Die Schildkröte Theobald

„Als Julius fünfundzwanzig war, starb erst seine Mutter an Krebs, und ihr Sohn trauerte sehr um sie. Wenig später ertrank der Vater im Sumpf, bei dem Versuch, einen Hund zu retten. Auch da trauerte Julius sehr, denn er hatte wirklich an dem Hund gehangen.“

– Frei nach Jonas Jonasson, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand –


Sie hätte mal Schwestern gehabt, zwei Stück sogar, und fragte sich oft, wie es wohl wäre, wenn die noch da wären. Ganz lange wäre das schon her und sie könne sich kaum noch an die erinnern. Das war zu einer Zeit, als sie sogar noch Eltern hatte. Eine richtige kleine Familie wären sie gewesen, mit allem was so dazugehöre. Wenn nur ihr Vater ein wirklicher Vater gewesen wäre, vielleicht wäre er dann noch heute ihr Vater und nicht eine schlechte Erinnerung. Aber Lara wäre nicht Lara, wenn sie an dieser Stelle weiter erzählt hätte, also tue ich es auch nicht!

Lara redete nicht gerne über ihre Vergangenheit und auch heute nach fast 40 Jahren gibt es für mich immer noch viele Löcher in ihrem Leben. Sie war genial darin, bei Bedarf irgendetwas Verrücktes zu antworten, was mit der gestellten  Frage überhaupt nichts zu tun hatte. Das geniale dabei war, dass es einem selten auffiel und man ihr oft sogar noch fasziniert zuhörte – die eigentliche Frage völlig vergessend. Lara konnte richtig toll erzählen, aber nur, wenn sie wollte und worüber sie wollte. Wenn man sie auf ihre Familie ansprach, landete man meistens beim Thema Tiere und ihrem großen Traum von einem eigenen kleinen Hof. Einem alten verlassenen Bauernhof auf dem sie mit unendlich vielen Tieren gemeinsam alt werden könne. Einem Tiergnadenhof, wie man das heutzutage so nennt. Früher gab es dieses Wort nicht und ich bin mir sicher, Lara hätte ein anderes Wort dafür gefunden. Irgendwie netter und auch frecher, vielleicht aber auch einfach nur etwas verrückter. Manchmal kommen die Dinge aber nicht so, wie sie hätten kommen sollen und ihr eigener Hof sollte ihr größter Traum bleiben. Aber dann kommen die Dinge eben anders und vielleicht sogar besser als erwartet, höre ich sie ganz tief drinnen in mir sagen – lachend und weinend zugleich!

Dabei hatte Lara in ihrer Kindheit ein recht spezielles Verhältnis zu Tieren, oder besser gesagt: Sie hatte gar keines und sie war damals auch nicht wirklich nett zu Tieren! Ihr erstes eigenes Tier sei eine Schildkröte gewesen, der sie den Namen Theo verpasst hätte. Ihr Vater war der Meinung, dass Kinder sich frühzeitig an die Verantwortung für Tiere gewöhnen sollten. Ihre beiden jüngeren Schwestern hatten schon Meerschweinchen bekommen, die Peggy und Tina hiessen. Die beiden lebten im Keller in einer kleinen Kiste und  manchmal durften sie auch zum Spielen mit raus auf die grüne Wiese. Irgendwann waren sie weg und Lara schwört noch heute, dass ihr Vater sie damals einfach durchs Klo gespült hätte – was ich mir aber nicht vorstellen kann, dafür sind die doch viel zu groß. Lara wollte kein Tier und sie hätte auch gar nicht gewusst, was sie damit anfangen sollte. Trotzdem wurde ihr von ihren Eltern eines Tages eine Schildkröte geschenkt, was Lara noch einigermaßen akzeptabel fand – auf jeden Fall besser und praktischer als die ewig quiekenden Meerschweine. Der arme Theo hatte kein schönes Leben! Meistens schleppte Lara ihn in der Art einer Handtasche mit sich herum, wobei ein Bein und manchmal auch der Kopf als Henkel herhalten mussten. Die Beine konnte sie ja nicht so einfach abbauen, wie später bei den Krabben. Aber Theobald erinnerte sie oft an einen laufenden Stein und bald erfand sie eine völlig neue Beschäftigung, fast eine revolutionäre Sportart: den Schildkröten-Weitwurf. Das hätte ihr viel Spaß gemacht, höre ich sie noch mit Tränen in den Augen sagen. So viele Eichhörnchen könne man gar nicht um Verzeihung bitten, wie sie in ihrem Leben Mist mit Tieren angestellt hätte!

Sie ist an der Nordsee aufgewachsen und dort war man damals nicht besonders nett zu den Tieren, jedenfalls nicht zu denen im Meer. Inbesondere nicht, wenn man sie da rausholte, weil man sie später essen wollte. Kopfschüttelnd erzählte sie mir mal von den Krabbenkuttern, die sie damals so toll fand. Die Fischer zogen die vollen Netze an Bord, entfernten den Beifang und kippten die verbliebenen Krabben direkt ins siedende Wasser – gleich an Bord und lebend. Nach fünf Minuten konnte dann gespeist werden. Krabben pulen – oder besser Granat pulen, wie es an der See heisst – ist dort fast ein Volkssport und jedes Kind lernt es von klein auf. Manchmal zuckten die fast noch, quält Lara sich  raus, aber dennoch: die seien so gleich an Bord und noch warm verdammt lecker gewesen!

Überhaupt habe sie zum Wohlergehen der Meerestiere ein recht entspanntes Verhältnis gehabt. Insbesondere zu den Krabben, die auch an der Nordsee so genannt werden – diesen flachen Krebsen, die immer seitlich laufen. Als Kind entwickelte sie ein fast schon wissenschaftliches Interesse an der Tierwelt. Da waren Fragen in ihren Leben, die beantwortet werden wollen. Z.B., wie viele Beine solch eine Krabbe mindestens zum Laufen bräuchte und ob sie auf jeder Körperseite diesbezüglich welche benötigen würden. Sie war bei ihren Erkundungen nicht gerade zimperlich mit den armen Krabbentieren und wenn dann alle Beine ab waren, konnte man sie immer noch ganz toll wie einen flachen Stein über das Wasser ditschen! An der Nordseeküste übrigens eine übliche Verfahrenswiese – mit flachen Steinen und mit Krabben! Einen Kopf darüber gemacht? Früher? Niemals! Darauf wäre sie niemals gekommen, weil es um sie herum alle so gemacht hätten – es gab ja auch genug davon, was hätten da schon die paar geditschten Viecher ausgemacht. Die Möwen jedenfalls hätten sich diebisch über ihre Vorarbeit gefreut.

Manchmal hätte ihr Vater (Stiefvater durfte ich ihn niemals nennen) sie zum Angeln mitgenommen. Das fand sie meistens langweilig, bis auf diese wenigen Momente, wo denn auch mal ein Fisch anbiss. Die größeren bekamen gleich einen über den Kopf und die kleineren kamen so in den Eimer. Wenn es nicht gelang, den Angelhaken wieder aus dem Tier herauszupulen, blieb er halt drinnen. Ihre Muddi erledigte das dann zu Hause beim Zerlegen und Zubereiten des Fisches und die Küche sei ihr zeitweise wie ein Schlachthof in der Erinnerung. Auch Fische bluten, vor alle wenn sie bei lebendigem Leib aufgeschlitzt wurden und manche wollten einfach nicht sterben. Die meisten Aale zappelten sogar noch ausgenommen in der Pfanne herum – ein fürchterliches Bild, aber damals wäre es für sie so normal wie Stullen schmieren oder Fußball spielen gewesen!

Im Botanischen Garten ihrer Heimatstadt gab es eine Art Freilauf für Schlangen, Eidechsen, Schildkröten und ähnlichem Getier. Ein Schulausflug dorthin hätte ihr Leben entscheidend beeinflusst. Sie fand es  faszinierend, dort zu einfach nur zu stehen und Tiere beim Leben zu beobachten, ohne gleich Verantwortung für diese übernehmen zu müssen. Das fand sie klasse und in den folgenden Jahren sei sie sehr oft dort gewesen, immer mit Schreibblock und Bleistift. Mit der Zeit zog es sie dann immer mehr in den Wald. Sie fing Tiere, untersuchte diese, liess sie wieder frei und schrieb sich alles auf, was sie beobachtet hatte. Insbesondere Mäuse und Vögel hatten es ihr angetan. Nicht zuletzt, weil diese recht einfach zu fangen waren. Aus mir wäre eine richtige Forscherin geworden, strahlt sie mich in meiner Erinnerung gerade an. Wenn mich doch nur irgendeiner ernst genommen oder gefördert hätte (wie zum Beispiel meine Eltern), ich hätte aus meinem Leben echt was Reeles machen können –  Biologin wäre ich geworden oder Waldforscherin, wenn es denn sowas gäbe. Lara lacht immer noch und ich liebe diesen unverwüstlichen Humor, für den es nie zu spät ist, nochmal was neues anzufangen oder einen alten Traum wahr werden zu lassen.

In ihrem Leben kam viel anders, vor allem anders als bei den meisten anderen Menschen. Heute hat sie ein völlig anderes Verhältnis zu Tieren. Früher hat sie alles und jeden nach dem direkten Nutzen für sie und ihre Interessen betrachtet – Tiere kamen selten darin vor. Lara tat sich in ihrer Pubertät sehr schwer, verlor mit achtzehn ihr Elternhaus und überhaupt lief in ihrem Leben sehr viel schief. Ihr werdet diese Geschichten kennen! Das blinde Lieschen und die alte Wodka waren die Engel, die sie heute noch über jedes Feld und jeden Hügel tragen!

Irgendwann studiere ich nochmal Biologie und dann mache ich einen auf Forstwirtschaft oder so! Solche Sätze erinnern mich an sie, wie auch: Heute rette ich jeden Tag ein Tier, jeder sollte das machen! Wenn es geregnet hat, könne man Regenwürmer retten. Man müsse sich nur bücken, sie aufnehmen und an einen trockenen Platz verfrachten. Man könne die Mücken einfach mal satt vom eigenen Blut trinken lassen und nicht gleich tot schlagen – Wir Menschen würden schon nicht dran sterben. Im Winter, wenn es friert, die Vögel füttern oder im Sommer mit dem Fahrrad um die vielen Wegschnecken auch mal herumkurven und nicht gleich drüber zu fahren! Im Garten einen Sommerflieder pflanzen, für die Schmeterlinge, und nicht immer den ganzen Rasen mähen, für die anderen Insekten.  Man müsse nicht immer gleich so dermaßen groß denken, denn die Liebe zum Tier begänne im Kleinen – an einem klitzekleinen Ort mitten im Herzen. Es sei alles nur eine Frage der Einstellung. Nämlich der richtigen Einstellung zum Leben, zur Natur und zur Frage nach dem Sinn des Lebens!

Vor drei Jahren war der erste Tag ihres Fünf-Jahres-Planes. Ein altes Versprechen, darum geht es, und um ihre alte Hündin Wodka, der sie es einmal versprochen hätte. Ich hab mich damals verpflichtet und ich möchte es jetzt endlich auch tun, das waren ihre Worte in unserem letzten Gespräch. Es ging um ihren Traum vom Tiergnadenhof und ich gehe jede Wette ein, dass mir in spätestens zwei Jahren eine Einladung zu ihrer Eröffnungsfeier ins Haus flattern wird. Dann werde ich gerne zu einem alten Versprechen stehen, dass ich ihr vor über zwanzig Jahren einmal gegeben habe. Dann werden wir mit im Boot sein und noch einmal mit Sack und Pack an einen anderen Ort ziehen, aber hoffentlich nicht ans andere Ende der Welt. Das wäre ihr nämlich zuzutrauen.

„Man kann sich ändern! Kein Arschloch ist dazu verpflichtet, sein Leben lang eines zu bleiben“ – Lara Rehbein –


Zur ‚Sache‘ mit den Eichhörnchen und dem Entschuldigen lest unsere Geschichte Ratatöskr, das Eichhörnchen!