Der leere Napf

Sein Napf sei immer leer, nie gäbe es was zu Fressen und wenn überhaupt, dann viel zu wenig. Jeden Abend das gleiche: Luna könne sich ohne Ende den Bauch vollschlagen und er gucke in die Röhre. Was bringe so ein eigener Fressnapf, wenn nie was drin sei. Jeden Abend stehe er kurz vor dem Hungertod und keinen interessiere es auch nur eine klitzekleine Bohne.  Was für ein Leben, in dem einem nichts anderes übrig bleibe, als anderen beim Speisen zuzuschauen.  Luna wird immer dicker und er könne bald unter der verschlossenen Tür hindurch krabbeln. Keine Zustände seien das und es wäre Zeit, endlich mal Klartext zu reden.Dafür sei er nicht nach Deutschland gekommen, dafür nicht! Er sei immerhin ein Straßenhund, wenigstens ein ehemaliger, und ein Podengo sei er auch.

Milows Augen sprechen jedes mal Bände, wenn er so denkt, und spiegeln in diesen Momenten das ganze Elend der Welt wieder.  Was er damit sagen will ist, dass es völlig normal sei, die Welt andauernd und ständig nach Fressbarem zu scannen und alles Gefundene umgehend zu verschlingen – in maximal möglicher Geschwindigkeit. Das beste Fressen sei erst gut, wenn es in einem drin ist! Das könnte sein Lebensmotto sein. Vor über einem Jahr schrieb ich in meinem ersten Buch folgende Zeilen: „Milow geht nicht Gassi wie andere Hunde. Milow geht raus, um sich auf die Suche nach Fressbarem zu begeben. … Milow ist ein Straßenhund – Milow geht containern!“ Sein Einzug lag damals erst einige Wochen zurück und wir alle waren beeindruckt von seinem unendlichen Appetit. Heute ist er auf unseren täglichen Spaziergängen schon wesentlich entspannter geworden. Er weiß mittlerweile, dass er abends einen vollen Napf an seine Lieblingsstelle gestellt bekommt, auch wenn seiner Meinung nach die Sache mit dem „voll“ sehr relativ ist. Aber immerhin!

Mein kleines Mädchen Luna, die ein Jack Russel Terrier ist, war schon immer eine sehr schlechte Fresserin. Früher fraß sie tagelang nichts, weil sie einfach keinen Hunger, keinen Appetit oder einfach keine Lust dazu hatte. Ganze Abende verbrachte ich damit, Futterstücke durch die Wohnung zu kullern, und freute mich jedes mal wie ein kleines Kind, wenn sie auch mal eines davon vertilgte. Seit der Milow bei uns wohnt hat sich das total geändert. Der Halunke schlingt sein Fressen in Sekundenbruchteilen herunter, um sich dann anschließend vor Luna auf die Lauer zu legen. Vielleicht bleibe ja was übrig, ist jeden Abend seine treue Hoffnung. Klein Luna tut ihm diesen Gefallen aber nicht und verliert ihr Abendbrot niemals aus den Augen. Sie passt wie ein kleiner Luchs auf ihren Napf auf und gibt Milow keine Gelegenheit zum Futterdiebstahl. Mittlerweile frisst sie sogar sehr regelmäßig, lässt sich aber immer noch sehr viel Zeit dabei, was der Halunke gerne mit unverständigem Grunzen kommentiert. Für ihn wird es immer äußerst fraglich bleiben, wie man Fressbarem so wenig Wertschätzung entgegenbringen kann.

Der Halunke war kaum bei uns eingezogen, da schrieb ich in meinem Blog schon die ersten kleinen Geschichten über ihn, sein recht spezielles Verhältnis zu seinem Magen und dem was da alles rein passen könnte. Es dauerte nicht lange und die ersten Podengo-Freunde meldeten sich zu Wort. Diese ungewöhnlichen Hunde seien allesamt ganz besonders verfressen und würden sogar jeden Labrador damit locker in den Schatten stellen, was schon eine enorme Leistung darstellt. Der Milow wies dieses natürlich, wie soll es auch anders sein, mit aller Schärfe von sich. Trotzdem hatte er ruckzuck jede Stelle unserer Wohnung entdeckt, an denen sich (wenn auch nur zeitweise) Lebensmittel befinden könnten. Das Ambiente unserer Räume änderte sich merklich: So liegt zum Beispiel auf dem Stubentisch grundsätzlich kein Obst mehr herum und die Arbeitsplatte in der Küche ist immer piekobello abgeräumt. Nichts Fressbares steht oder liegt auf Tischen, Regalen oder Anrichten. Alle dekorativen Gegenstände, die in Milows Magen einen Platz finden könnten, sind aus der Wohnung verschwunden. Sämtliche Lebensmittel werden in sicherer Höhe aufbewahrt oder befinden sich in fest verschließbaren Tonnen und Schränken. Sogar mein altes Handy, das eigentlich immer auf dem Stubentisch lag, wenn ich zu Hause war, wurde von unserem neuen Mitbewohner auf Fressbarkeit getestet und in lauter Kleinteile zerlegt. So kam sogar ich zu einem Smartphon, dass sich aber vorsichtshalber in meiner Hosentasche ein gemütliches und sicheres Dasein eingerichtet hat. Eigentlich müsste ich ihm für diesen kleinen technischen Fortschritt in meinem Leben sogar dankbar sein, was ich nach genauerer Überlegung auch bin, ganz ehrlich!

Herr von Podengo, wie wir den Halunken auch oft nennen, war nicht gerade schlank, als er zu uns kam. Im Gegenteil, er war ein rechtes Moppelchen und hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit Vertretern windhundartiger Rassen, zu denen der Portugiesische Podengo eigentlich gehört. Nach der Rettung aus seinem immer hungrigen Straßenhunde-Dasein in Portugal wurde er von engagierten Tierschützern liebevoll aufgepäppelt und seine Pflegeleute in Deutschland taten ihr Übriges zu seinem Übergewicht dazu. Mit viel Sport, Bewegung und Kopfarbeit schafften wir es, aus dem Milow auch äußerlich einen richtigen kleinen Podengo zu machen. Und er fühlte sich in seinem neuen Körper, der nach einem halben Jahr nur noch 17 Kilo statt der ehemaligen 21 Kilo wog, augenscheinlich pudelwohl. Er war ein kleiner Flitzer geworden und auch seine Kondition beim Dauerlauf oder Fahrradfahren wurde immer besser.

Mit der Zeit entwickelten wir kleine Rituale im Umgang miteinander, die vor allem das Fressen betrafen. Ganz besonders stolz bin ich auf unsere tägliche Abendbrotrunde nach dem späten Gassigang, die wir bis heute nach dem gleichen Muster zelebrieren. Ich sitze auf dem Sofa vor dem Fernseher, esse dabei meine schon geschmierten Stullen und habe links und rechts von mir jeweils einen hungrigen Hund liegen. Die beiden haben ihr Abendbrot eigentlich schon vorher bekommen, aber jetzt gibt es doch noch was abzustauben, wie sich hier in Hundekreisen herumgesprochen hat. Früher war der Milow mir beim Essen oft quer über den Schoß gesprungen, mit meinen Stullen ruckzuck irgendwo in einer sicheren Ecke der Wohnung verschwunden und ich durfte froh sein, noch an jeder Hand fünf Finger zu haben. Heute liegt er ganz brav neben mir und wartet darauf, dass auf meine Hand, regelmäßig zwischen meinem Mund, Lunas Schnäuzchen und seinem großen Appetit hin- und her wechselt. Wir haben das mittlerweile perfekt ausgebaut und wenn alles aufgemampft ist, verschwinden beide auf ihren Schlafplätzen ohne sich auf weitere Futtersuchen oder Betteltouren durch die Wohnung zu begeben.

Dann kam der Winter. Wir wurden jeden Tag bequemer, waren nicht mehr so viel mit dem Fahrrad unterwegs und auch der Hundeplatz blieb in der dunklen Jahreszeit meistens ein Hundeplatz ohne uns. Trotzdem war es sehr erstaunlich, wie schnell der Milow erneut zum Moppelchen wurde, und ich bemerkte es wieder einmal viel zu spät. Seine geliebten Rindernackensehnen, die anscheinend zum Großteil aus Fett bestehen, taten wohl ihr übriges dazu. Als er dann auch noch Nachbars Garten als Selbstbedienungsladen entdeckte, war für ihn das Überleben im Winter gesichert. Vor allem der Kompost mit etlichen Küchenabfällen und unzählige Meisenknödel hatten sein Herz und seinen Magen erobert. Im Frühjahr dieses Jahres wog der Halunke wieder seine 21 Kilo und sah wie ein kleiner und kugeliger Labrador aus.  Dummerweise fiel das erst so richtig auf, als die Saison auf unserer Hundwiese wieder begann, weil es abends endlich wieder länger hell blieb. Jedes Jahr ist dort nach der Umstellung auf die Sommerzeit wieder ordentlich Betrieb und wir treffen unsere alten Kumpels und Kumpelinen wieder. Der Milow fiel allen sofort als kleines Dickerchen auf und die Folge war eine erneute Diät sowie ein konsequentes Bewegungs- und Sportprogramm. Herr von Podengo hatte zwar oft zu meckern, aber jetzt liegt wieder ein schlanker und bewegungsfr
eudiger Podi neben mir. Eines dürft Ihr mir sicher glauben: Er wird niemals wieder ein Moppelchen sein, darauf passen wir jetzt auf. Ganz in Sinne vom Herrn von Podengo, der das ganze Theater mit der Diät sowieso für eine Lüge und für reine Schönfärberei hält. Diät könne man überhaupt nicht fressen, denn in Wirklichkeit wäre  einfach nur noch weniger Fressbares im Napf als sonst. Das sei doof und darauf wollen wir es niemals wieder ankommen lassen! Wir haben einen Konsens!

Sogar unsere Tierärztin ist richtig stolz auf uns, vor allem aber auf den Milow. Neulich zeigte sie uns Fotos von Podengos aus Portugal, die dort einen richtigen Job machen – und zwar als Jäger bzw. Jagdhunde. Sie kamen äußerlich dem Halunken sehr nahe, nur dass die Menschen in Portugal es mit der Diät reichlich übertreiben. Das findet nicht nur der Milow. Bei diesen Hunden konnte man augenscheinlich noch aus einhundert Metern Entfernung die Rippen zählen und die Tierärztin, Herr von Podengo und ich waren in diesem Fall einer Meinung: Zu dünn ist auch doof! Die heutzutage gängige und von vielen Tierärzten gestützte Auffassung ist, dass ein Hund das richtige Gewicht habe, wenn man seine Rippen leicht fühlen, aber nicht sehen kann. Das Rückgrat und die beiden Hüftknochen sollen gut von einen leichten Fettschicht bedeckt sein, dann sei der Hund weder zu dünn noch zu dick. Dass man bei Hunden die Rippen und die Hüftknochen gut sehen können soll, ist hierzulande Gott sei Dank eine veraltete Meinung und hoffentlich kommt das auch bald in Ländern wie Portugal an. Ein Hund, der nur noch aus Haut und Knochen besteht, ist nicht gesund sondern mangelernährt und krank!

Manchmal versucht der Halunke zu argumentieren, dass er als kastrierter Hund viel mehr Appetit hätte als andere Hunde, und deshalb auch mehr vertragen könne. Davon stimmt aber nur das erste, wobei kastrierte Hunde wesentlich schwerer wieder abnehmen, wenn sie erst einmal zu viel auf den Rippen haben. Dies ist jedoch ein Thema, bei dem wir niemals einer Meinung sein werden, und deshalb lassen wir es jetzt auch sein. Es endet doch nur damit, dass meine Hunde (ja, die kleine Luna auch!) jedes mal motzen und sich schmollend ins Schlafzimmer zurückziehen. Bedauerlich finde ich es aber schon, dass in unserem hundelieben Land zunehmend ein Trend zum überfütterten und fetten Hund zu beobachten ist. Es werden sogar Hunde gezüchtet, die von ihrer Disposition her zur Fettsucht neigen, und diese kommen wohl auch immer mehr in Mode. Sogar Luna und Milow mokieren sich oft sehr belustigt über solche Hundebekannte. Manchmal könne man bei denen gar nicht mehr die Beine sehen. Einmal fragte mich Herr von Podengo sogar, ob einer von diesen zum Gassigang nach draußen gerollt werden würde. Der Arme ist ein kleiner und dicker Mops und sogar ich habe Schwierigkeiten, bei ihm hinten von vorne zu unterscheiden. Ich frage mich oft, wie der kleine Kerl den Weg zur Hundewiese überhaupt noch schafft. Es ist traurig, was Menschen aus falsch verstandener Tierliebe ihren Hunden manchmal antun. Ganz schlimm ist die Angewohnheit vieler Hundemenschen, alle irgendwie erreichbaren Hunde ohne Ende mit Leckerchen vollzustopfen. Leider allzu oft nicht nur die eigenen!

Ich gehe mit meinen beiden nicht um Füttern auf die Hundewiese. Ganz im Gegenteil, denn der ehemalige Straßenhund in meinem Halunken muss immer noch lernen, dass sein Abendbrot nicht draußen auf der Straße herumliegt. Außerdem ist er der geborene Bettler, der jeden Menschen auf einen Futterautomaten reduziert, wenn er erst mal dahinter gekommen ist, dass es etwas abzustauben gibt. Dafür tut er dann alles und macht sogar kleine Kunststückchen wie ‚Sitz‘ und ‚Platz‘ um den Automaten zu bedienen. Das hat er an den Touristenstränden Portugals von der Pike an gelernt und es hat ihm lange Jahre sein Überleben gesichert. Luna und auch Milow bekommen von mir oft Leckerchen, aber meist zu Hause und in für sie überraschenden Situationen, nur so und ohne Gegenleistung. Ich halte nicht viel von opportun bettelnden Hunden und belohne lieber den Umstand, dass sie da sind, einfach so und jetzt in diesem Moment! Meine linke Hosentasche ist bei meinen Beiden zwar sehr beliebt, aber keiner von ihnen muss Kunststückchen aufführen, um mal etwas außer der Reihe schnabulieren zu dürfen. Draußen gibt es für beide immer mal wieder einen Happerle von ihrem normalen Trockenfutter. Drinnen gibt es dann ab und zu mal eine große Extraportion in Form von Ochsenziemern, Dörrfleisch oder getrocknetem grünen Pansen. Auch von dem neusten Trend, dem Hund sein Fressen händeweise über die Wiese zu werfen, halten wir nicht viel. So artgerecht, wie dieses auch sein mag: Gefressen wird bei uns drinnen und draußen wird nicht gebettelt. Erziehung bedeutet unter anderem für mich, Luna und Milow von selbst gefundenem Fressen und von laufenden Futterautomaten jederzeit wegrufen zu können – in dem Vertrauen, dass es zu Hause dann reichlich Gutes gibt!

So halten Luna und Milow ihr Idealgewicht und sind auch sicher vor den vielen kranken Menschen, die vergiftete Köder und ähnlich Fieses für Tiere auslegen.

Bei den Worten ‚reichlich Gutes‘ zuckte wieder Milows Nase und in seinen Augen sehe ich die Frage, ob er heute eigentlich schon was in seinem Frassnapf hatte. Er tut wieder so, als wenn er seit Tagen nichts mehr in den Magen bekommen hätte und würde gerne nochmal raus. Man könne ja mal schnell die Mülltonnen  kontrollieren, die schon draußen stehen, weil morgen die Müllabfuhr kommt! Heute sei ein guter Tag, für ein Mitternachts-Gassi, findet er, und ich stimme ihm zu, denn es ist spät geworden vor lauter Schreiben. Luna nehmen wir mit und drehen noch einmal eine kleine Runde im norddeutschen Nieselregen, aber nicht, um uns auf die Suche nach Hundefutter zu begeben. Milow nöselt zwar andauernd vor sich her und besonders auf unserem Dorfplatz fallen ihm viele kleine Happerle auf, die Menschen dort ‚verloren‘ haben. Aber als ihm einfällt, dass es zu Hause noch viel Feineres gibt, lässt alles brav liegen und freut sich auf die Rückkehr in unser gemütliches Heim. Vor allem auf seinen kleinen Lieblingsschrank, der sich zu später Zeit überraschend  noch mal öffnet.

Milow - Der leere Napf

Aus: Hunde-Jahr-Buch IV, MariPosa Verlag, 2014, erscheint im Frühjahr 2014