da einmal ein Filmszenario auf einem britischen Fernsehsender über Frage, was passiert, wenn auf einem Schlag alle Menschen von der Erde verschwinden. Eine der ersten Folgen wäre, dass alle vom Menschen eingesperrten Tiere verhungern oder verdursten, soweit sie sich nicht selber befreien können. Neben Zoo- und Nutztieren trifft es Hund, Katze, Maus und Co., die in einer verschlossenen Wohnung auf die Heimkehr ihrer Menschen warten. Meines Wissens kann ein Hund ganze drei Tage auf Wasser verzichten, ohne größeren Schaden zu nehmen – aber nach fünf Tagen ist er tot. Katzen halten es etwas länger aus!

Als vor mehr als zwei Jahren mein Mann starb, wollte auch ich nicht mehr leben. Ich wollte mich nicht selber töten, aber ich hatte jeden Tag das Gefühl, das mein Ende in dieser Welt auch nahe war. Das war damals ein sehr angenehmes und beruhigendes Gefühl für mich, weil es bedeutete, dass ich meinen lieben Mann bald wiedersehen würde. Für mich war die Welt stehen geblieben, der Erdball drehte sich unter meinen Füßen weg und das Einzige, was mich noch mit der Welt verband, waren Luna und Rocky. Meine Liebe und meine Verantwortung für die beiden hielten mich fest in diesem Leben und ließen es nicht zu, dass ich sie nun auch noch alleine lasse.

Ich suchte nach Möglichkeiten, für meine Hunde auch dann noch sorgen zu können, wenn ich es selber gar nicht mehr kann. Ich hatte über zehn Jahre an der Seite eines sehr kranken Menschen gelebt und wusste, wie schwer es für andere wird, wenn man sich selber nicht mehr mitteilen kann. Ich wollte dem zuvor kommen und Vorsorge treffen. Ich wollte einen Notfallplan, der im Bedarfsfall auch ohne mich funktioniert – unabhängig von den beteiligten Menschen. Ich wollte ein System, das auch ohne mich funktioniert und das nicht nur auf Gefälligkeiten aufbaut. Ich wollte absolute Zuverlässigkeit und die ließ sich nur über finanzielle Vorteile für alle Beteiligten erreichen!

Noch zu Christians Lebzeiten hatte ich eine Lebensversicherung abgeschlossen, die meinen Mann in die Lage versetzen sollte, sich um die Hunde zu kümmern und sich jede erdenkliche Hilfe leisten zu können. Christian war sehr krank und konnte es selber nicht mehr. Mit dem hiesigen Waldtierheim schloßen wir einen Vorsorgevertrag, der für den äußersten Notfall vorsah, dass Luna und Rocky dort jederzeit aufgenommen werden konnten.

Nach dem Tod meines Mannes funktionierte dies alles nicht mehr, weil niemand mehr da war. Wer sollte nun informiert werden, falls ich verunglücke und wer sollte nun meinen Hunden helfen? Durch Zufall stieß ich auf einen noch recht neuen Haustier-Notruf, dem wir bis heute die Treue halten. Dort sind auf einer großen Datenbank alle aktuellen Daten zu den Tieren hinterlegt – von Krankheiten und Medikamenten über Eigenarten und Gewohnheiten bis hin zu der Frage, wie man in die Wohnung kommt und, wer evtl. noch Ansprechpartner ist. In meiner Brieftasche trage ich einen kleinen Ausweis mit allen Zugangsdaten und an allen Schlüsselbunden entsprechende Anhänger. Rettungskräfte und die Polizei gucken zuerst immer dort. Der Notruf ist rund um die Uhr über einen Freecall erreichbar.

Die damals abgeschlossene Lebensversicherung besteht noch heute und begünstigt ist jetzt der Trägerverein des Waldtierheimes. Dieses wurde in den damals abgeschlossenen Vorsorgevertrag aufgenommen und der Versicherungsschein wird dort im Original aufbewahrt. Luna und Milow haben zusätzlich jeweils Paten aus meinem Freundeskreis, deren Daten ebenfalls beim Haustier-Notruf hinterlegt sind. Diese werden im Notfall zeitgleich mit dem Tierheim informiert, um für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen – auch dafür, dass diese tatsächlich im Waldtierheim ankommen und nicht irgendwo anders! Gleichzeitig sollen Paten und Tierheim sich gegenseitig etwas ‚auf die Finger schauen.

Luna und Milow ist das nun alles mal wieder so ziemlich gleich, was ich hier schreibe – die wollen im Moment einfach nur raus, weil grad mal die Sonne scheint. Ich hingegen kann nun wieder ruhig schlafen und habe das Gefühl, auch wirklich alles für meine Lieben getan zu haben. Mich plagen keine schweren Krankheiten und ich werde wohl auch so schnell nicht eines natürlichen Todes sterben, denn Unkraut vergeht nicht. Ich lebe auch nicht besonders isoliert und zurückgezogen. Über Freunde und Hundebekanntschaften kann ich mich in diesem Leben nicht beklagen. Und trotzdem verschafft mir erst der Hintergrund von 50.000 Euro die Gewissheit, dass mein Plan ohne weiteres Zutun auch wirklich klappt.

‚Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!’
– Hannibal, A-Team –

aus „Mistköter und Seelenhunde“ von Severine Martens,
Manuela Kinzel Verlag, Dessau/Göppingen,
ISBN 978-3-95544-005-3,
9,90 Euro.
Ab Dezember 2013 im Buchhandel, Vorbestellungen über den Verlag möglich!
© Severine Martens und Manuela Kinzel Verlag