Ich spreche Hund

Wenn ich nach Hause komme, weil ich eine Weile weg war, dann kommt Luna völlig aus dem Häuschen angeflitzt, um mich aufgeregt und herzlich zu begrüßen. Der Milow bleibt einfach liegen! Wenn ich die Einkauftüten in die Küche stelle, geht Luna wieder auf ihr Sofa und der Milow wacht auf. Dann steht er auf einmal wie ein Zinnsoldat in der Küchentür, denn er könnte ja was verpassen. In seinen Augen steht jedes mal die Frage, ob er mir beim Auspacken helfen könne, aber es wirkt immer etwas gestellt. Luna wartet auf ihrem Sofa geduldig ab, während der Milow mich antreibt und im Notfall auch mal auf dem Flur den sterbenden Schwan mimt. Klein Luna bekommt trotzdem immer zuerst ihr Leckerle, was der Halunke unverschämt findet. Erst wenn Luna fertig ist kommt der Milow dran, was er dann auch gut findet. Dann packe ich in aller Ruhe meinen Einkauf aus und bin mir fast sehr sicher, in der Augen meiner Hunde kein laufender Futterautomat zu sein – aber das war nicht immer so!

Früher in Portugal, da wo der Milow geboren wurde und lange gelebt hat, hatte er einen eigenen kleinen Strand, das hat er mir mal erzählt. Dieser Strand war nicht groß, ungefähr so groß wie er in einem Rutsch überblicken konnte, um konkurierende Kollegen sofort erkennen und verscheuchen zu können. Das konnte er sehr gut und das ist bis heute so geblieben. Im Sommer waren da immer richtig viel los und da waren viele Menschen aus den verschiedensten Ländern – auch von hier! Die hatten immer jede Menge zu Essen dabei und er lernte von klein auf, dass es sich richtig lohnt, ein treuer und lieber Hunde zu sein. Auf jeden Fall war es klasse für seinen leeren Magen und seine Augen können es noch heute: Ich bin arm, lieb und habe ganz doll Hunger. Die Sommer waren immer eine tolle und satte Zeit, ganz im Gegensatz zu den Wintern. Da war sein Strand leer und kalt und die Häuser, in denen im Sommer die ganzen fremden Menschen lebten, waren größtenteils verlassen. Die einzigen Stellen, an denen er noch was zu Essen bekam, waren die wenigen noch bewohnten Häuser und die Mülltonnen davor. Das waren gefährliche und hungrige Monate und es gab viel Probleme mit anderen Hunden, die auch Hunger hatten, und mit Menschen, die nicht so nett und freundlich waren, wie die Fremden in Sommer.

Milow machte oft gute Erfahrungen mit Menschen, die ihn fütterten und lernte es, sich in dieser Nische einzurichten. Aber er machte auch viele schlechte Erfahrungen mit ihnen, bis hin zu Prügeln und übelsten Mißhandlungen. Sein Wesen ist geprägt durch den oft beissenden Hunger und die unvergessenen Schmerzen, aber auch durch die Vorteile vieler kleiner Kunststückchen, die man machen kann, um den Menschen etwas Leckeres aus der Tasche zu locken. Er kann gleichzeitig ängstlich und zutraulich sein – und er betrachtet alle Menschen noch heute als potentielle Futterautomaten, immer auf der Hut um jederzeit die Flucht ergreifen zu können. Seine Angst und seine schlechten Erfahrungen lassen ihn immer Abstand zu Menschen halten, bis etwas zu Essen ins Spiel kommt. In diesem einen Augenblick mutiert er vom Angsthund zu zutraulichsten, liebsten und bravsten Hund der Welt – solange, bis alles aufgefressen ist! Das Betteln ist eine Kunst, die der Halunke absolut perfekt beherscht und genauso wie das dazugehörige Sitz-Machen mit großen lieben Augen – das konnte er es schon lange bevor er in dieses Land ausgewandert wurde. Das hat er in seiner Welt und an seinem Strand von der Pike an gelernt!

Milows Papa war wohl ein richtiger Jagdhund, wenn ich das neulich richtig mitbekommen habe, als der Halunke auf der Wiese mal wieder wie eine Tüte Mücken angab. Ein richtiger Portugisiescher Podengo sogar – einer der alles ganz alleine und ohne fremde Hilfe kann und  sonst niemanden braucht. Einer, der sich jederzeit leckere Mäuse und Kaninchen besorgen konnte, ohne fremde Hilfe und der sowieso ein toller Kerl war! Kennengelernt hatte er ihn nie, aber ich glaube ihm die Geschichte – und es kommt auch irgendwie alles hin, was er so erzählt. Anfangs war Milows Papa nicht alleine, denn er durfte zusammen mit einem Menschen und einigen Hunde-Kollegen in einem sogenannten Trupp jagen. Das wäre eigentlich gar nicht schlecht gewesen,  hätte der Mensch am Schluß nicht immer die Beute kassiert und wäre zu Milows Papa auch sonst etwas netter gewesen. Irgendwann sei er von dort ausgebüxt oder von dem Menschen irgendwo im Wald alleine zurückgelassen worden. Papa konnte sich aber sehr gut durchschlagen und sogar eine kleine Familie ernähren, glaubt der Milow sehr stolz, und nicht viel später hätte er dann auch seine Mama getroffen.

Milows Mama lebte wohl schon länger ohne Menschen in diesem Wald und der Milow wuchs in einer Höhle unter der Erde auf, wo es in der Nähe seiner Mama immer sehr warm und kuschelig war. Der Papa war oft weg und kam meistens mit viel und leckerem Essen zurück. Aber wie auch immer es war und ganz egal, was von Milows Geschichte da nun genau stimmt, er wuchs fern von menschlichen Behausungen auf und erst sehr viel später konnte er sich seinen Strandabschnitt erobern. Es war der Hunger, der ihn in die Nähe des Menschen trieb, den er bis dahin überhaupt nicht kannte. Er war nicht solch ein toller Jäger wie sein Papa, obwohl er es bis zum heutigen Tag immer wieder genauso leidenschaftlich wie erfolglos versucht. Der Milow fand andere fressbare Dinge als leckere Kaninchen und in der Regel waren es die Dinge, die Menschen in Tonnen vor ihren Häusern oder auf großen künstlichen Bergen in der Nähe ihrer Siedlungen sammeln.  Den Menschen war das oft nicht recht und seine ersten Begegnungen mit diesen sind ihm in schmerzlicher Erinnerung geblieben, er erzählt mir heute immer wieder viel davon. Menschen seien die fürchterlichsten Wesen, die er jemals kennengelernt hätte, wären da nicht irgendwann die vielen Fremden an seinem kleinen Strand gewesen, den er durch Zufall entdeckte. Milow hatte gelernt sich durchzusetzten, auch gegenüber anderen Hunden, und er wurde zu einem sehr selbstbewußten kleinen Kerl. Immerhin hatte er ja die Gene seines Papas im Blut, eines richtigen Jägers und eines autarken Podengos. Es dauerte nicht lange und er hatte sich seinen eigenen kleinen Bereich erobert. Die Sommer am Strand seien eigentlich die beste Zeiten in seinem Leben gewesen, bis auf die Erinnerungen an seine Mama und die Wärme in der kleinen Höhle. Diese Zeit hätte er nie vergessen und er würde es auch niemals tun, das sei so sicher wie Kloßbrühe, und das soll bei ihm schon was bedeuten!

Der Milow braucht mich nicht, nicht so wie andere Hunde, die ich am meiner Seite hatte, und vor allem nicht so wie meine kleine Prinzessin. Klein Luna braucht mich, denn ohne mich würde sie verhungern, erfrieren, sich verlaufen und seelisch verkümmern – und ich ohne sie! Die Kleine würde in unserer Welt ohne mich überhaupt nicht klar kommen und genau das ist bei dem Halunken anders. Der braucht keine Dosenöffner, Chefbespasser, Aufpasser und Zeiteinteiler, um durch den Tag zu kommen und vor allem, um zu überleben. Das könnte er alles alleine, denn genau das hat er in seinem Leben in Freiheit und auf der sogenannten Straße gelernt – sonst würde er nicht mehr leben! Na klar findet er die ganze Palette meiner Hundedienstleistungen hier zu Hause nicht schlecht, manchmal sogar richtig klasse. Aber er könnte dieses alles auch ganz alleine und aus eigener Kraft, wenn er dürfte und vor allem, wenn es in diese Welt passen würde. Das einzige was der Milow braucht ist nichts weniger als ein Lotse, dem er vertraut, der Gefahren zuverlässig erkennt und dem er deshalb gerne folgt, weil er Sicherheit bietet. Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen. Seit ich ihm diesen Service biete und auf jegliche unnötige Einflussnahme und das Erlernen überflüssiger Kunststückchen verzichte, respektiert er mich gerne als Chefin. Alle meine bisherigen Hunde, einschließlich Luna, lernten die Sprache ‚Mensch‘, um in unserer Welt klarzukommen.

Für den Milow musste ich die Sprache ‚Hund‘ lernen, damit ich ihm in
unserer menschengemachten Welt mit allen ihren Gefahren ein Partner und Kumpel sein kann.

Luna und Milow

Ein Gedanke zu “Ich spreche Hund

  1. Der hat dich im Griff, und das ist auch gut so. Oder anders gedacht, wenn ich ein klein bißchen richtig bin mit meiner Hypothese, dann braucht er jemanden, den er im Griff hat. Folglich: Wenn er das nicht hat, was dann?
    Wie auch immer, wie immer toll geschrieben.

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Na, dann mal ran an die Tasten und einen Pfotenabdruck dagelassen!

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