Die Geschichte vom Haus am See

Die zweitbeste Zeit meines Lebens waren die Jahre am See. Das war die Zeit an der Seite von fünf Katzen, einer Frau und zwei Hunden. Es ist die Geschichte von Suleika und Tiffany, wie sie zu uns kamen und warum sie mein Leben veränderten. Und es ist die Geschichte von unserem kleinen Haus und von dem See, an dem wir so oft waren.

Die Geschichte, die ich erzählen möchte, geht so:

Unser kleines Haus lag nicht direkt am See und das war auch gut so. Hätte es direkt am See gelegen, wäre ich an diesem einen Tag nicht auf die Idee gekommen, das Fahrrad zu schnappen und mit Leika einfach loszusausen. Es war noch sehr früh am Morgen und die Sonne krabbelte so gerade über den Horizont. Es war das erste mal und der Anblick des Sees und der großen Wiesen im Morgennebel war einfach überwältigend. Es war morgens um sechs Uhr, niemand außer uns war unterwegs und wir hatten das Gefühl, dass der ganze See uns alleine gehört.

Ich stieg in die Pedalen und sauste mit dem Fahrrad die Strecke von fast vier Kilometern einmal rund um den See herum. Leika lief frei und flitzte mal links und mal rechts vom Fahrrad mit. Sie tobte über die Moorwiesen und preschte an flachen Uferstellen im gestreckten Galopp durch das Wasser. Ich habe diese Bilder noch heute vor Augen! Der See hatte uns gefangen und in den nächsten Jahren fuhren wir diese Strecke jeweils morgens und abends. Wir lernten andere Menschen und Hunde mit dem gleichen Hobby kennen und wenn wir uns auf unserer Tour trafen, dann war es jedes mal ein kleines Fest. Die Hunde sprangen gemeinsam ins Wasser, schwammen um die Wette den geworfenen Bällen hinterher oder tobten einfach nur kreuz und quer durch die Gegend. Bälle hatten wir immer genug, denn wir kamen auf unserem Weg an Tennisplätzen vorbei und Tennisplätze sind einfach klasse zum Bälle finden.

Wir fuhren bei Wind, Regen und Wetter, im Sommer wie im Winter. Auf einer unserer Touren lernten wir unsere Freundin Tiffany kennen, die von ihren ehemaligen Besitzern ausgebüxt war. Und wir entdecken dort das Ski-Langlaufen für uns, als im Winter 1996 der ganze See und die Moorwiesen zugefroren waren. Als die Tiffi zu uns stieß, musste sie von Anfang an mit. Anfangs noch hauptsächlich im Fahrrad-Anhänger, später dann auf eigenen Füßen. Tiffany war nicht solch eine Flitzebiene wie mein Leika, sie wollte lieber rumtoben und mit mir um die besten Stöckchen kämpfen. Beim Radfahren trödelte sie oft absichtlich und tat so, als wenn sie völlig aus der Puste wäre. Aber ich brauchte nur stehen zu bleiben und einen Ball in die Hand zu nehmen, dann war die Puste schlagartig wieder da. Wir hatten sie schnell durchschaut und deshalb nur noch ein Stückchen lieber gewonnen. Das Flitzen am Rad blieb Leikas große Leidenschaft und die Pausen gehörten Tiffany. Während wir herumtobten und um die tollsten Stöckchen kämpften, ging Leika lieber schnell eine Runde Schwimmen oder legte sich irgendwo hin und bewachte ihren Frisbee.

Hinter Frisbees herzusausen war das einzige, was Leika wohl noch besser fand, als am Rad zu flitzen. Frisbees fand sie toll, weil sie besser zu sehen sind, nicht so schnell fliegen wie Bälle und weil man sie klasse im Flug schnappen kann. Tiffany war mehr der Typ für alles, wo man ordentlich reinbeißen konnte – alte und vermoderte Holzstöcke zu finden und zu zerlegen, das war ihre Spezialität. Weggeworfene Dinge für andere wiederholen zu müssen, das war nicht ihr Ding und das fand sie einfach nur doof!

Tiffany und Suleika leben schon lange nicht mehr, aber sie begleiten als Schutzengel noch heute unsere Wege und Träume. Damals habe ich mir immer ein kleines Häuschen an unserem See gewünscht. Morgens aufzustehen, aus dem Haus zu kommen und über einen kleinen Steg gleich zum Wasser laufen zu können – das war ein großer Traum von mir. Mitlerweile wohne ich in einem anderen Ort und ich war bestimmt über zehn Jahre nicht mehr an unserem geliebten See. Aber wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich meine beiden Lieben dort flitzen und toben, dann sehe ich den Morgennebel und die weiten Wiesen und es ist mal wieder keiner da, außer uns. Oft kullern dann die Tränen, denn es waren immer wunderschöne Momente, die in meinen Erinnerungen einen goldenen Bilderrahmen bekommen haben.

Meistens sitze ich dann mit Luna und Milow vor unserer kleinen Hütte, die mein Mann vor einigen Jahren noch gebaut hat. Wir hatten das Glück, ein kleines und verwildertes Stückchen Land mitten im Moorwald ergattern zu können und sogar einen kleinen See haben wir darauf. Eine Pfütze im Vergleich zu unserem alten See, eher ein kleiner Tümpel, aber für uns ist es ein kleines Paradies. Wir fahren von unserer Wohnung so ungefähr eine halbe Stunde mit dem Rad dorthin und vieles auf dem Weg ist mir jedes mal auf eine unheimliche Art und Weise vertraut. Der Flitzemaus Luna geht es meistens nicht schnell genug und der Trödelbär Milow lauert die ganze Zeit eigentlich nur auf die nächste Spielpause. Fast wie früher, denke ich dann, und manchmal fühle ich mich wie auf einer Zeitreise. Die Vergangenheit holt mich ein und oft fühlt es sich so an, als seien meine beiden Mädels wieder mit dabei. Klein Luna springt wie Leika in den See und schwimmt den Bällen hinterher, während der Halunke sich mit den wirklich wichtigen Dingen des Hundseins beschäftigt, ganz so wie die alte Tiffany. Ich sitze dann vor unserem Haus am See, klappe das Laptop auf und fange an, diese kleine Geschichte aufzuschreiben.

Der Kreis hat sich geschlossen!

Es ist schön, eine Vergangenheit zu haben, in der man immer noch leben kann – und es ist schön, ein Leben zu haben, in dem die Vergangenheit immer noch einen Platz hat.