Der kleine Lord

Milow findet den Lordic einfach klasse und, wenn man beide so beim Toben und Kloppen auf der Hundewiese beobachtet, dann scheint es wohl auch auf Gegeneitigkeit zu beruhen. Luna ist da eher etwas skeptisch, denn der kleine Lord steht ihr zuviel im Wege rum und liegt scheinbar immer an genau den Stellen, an denen meine kleine Prinzessin auch liegen möchte. Aber eigentlich gehört ihr ja die gesamte Wohnung und damit auch alle Stellen, an denen man liegen könnte. Lordic ist das egal und wenn Luna schmollt oder grollt, dann sieht er es ja nicht. Luna ist das unheimlich – aber dem Halunken ist es völlig egal. Hauptsache der Lordic kann rennen und man kann sich mit ihm kreuz und quer über die Wiesen rumschuppsen!

Lordic wurde in Russland geboren und sein Name bedeutet tatsächlich soviel wie ‚Kleiner Lord‘. Er ist von Geburt an blind und man muß fünfmal hingucken, es zu bemerken. Ich konnte es bei unserer ersten Begegnung kaum glauben und den meisten Menschen, denen wir bisher begegneten, geht es damit nicht anders.

Er ist nicht nur ein kleiner Lord, er ist vor allem ein ganz großer Mann. Niemals würde er sich selber als behindert, handicaped oder ähnlichem bezeichnen, jedenfalls glaube ich das. Seine Welt hat einfach nur ein paar Hindernisse mehr, als die Welt der Sehenden. Oft erinnert er mich an unser altes Lieschen Müller. Die Bravour mit der er immer wieder neue Situationen meistert, begeistert mich immer wieder aufs Neue und manchmal stellt er damit sogar noch Lizzi in den Schatten. Na klar hat er alle vertrauten Umgebungen genau wie unsere alte blinde Katze eingescannt und als Lageplan gespeichert. Aber als Hund bewegt er sich viel öfter in neuen und unbekannten Gegenden oder Räumen – vor allem ist es wunderbar, mit welchem Gleichmut er immer wieder Pannen wegsteckt.

Diese Pannen gehören einfach zu seinem Leben. Zum Erkunden einer neuen Umgebung gehört es für ihn eben auch, ab und an mal gegen einen Baum zu semmeln oder einen kleinen Abgrund wie zum Beispiel eine Treppenstufe runterzupurzeln. Er kennt es nicht anders und wie anders sollte er es auch tun. Toll ist einfach, dass er der Welt nichts übel nimmt. Er steht wieder auf, dreht sich um, merkt sich alles und geht zukünftig einfach woanders lang oder ist etwas vorsichtiger. Jeder andere Hund wäre tagelang beleidigt und eingeschnappt, nicht der kleine Lord. In einer anderen Sprache bedeutet Lordic ganz bestimmt auch soviel wie ‘kleiner Held‘ oder ‘total tapferes Kerlchen‘ – da sind wir alle uns ganz sicher und hier ist er es allemal.

Lordic macht jeden Fehler nur einmal und jeder neue Baum, jede neue Wand und Treppenstufe werden sofort in den Lageplan eingebaut. Sogar nach Wochen erinnert er sich noch genau. Alles, was er sich nicht merken kann, gleicht er mit seinem Gehör aus. Es ist manchmal kaum zu glauben, aber dieser Hund ist in der Lage räumlich zu hören, wenn die Gegebenheiten stimmen und zusammenpassen. Vor einigen Tagen liefen wir mit Luna und Milow querfeldein durch einen kleinen Wald. Für meine beiden eine beliebte und bekannte Abkürzung auf dem Heimweg, für den Lordic ein Experiment und Wagnis, wie ich dachte. Aber es ging ein leichter Wind und der Lordic konnte jeden Baum einzeln hören und alle Hindernisse bequem umschiffen. Er ist nicht gegen einen einzigen Baum oder Busch angestoßen und zweimal hob er sogar das Bein an einem Baumstumpf, den er vorher weder ertastet noch andersweitig erfühlt oder beschnuppert hatte. Er wusste einfach, dass genau an dieser Stelle ein Baum steht – toll!

Unser Hundeplatz ist zu einem Fünftel von einem kleinen Eichenhain mit viel Unterholz bedeckt – und darunter wird nie gemäht. Unsere Hunde mögen es, beim Toben immer wieder durch diese Bäume zu flitzen – an einem Ende rein und am anderen Ende wieder raus. Oft ist das ein kleines und lustiges Verwirrspiel, weil keiner weiß, wo der andere wieder rausgeflitzt kommt. Nicht so der Lordic! Der bleibt immer zwei Meter vor dem Wäldchen wie angewurzelt stehen, peilt die Bewegungsgeräusche seiner Spielgefährten und rennt an genau die Stelle, wo die anderen wieder aus dem Unterholz rauskommen – sehr zum Erstaunen aller anderen. Mit dem Ballwerfen und apportieren hält er es ähnlich. Er wartet immer, bis der Ball landet, und in Sekundenbruchteilen weiß er genau, wo er hin muss. Oft ist er sogar schneller und fixer beim Ball als meine renn- und ballsüchtige Luna, die schon immer losflitzt, bevor ich überhaupt geworfen habe.

Loddeck, wie sein Name eigentlich ausgesprochen wird, ist ein Teil unseres kleinen Rudels geworden, obwohl er gar nicht bei uns wohnt. Er hat ein eigenes tolles Zuhause und ist bei uns einfach oft zu Besuch. Loddi ist Milows bester Kumpel und manchmal auch sein Lehrer. Viele Situationen, in denen mein Halunke Angst hat und unsicher wird, existieren für den Lordic einfach nicht. Er macht eben einfach drauflos und steht im Falle eines Falles wieder auf. Wenn ihn etwas zu doof war, lässt er es sein und macht was anders oder geht woanders hin. Konflikten geht er aus dem Weg. Er lässt die anderen Macker, Chef oder Bezirksbefruchter sein und macht einfach sein eigenes Ding. Wir alle können viel von ihm lernen, finde ich!

Es gibt keine Behinderungen, es gibt nur Hindernisse, könnte er jetzt wohl sagen. Alleine unsere Möglichkeiten, die zu überwinden, sind oft sehr verschieden. Phantasie und Querdenken sind oft die besseren Alternative zum Mainstream und führen auch oft schneller ans Ziel. Der Lordic ist den meisten von uns dabei ein ganzes Stück voraus. Hut ab!

Milow und der kleine Lord

aus „Mistköter und Seelenhunde“ von Severine Martens,
Manuela Kinzel Verlag, Dessau/Göppingen,
ISBN 978-3-95544-005-3,
9,90 Euro.
Ab Dezember 2013 im Buchhandel, Vorbestellungen über den Verlag möglich!
© Severine Martens und Manuela Kinzel Verlag