Peanuts Wiese

Peanuts ist ein Hund. Sie ist ein Mädchen und sie mag Hirsche. Deshalb ist sie auch ein Deerhound, was für die Hirsche nicht so gut ist und Peanuts überhaupt nicht stört. Sie hat deshalb ihren eigenen Hundeplatz mit einem hohen Zaun drum herum. Das sind fast viertausend Quadratmeter nur für sie, wo sie nach Lust und Laune frei toben und herumflitzen kann. Peanuts, die Hirsche und wir alle finden das richtig toll, denn wir dürfen mit unseren Hunden auch auf diesen Platz.

Peanuts hat einen Freund, der Leon heißt und der ein Kumpel vom Milow ist. Luna mag Peanuts nicht, weil die immer alle anderen über den Haufen rennt. Die kleine Prinzessin findet sowas total doof und versteckt sich dann lieber unter unserer kleinen Sitzbank. Milow findet Peanuts toll, weil man die toll verprügeln und über die Wiese scheuchen kann. Die ist zwar schneller, kann aber in Gegensatz zu Milow nicht im Zickzack rennen. Der Halunke kann sowas, weil in Labradengos Kaninchen mit drin sind – ganz bestimmt.

Früher – und das ist bestimmt schon fast 10 Jahre her – da hatte die Peanuts eine Schwester, mit der sie zusammen wohnte und die ihre beste Freundin war. Die hieß Liza, war auch ein Deerhound und mochte Hirsche fast noch lieber als ihre Schwester.

Peanuts und Liza waren gemeinsam unterwegs, um Essen zu besorgen. Ihr Herrchen war auch mit. Er war aber weit zurückgeblieben, denn auf zwei Beinen kann man nicht so toll durch den Wald flitzen. Dann war da das Reh und die beiden Mädels hielten Hirschbraten für eine gute Idee, weil Rehe ja eigentlich kleine Hirsche sind. Das Bambi flüchtete mit Vollgas und beide Hirschfänger im getreckten Galopp hinterher. Die wilde Jagd wurde auch durch den kreuzenden Bahndamm und den heranrasenden Zug nicht gebremst. Das Reh und Peanuts schafften es noch, Liza nicht. Der ICE zerteilte das Mädchen in zwei Teile, sie war sofort tot! Lizas vordere Hälfte lag neben den Gleisen und wurde im Garten ihres Herrchens würdevoll beerdigt. Die andere Hälfte wurde auch nach tagelanger Suche nicht gefunden.

Eine traurige und grausame Geschichte, die aber auch eine gute Seite hat. Heute haben wir unsere eigene kleine Flitzewiese mit einem Zaun einmal ganz drum herum. Sie liegt in einem spitzen Winkel zwischen zwei Feldern, einem Bach und dem blöden Bahndamm. Dem Bauer war es sowieso immer zu schwer, mit seinen großen Geräten auf diesem Eckchen zu rangieren, und er ließ es einfach verwildern. Die Idee einer eigenen Hundewiese war geboren und der Bauer war schnell überzeugt. Eigentlich war er sogar froh darüber – nicht, weil wir jetzt mit unseren Hunden hierherkommen, sondern, weil dort jetzt regelmäßig gemäht wird. Peanuts hatte jetzt ihre eigene Wiese und die ist bis heute ungefähr viertausend Quadratmeter groß und hat außer dem Zaun auch noch zwei Tore da drin

Fast zehn Jahre ist das jetzt her und viele Hunde von hier sind auf Peanuts Wiese aufgewachsen und groß geworden. Jedes Jahr, wenn das Wetter wieder schöner und wärmer wird, kommen hier viele Hunde aus nah und fern mit ihren Menschen her. Im Winter, wenn es kalt ist, dann sind wir weniger, was uns aber auch nicht so stört. Wir nennen uns dann den ‚harten Kern‘, duzen uns mitlerweile alle und fühlen uns jedes Mal wie die einzig wahren Hundehalter. Im Sommer trumpfen wir dann mit der Frage auf, wo die anderen die letzten Monate waren, und es tut uns immer wieder richtig gut. Nur die harten Zwerge werden halt Gartenzwerge!

Klein Luna ist auf Peanuts Wiese aufgewachsen und hat erst hier gelernt, wie Hunde miteinander reden und so. Das konnte sie vorher gar nicht und ich konnte es ihr nicht zeigen, weil ich kein Hund bin. Den Milow haben wir hier sogar das erste Mal getroffen und kennengelernt. Das war schon ein toller Zufall, wie wir eines Abends im letzten Sommer hierher kamen und Luna sofort anfing, mit dem Milow zu spielen. So etwas hatte mein Frollein zuvor noch nie gemacht und auch ich fing nach einiger Zeit Feuer für diesen Hund. Ich wollte sowieso wieder eine Nummer Zwei an meiner Seite und ich suchte guckte schon länger nach einer ‚passenden‘ Hündin. Ich wollte keinen Rüden – bis zu diesem Moment, da wollte ich einen Rüden! Auch auf Peanuts Wiese fallen die Hunde scheinbar aus dem Himmel, was ich toll finde.

Wenn es irgendwie geht, kommen wir jeden Abend hierher. Wir sind eine klasse Gemeinschaft und sogar die Hunde verstehen sich untereinander – meistens jedenfalls. Doofe Menschen werden hier schnell aussortiert und wieder weggeschickt. Doofe Hunde kriegen in der Regel jede Menge weiterer Chancen, außer ihre Menschen sind auch doof – das ist dann Pechsache! Sogar einen eigenen Verein wollten wir hier mal gründen, weil die Leute mit den kleineren Hunden meinten, vor den Leuten mit den größeren Hunden beschützt werden zu müssen. Der sollte ‚Fußhupe Vorwerk e.V.‘ heißen und war eigentlich nur eine bierseelige Laune, geboren auf einem Grillfest direkt auf der Wiese mit Hunden, Menschen und vielem mehr.

Wir haben hier jedes Jahr richtig viel zu tun! Das ist so, weil es viele Menschen gibt, die Freude daran haben, unsere Wiese kaputtzumachen. Früher standen hier ein gemauerter Grill und einige Parkbänke zum Sitzen – jetzt nicht mehr! Jedes Jahr müssen etliche Zaunpfosten neu gesetzt werden und besonders gerne werden die Tore eingetreten. Alleine in den letzten Wochen haben wir über einhundert Meter Zaun erneuern müssen. Das ist sehr teuer und kostet nebenbei viel Kraft und Arbeit, vor allem bei diesem Schietwetter. Im Sommer muss die Wiese regelmäßig gemäht werden. Löcher, die die Hunde gebuddelt haben, müssen wieder zu gemacht werden. Müll und Hundeköddel müssen eingesammelt werden – nicht nur, weil diese beim Mähen einfach unangenehm sind! Wir haben eigentlich keine Regeln auf Peanuts Wiese, außer Müll einsammeln und nicht buddeln – für die meisten Menschen scheint es immer noch zu kompliziert zu sein. Das ist schade! Meistens repariert Peanuts Herrchen, der ein wunderbar geduldiger Mensch ist, alles alleine. Einige wenige von uns helfen ihm regelmäßig dabei – die meisten haben dann immer was anderes vor, gucken weg und kommen lieber ein anders Mal wieder. Peanuts Herrchen stört das nicht.

Peanuts Wiese ist der Grund, warum Luna, Milow und ich immer noch in diesem Dorf leben. Wir bekommen hier gerne Besuch und geben auch immer mal wieder mit unserer tollen Flitzewiese an. Viele Menschen und Hunde haben wir hier getroffen und noch viel mehr über Menschen und Hunde gelernt. Lizas traurige Geschichte wird uns immer begleiten und ebenso das Glück etlicher Hunde, die hier aufwachsen durften. Peanuts Wiese ist das wunderbare Erbe eines Hundes, den wir selber niemals kennen durften und nur aus Geschichten kennen. Die Freundschaft mit Menschen wie Peanuts Herrchen und auch ihrem Frauchen macht mich unendlich stolz. Wir haben unseren Platz im Leben gefunden und gehen hier niemals wieder weg – finden Luna und Milow auch!

Tor vom großen Dorf zu Peanuts Wiese

Mehr zu Peanuts Wiese in der Geschichte: Zwei Hunde namens Leckerli.

aus „Mistköter und Seelenhunde“ von Severine Martens,
Manuela Kinzel Verlag, Dessau/Göppingen,
ISBN 978-3-95544-005-3,
9,90 Euro.
Ab Dezember 2013 im Buchhandel, Vorbestellungen über den Verlag möglich!
© Severine Martens und Manuela Kinzel Verlag