Der Kopf ist rund

Was für ein toller Tag! Erst bin ich vormittags mit klein Luna bis in die Stadt, zum Futtergeschäft und zum Buchladen geflitzt – und natürlich wieder zurück. Dann kurz ein Häppchen gegessen, den Halunken geschnappt, Fahrrad geschnappt und zum Üben losgezischt. Schnell mal gemeinsam ins Nachbardorf geradelt, wo meine Freundin Almut wohnt und wo ich schon länger nicht war. Heute haben wir tatsächlich mal die Strecke von so vier Kilometern nur geradeaus an einem Stück geschafft. Ich bin total begeistert, wie toll der das mitlerweile schon kann. Klar hatten wir am Anfang und unterwegs einige Puller- und Schnuffelpausen, aber die gehören ja auch dazu und die größte Strecke sind wir auch wirklich gefahren – in echt! Ich bin superstolz auf meinen kleinen Mann! Wenn das Wetter wieder mitspielt, ist morgen dann wohl der große Tag, an dem ich mit Luna und Milow zum ersten Mal gemeinsam Radfahren werde. Ich freue mich riesig und es ist mal wieder unglaublich, was der Halunke im letzten Jahr alles so geleistet und gelernt hat. Noch nicht einmal das hupende Auto, das eine Weile hinter uns herfuhr, hatte ihn sonderlich beeindruckt. Die Postbotin, die wir unterwegs überholten, bekam auch ganz große Augen und wäre mit dem Fahrrad fast im Graben gelandet. Ich freue mich riesig auf morgen. Das wird ein großer Tag für uns alle – ganz bestimmt!

Milow: Ne, was war das wieder für eine Schinderei! Vor allem diese schlechte Laune und ewig die Quakerei über das Wetter. Wir hätten doch viel besser drinnen bleiben können und uns einen tollen Tag in der Küche machen, oder? Aber nein, die muß ja unbedingt die Sachen machen, auf die kein normaler Hund wirklich Lust hat. Ich hatte heute wirklich die Faxen dicke und bin einfach nur mitgelaufen. Erstaunlich, was für eine gute Laune die auf einmal hatte. Besonders nervig fand ich ihre ganzen blöden Quietschlaute. Außerdem frage ich mich, was sie an diesem ganzen stumpfsinnigen Geradeausrennen immer so fein und klasse findet – manchmal ist die wirklich etwas seltsam im Kopf. Naja, heute habe ich es einfach mal schnell und ohne weitere Kommentare hinter mich gebracht. Ich hatte einfach keine Lust heute und mein Plan hat ja auch prima geklappt. So schnell waren wir noch nie wieder zuhause und einen extra Sportlerteller mit Fleisch gab es dann ja auch. Ich komme hier jeden Tag etwas besser klar und so richtig schlecht ist das ja nun auch alles nicht. Es macht doch schon Spaß, ein toller Hund zu sein – vor allem, weil die sich dann immer so richtig freut. Da steckt man dann auch gerne mal zurück und lässt Frauchen einfach mal Frauchen sein – die braucht das doch irgendwie!

Luna: An morgen mag ich gar nicht denken. Wisst Ihr, was ich heute gehört habe? Ihr werdet es nicht glauben: Morgen soll der Blödmann mit uns zusammen radfahren. Wie soll das denn gehen? Wo soll der denn hin? Die rechte Seite ist meine und ich bin doch nicht so blöd und lass mich von diesem Trampeltier platt treten. Auf die andere Seite kann der auch nicht, weil die sonst den Lenker nicht festhalten kann – die ist ja nun auch nicht mehr die Jüngste. Angeblich könne der sich ja jetzt besser benehmen, als im letzten Jahr – angeblich! Das war schon voll peinlich damals. Nirgends konnte man sich mehr sehen lassen – wenn wir überhaupt mal irgendwo angekommen sind. Meistens ging es dann ja wieder sofort wieder nach Hause zurück und ich war diejenige, die in die Röhre gucken durfte. Dabei war heute so ein toller Tag mit der zusammen. Wir sind mal wieder richtig klasse geflitzt und waren in den tollen Geschäften, die so toll riechen. Auf dem Rückweg waren wir sogar noch schwimmen – ist ja alles überschwemmt hier und wo sonst unsere Wiese ist, da ist jetzt ein Teich. Das war richtig toll! Morgen wird bestimmt nicht so ein toller Tag, da gucke ich jetzt richtig gegen an. Naja, andererseits immer zuhause beleiben müssen, wenn die mit den Blödi üben geht, ist auch doof. Vor allem gibt der hinterher immer an wie eine Tüte Mücken und ich weiss nie, ob das so auch stimmt. Ich glaube, ich lasse es einfach mal so auf mich zukommen und vieleicht hat er sich ja wirklich gebessert. Mal sehen, hauptsache, der kann auch ordentlich flitzen!

Postbotin: Das ist ja wirklich beneidenswert, wie toll dieser Hund am Fahrrad mitlaufen kann. Wenn meine Kleine das doch auch nur könnte. Aber diese Frau hat ja auch immer solch ein Gück mit ihren Hunden. Vor allem die kleine Hündin ist ja eine richtig begeisterte Flitzerin. Meine würde niemals so brav immer geradeaus laufen, die würde immer total rumzappeln und mich umwerfen – ganz bestimmt. Die sucht sich die Hunde sicher schon immer so aus, dass die dann auch am Fahrrad so schön mitlaufen können. Das mit dem Rennen und Fahrradfahren liegt den Hunden in den Genen, meine ich jedenfalls. Meine ist dafür auch viel zu bequem und diese Rasse lässt es sich viel lieber zuhause gut gehen. Faulenzen, Fressen, Schlafen und sowas alles liegt der in den Genen. Da hat diese Frau einfach andere Hunde, das ist ein ganz anderer Schlag! Ich werde sie dem nächst mal fragen, welche Rasse der große gelbe Hund ist – ich glaube, wir holen wir uns beim nächsten Mal dann auch so einen.

Almut: Respekt, wie die da heute Mittag zusammen angeradelt kamen. Der Milow hing zwar schon ziemlich in den Seilen und verspätet waren sie auch. Aber schon toll, wie dieser Hund sich rausgemacht hat. Überhaupt kein Vergleich mehr mit letzten Jahr, wo der völlig unkonzentriert nur am Herumspringen war. Einmal hatte es sie sogar rückwärts vom Fahrrad geholt, weil der Halunke bei voller Fahrt einfach stehen blieb und den Rückwärtsgang einlegte. Tja, die haben halt immer fleißig geübt und jetzt könnte sie sich auch bald ihren Traum erfüllen, mit Luna und Milow gemeinsam zu radeln. Davon hatte sie doch schon früher immer geträumt: ein zweiter Hund an Lunas Seite, der genauso flitzewütig ist, wie die Kleine. Der Milow hatte es dann leider von Anfang an nicht so drauf. Erstens war er immer viel zu zappelig – das wäre mit Luna, dem kleinen Sensibelchen, überhaupt nicht gegangen. Zweitens war da die Sache mit seinem kaputten Rücken, denn der Milow durfte anfangs nur ganz langsam traben, damit sich die Rückenmuskeln langsam aufbauen und kräftigen. Das wäre fürs Frollein überhaupt nichts gewesen, denn langsam geht bei der eigentlich gar nichts. Schon toll, wie der sich rausgemacht hat und er kann sogar schon längere Strecken rennen, völlig ohne Schmerzen und mit richtig Spaß an der Sache. Es wird Zeit, dass sie sich mal wieder ein Herz nimmt und versucht, ob es mitlerweile mit Luna und Milow zusammen geht. Ich werde es nachher mal ansprechen. Jetzt wird aber erstmal Pause gemacht, im Garten getobt und Kuchen gegessen.

Frau P.: Heute habe ich wieder Frau Martens mit diesem großen gelben Hund gesehen. Die kann es nicht lassen, die armen Tiere gegen ihren Willen durch die Gegend zu hetzen. Dem Hund ging es eindeutig nicht gut: Der hatte die ganze Zeit angelegte Ohren und war andauernd am Hecheln. Außerdem hat der sich nicht gefreut und gewedelt, als ich mit meinem Auto hupend und winkend an denen vorbei gefahren bin. Die macht auch nie Pausen und lässt den Hund mal spielen. Das habe ich schon öfters beobachtet, vor allem, wenn die mit dem Fahrrad unterwegs sind. Mit ihrer kleinen Hündin ist diese Dame noch viel schlimmer, denn die muss immer angeleint vor dem Fahrrad rennen – welcher Hund will das schon? Sicher hat die Kleine nur fürchterliche Angst, vom Fahrrad überfahren zu werden, und ist die ganze Zeit auf der Flucht. In der Wasserflasche war bestimmt wieder nur Schnaps, denn das hat sie mir mal gebeichtet. Ich hatte die im letzten Sommer vor dem Supermarkt in der Stadt erwischt, wie sie dem Hund etwas in die Schale füllte. Ich fragte, ob das auch Wasser sein und sie sagte nur: nö, Schnaps! Sowas muss man wohl glauben und darf es auf gar keinen Fall hinnehmen. Dieser Tierschinderin gehört umgehend das Handwerk gelegt. Morgen rufe ich im Tierheim an. Oder auch nicht – denn, Ähja, ich arbeite dort doch – stimmt ja!

Geschehen und während der Regenzeit aufgeschrieben in einer Kleinstadt im südlichen Niedersachsen am 01.06.2013.

aus „Mistköter und Seelenhunde“ von Severine Martens,
Manuela Kinzel Verlag, Dessau/Göppingen,
ISBN 978-3-95544-005-3,
9,90 Euro.
Ab Dezember 2013 im Buchhandel, Vorbestellungen über den Verlag möglich!
© Severine Martens und Manuela Kinzel Verlag