Pinguine lieben nur einmal

Die Fabelschmiede bloggt ja nun auch Rezensionen, was wir für eine tolle Sache halten. Grundsätzlich sollten es Tierbücher sein, um im Thema zu bleiben. Immerhin dürfen wir die Bücher als einzigen Lohn ja auch behalten. In ein Bücheregal voller Tierbücher gehören weitere Tierbücher und ein Buchtitel, im dem das Wort Pinguin vorkommt, kann nur ein Tierbuch sein, oder etwa nicht? Was hier ankam war ein Teenager-Liebesroman mit knapp 400 Seiten Gefühlsduselei, geschrieben von einem man gerade 20-jährigen Mädel. Menno, sone Panne, dachte ich und legte die Bemme mit einem ziemlich langen Gesicht erstmal zur Seite. Irgendwann raffte ich mich auf und fing widerwillig an, die ersten Seiten zu lesen. Ich konnte nicht mehr aufhören und vom ersten Moment war ich gefangen. Nach drei Tagen war ich durch! Jetzt warte ich auf das nächste Buch von Kyra Groh, ich werde es sofort kaufen. In meinem Bücherregal steht „Pinguine lieben nur einmal“ jetzt stolz neben den Büchern einer Frau v. Kürthy und eines Herrn Woodhouse, Respekt für diese Leistung.

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Die Geschichte ist einfach erzählt: Felicitas, eine chaotische und unaufgeräumte Anglistik-Studentin, wohnt in einer WG mit dem schwulen und muslimischen Medizinstudenten Cem und verliebt sich unsterblich in den blinden und sehr aufgeräumten Janosch, der nebenbei sehr aufgeräumt Jura studiert. Am Schluß kriegt Felicitas ihren Janosch und sie räumt sogar ihr Zimmer auf, damit dieser nicht immer über ihre Bücher stolpert. Cem entpuppt sich als heimlicher Ramadan-Verkacker (Allah ist eh blind) und auch er kriegt am Schluss den süßen Mirko, der Allah sei dank, doch schwul ist. Ein Klischee jagd das andere und eigentlich gibt es nichts in diesem Buch, was zum Ende nicht wieder gut wird! Alle anderen Personen außer Felicitas, Cem und Janosch haben im Buch die Aufgabe, die Liebe der Hauptpersonen möglichst kompliziert zu gestalten. 400 Seiten voller Chaos, Liebe, Neid, Eifersucht und Missverständnisse – ganz wie es sich für einen Liebesroman gehört!

Ein total banales Buch, wäre da nicht der einzigartige Schreibstil einer Kyra Groh. Ein Wortwitz folgt auf den anderen und die Personen werden von ihr so intensiv gezeichnet, dass sie neben einem zu sitzen scheinen. Kyra Groh‘s Wortwahl ist brilliant und nicht eine einzige Silbe scheint einfach nur so dahingeschrieben zu sein. Dennoch liest sich das ganze Buch leicht und beschwingt, getragen von einem sehr intelligenten Geist. Felicitas Grün kannte ich ab Seite 200 besser als manch einen Menschen aus meinem richtigen Leben und Cem Demirel wird zu dem Freund (dem guten Freund), den jede Frau sich wünscht, aber selten hat. Kyra baut die gesamte Geschichte im Stil des klassischen Drames auf, nicht ohne diesen gleichzeitig zu parodieren. Es gibt fünf Akte, in derren Verlauf eine anfangs leichtgängige Geschichte sich ohne Ende verheddert und verknotet, um dann zum Schluss wieder entspannt zu werden. Alles wird wieder gut und Alle sind viel erwachsener und erfahrener geworden.

Ich habe mich bei der Lektüre nicht ein einziges mal gelangweilt, manchmal konnte ich das Buch kaum weglegen. Zeitweise habe ich über mich selber gestaunt: Ich bin mitlerweile 53 Jahre alt und begeistere mich für den Liebeskummer eines Mädels Anfang 20. Aber eigentlich ist es gar nicht die Geschichte, die begeistert. Kyra Groh könnte tatsächlich 400 Seiten über das Liebesleben von Pinguinen schreiben, es wäre nicht weniger lesenswert. Ich konnte mich einige Tage wunderbar entspannen und in eine vollkommen andere Welt abtauchen, die ausnahmsweise mal nichts mit Tieren zu tun hat. Ich habe jede Seite des Buches ohne Ende genossen!

Pinguine kommen, oh wunder, nicht im Buch vor. Nur an einer Stelle lässt Kyra Groh ihre Felicitas über diverse Weihnachtswünsche philosophieren, und das geht so:
„Warum sind Menschen nicht einfach ein bisschen mehr so wie Pinguine? Warum hat es die Evolution überhaupt so eingerichtet, dass wir unsere Partner wechseln möchten? Man mag zunächst denken, dass das toll ist, Ausdruck unseres freien Willens und so weiter, aber das denkt man doch nur, weil man es sich nicht anders vorstellen kann. Ich meine es ernst: Warum sind wir nicht einfach so programmiert, dass wir irgendwann kurz nach der Geschlechtsreife einen Partner finden, den wir dann nie mehr verlassen? Das macht alles nur kompliziert. Warum ist dieses Verhalten überhaupt in unseren Köpfen drin? Die Pinguine haben das irgendwie besser verstanden. Sie streiten sich nicht, sie sind zufrieden miteinander, sie kommen gar nicht erst auf die Idee, sich wegen Zigaretten oder Nemo oder Exfreundinnen zu zoffen. Allein weil sie gar keine Exfreundinnen haben. Wenn Janosch und ich Pinguine wären, dann hätte es nie eine Karo gegeben, mit der er besseren Sex hätte haben können als mit mir. Wir hätten uns nie gestritten, irgendwann hätte ich ausschließlich zu Fortpflanzungszwecken ein Ei gelegt, und Janosch hätte es ausgebrütet, und all das hätte ich nicht auch nur eine Sekunde in Frage gestellt. Ich wünsche mit vom Christkind, ein Pinguin zu sein.“

Ein klasse Buch, eine tolle Empfehlung und Hirnfutter für alle Menschen, die das Leben gerne mit dem Abstand betrachten, den man gemeinhin Humor nennt!

blanvalet