Milow, das Feld und der Wind

Es stürmt, aber so richtig! Wir sind ja nicht aus Zucker, sage ich zu mir und den Hunden, und ziehe mich wetterfest an. Gummistiefel, Mütze, und die neue Outdoor-Angeber-Jacke runden das Bild ab. Ich bin mal wieder für eine Polarexpedotion gerüstet und fühle mich wie der endgültige und letzte Mensch, der bei diesem Wetter noch vor die Türe geht. Ich halte das für ein klasse Gefühl und ertrage Lunas (ver)zweifelnde Blicke mit stoischer Gelassenheit. Dem Milow gefällt, was er sieht, denn er bekommt nur mit, das es endlich wieder raus geht. Wir sind eine wetterfeste Outdoor-Famile und wir ziehen los.

Vor der Haustür dann der erste Schreck! Luna saust wieder hoch ins Obergeschoss und Milows Augen warnen vor einer Gefahr, die ich noch nicht sehe. Ich sammle klein Luna wieder ein und marschiere los. Genau unser Wetter, brummele ich immer wieder vor mir her, und die Hunde folgen mir mehr genervt als wirklich erfreut. Es giesst in Strömen und nach fünf Minuten sind wir alle klatschnass, aber ich will es jetzt wissen. Kaffee, Streuselkuchen und Trockenfleisch stehen zu Hause als Belohnung bereit, Handtücher habe ich im Vorflur vorausschauend und reichlich aufgestapelt – das motiviert und wir müssen es uns nur noch verdienen, finde ich!

Unser Weg führt uns ein kleines Stück durch das Dorf und dann schräg rechts über das große Feld in Richtung auf den Bachlauf. Dort angekommen machen wir einen scharfen Knick nach links, folgen eine Weile dem Bach und erreichen dann irgenwann unseren Hundeplatz. Von dort ist es nicht mehr weit bis zu unseren Belohnungen, wir müssen nur noch unter der Bahn durch, ein kleines Wäldchen queren und sind bald wieder in unserer warmen Bude. Insgesamt wollen wir so eine Stunde unterwegs sein und nach so fünfzehn Minuten stehen wir mitten auf dem Feld.

Sagte ich schon, dass es regnete und stürmte? Hier auf dem Feld erst recht und die Böen konnten uns manchmal ganz schön aus dem Gleichgewicht bringen. Luna lief nur noch ganz dicht neben mir und in ihren Augen glimmte immer wieder die Hoffnung auf, bald auf dem Arm zu dürfen. Der Milow lief mitlerweile so zehn Meter vor uns, drehte sich aber immer wieder um und wartete auf uns. Er kennt den Weg, der bei schönerem Wetter ein wirklich toller Weg ist, und zunächst dachte ich, er wolle uns nur antreiben. Ich sollte eines besseren belehrt werden.

Wir waren gerade am Bach angekommen, Halbzeit sozusagen, da wurde der Milow anders. Er blieb vor uns wie angewurzelt stehen, schaute mir in die Augen, dreht sich quer zu uns und legte sich flach auf den nassen Boden. Er versperrte uns den Weg und gab gleichzeitig seltsam jammernde Geräusche von sich, die fast ein wenig verzweifelt klangen. Der Milow drückte sich auf den Boden und bevor ich mir auch nur einen Gedanken darüber machen konnte, passierte es: wie ein Schlag erwische uns die nächste Windböe.

Ich wusste nicht wie mir geschah! So muss sich das anfühlen, wenn man von einem Bus angefahren wird. Ich wurde einfach nur zur Seite gerummst, verlor das Gleichgewicht und landete popowärts in einer großen Pfütze. Meine Angeberjacke blähte sich wie ein Segel auf und wollte mich noch einige Meter weiter zerren. Es dauerte nur einige Sekunden und wie ich wieder klar im Kopf wurde, saß ich direkt an der Böschung zum Bach. Genau da, wo es ungefähr einen Meter abwärts geht und alles voller alter Brennesseln steht. Luna war weg und Milow, der bis dahin platt wie eine Flunder alles schadlos überstanden hatte, sprang plötzlich auf. Bellend rannte er zum Bach und gerade wie er runter springen wollte, kam Luna völlig aus dem Häuschen an dieser Stelle die Böschung hochgekrabbelt. Sie war klatschenass und die Sturmböe hatte sie einfach davon gepustet, mitten in den Bach hinein.

Da stand ich nun, ich selbsternannter Outdoorfreak. Luna auf dem Arm, alle Klamotten völlig durchnässt, durchgefroren und Milows fragenden Blick direkt in meinen Augen. Ich bin ratlos, habe etwas etwas Angst und bin auch im Kopf noch nicht wieder richtig klar. Der Halunke dreht sich um, läuft zügig los und einen Impuls folgend latsche ich ihm treu hinterher. Er geht nicht am Bach längs und nimmt einen etwas längeren Weg quer durch einige kleine Wäldchen, die das große Feld umsäumen. Noch zwei mal kommen starke Böen auf, aber die Bäume geben uns jedes mal Schutz. Den Hundplatz lassen wir rechts liegen und laufen der Bahnlinie folgend immer im Schutz von Bäumen und Büschen bis zum Dorf. Die Bushaltestelle am Ortseingang ist unser erstes Ziel und wir gönnen uns eine Pause.

Ich stehe da so rum, Luna mitlerweile in meine Jacke gestopft, und rauche esrtmal eine. Der Milow schaut mir nochmal in die Augen, legt sich unter die Bank und gibt ein entspanntes Stöhnen von sich. Während ich so da stehe, wird mir klar, was der kleine Mann da gerade geleistet hat. Ich alleine wäre wahrscheinlich hektisch und eilig den kürzesten Weg nach Hause gegangen, aber der Milow hat die sichere Strecke gewählt und mich ohne ein Wort dazu gebracht, ihm zu folgen. Ich bekomme Gänsehaut, und das nicht wegen der Nässe und der Kälte. Der Halunke liegt entspannt unter seiner Bank herum, für ihn ist die Sache erledigt. Er hat einen klasse Job gemacht!

Von der Bushaltestelle sind es nur noch ein paar Minuten bis nach Hause und den Rest des Weges laufe ich wieder vor. Jetzt kann ich ja auch nichts mehr falsch machen und Milow trottet gemächlich hinter uns her. Zu Hause angekommen wirds gemütlich. Kaffee, Streuselkuchen und ganz viel Trockenfleisch verschwinden in unseren Mägen. Nach einer Weile schlafen wir alle gemeinsam auf dem Sofa ein. Stolz, Stolz und nochmal Stolz sind die letzten Gefühle, die in mir aufkommen, bevor meine Augen sich schließen und ich im Land der Träume verschwinde.  In diesen werden ganz gewiss keine weiteren Wildnis-Abenteuer vorkommen, jedenfalls erstmal nicht, und niemals wieder werde ich behaupten, Podengos wären dumm!

Milow H. Lunke

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