Luna und die Angst

Der Acker ist schwarz, denn der Bauer hat neulich gepflügt. Seit Tagen geht ein frisches Windchen durchs Land und es hat schon lange nicht mehr geregnet. Die Erde ist knochentrocken und besteht fast nur noch aus Staub. Die Krähen suchen in der Ferne nach Fressbarem und Luna findet Krähen richtig gut. Lange bevor ich auch nur auf die Idee kommen kann, sie zu stoppen, ist die Lütsche schon losgeflitzt und brettert über den Acker. Der Milow setzt umgehend hinterher und in der Ferne sehe ich nur noch zwei scharze Staubwolken. Sie werden niemals wieder zurückkommen, jedenfalls nicht so, wie sie vorher waren! Diese beiden pechschwarzen und krümelnden Fellknäuel, die auf einmal vor mir stehen, habe ich niemals zuvor gesehen. Beide strahlen vor Glück und vor allem klein Luna möchte am liebsten sofort wieder losjappern, was sie auch umgehend tut. War da nicht ein Kaninchen? Juchu Fraule, morgen machen wir mal Rehbraten! Findest Du Mäuse auch so lecker? Ey Boah, da hinten hat sich was bewegt und da vorne auch! Die Krähen sitzen schon lange wieder irgendwo auf einem Baum und lachen sich über mein kleines Mädchen schlapp. Und ich beschließe spontan, dass Luna und Milow zu Hause ein Date mit dem Gartenschlauch haben.

Luna ist ein kleiner Jagdhund. Typisch Terrier, wie man landläufig so sagt, und nichts was sich bewegen kann, ist vor ihr sicher. Luna lässt die Sau raus, wird beim Jagen so richtig zum Tier und ich bin fürchterlich stolz auf mein kleines Mädchen. Das war nämlich nicht immer so!

Angst essen Seelen auf! Das ist nicht nur der Titel eines alten und wirklich sehenswerten Filmes mit Brigitte Mira – es beschreibt mit vier einfachen Worten, wie es meinem kleinen Mädchen viel zu lange erging. Wenn ich mein keines Mädchen gerufen habe, dabei angeschaut und womöglich noch zuckersüß ihren Namen geflötet habe, kam sie nicht angelaufen. Machte ich dann noch einen Schritt auf sie zu, dann kauerte sie sich zusammen, pinkelte sich ein und hat die nächsten zwei Tage nichts gefressen. Diese Angst, dass man etwas von ihr will oder mit ihr anstellen könnte, ist bis heute ein Teil von Klein Luna geblieben. Drei lange Jahre wurde sie ignoriert und wenn sie beachtet oder angelockt wurde, dann wollten Kinder mit ihr spielen – wie mit einer Gummipuppe oder Legosteinen. Wenn ich mich einfach nur umdrehe und ganz beiläufig „Lu“ rufe, dann kommt sie freudig angelaufen. Dann weiss sie, dass sie einfach nur kommen soll und ihr nichts schlimmes passieren wird!

Sie hat Angst vor Schimpfe und davor, dass ihr weh getan wird. Wenn mir in der Küche etwas runterfällt und ich fluche, dann flüchtet sie unters Bett. Sie hat Angst vor dem alleine sein und davor, wieder verlassen zu werden. Die ersten Jahre konnte ich sie überhaupt nicht zu Hause lassen, wenn ich mal weg musste, und auch zu anderen Leuten konnte ich sie nicht geben, weil sie dort nur zitternd in der Ecke lag. Sie hat noch heute Angst vor Veränderungen in unserem täglichen Ablauf, überhaupt vor allen Unregelmäßigkeiten. Wenn ich zum Beispiel morgens vor dem Gassi schon raus gehe (mal kurz in den Keller, ohne sie!), dann wird ihre Angst sie wieder den ganzen Tag begleiten. Ich hätte mich da draußen ja in Luft auflösen können, sicher könne man sich da nie sein! Sie hat immer noch Angst vor der Dunkelheit und sie hat Angst vor sich selber. Angst vor ihren eigenen Trieben und Impulsen, vor ihrem eigenen Hunger und ihrem Durst. Man muss dann ja Essen und Trinken, dabei könnte man kleckern und dann könnte es wieder Mecker geben. Sie hat Angst vor dem Leben, der Welt und davor, dass ihr irgendwann der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Mit anderen Hunden konnte sie überhaupt nichts anfangen, bis auf eine diffuse Ahnung, dass auch sie einer sein könnte. Ich ein Hund? Eins von diesen bekloppten Viechern, die immer auf meine Wiese kommen und da rumrennen? Nö, hätte sie entschieden gesagt, und mich wie ein kleines Kind angeguckt. Sie sei alles, aber bestimmt kein Hund!

Neulich im Wald habe ich schon gestaunt. Wir sind Rad gefahren, wie so oft, und Luna lief schräg hinter mir. Auf einmal waren da ungewöhnliche Geräusche. Es raschelte und klapperte, als wenn ein Trupp Rehe hinter mit herrennen würde. Ich blieb stehen, drehte mich um und sah, dass Luna weg war. Das war seltsam und dass kannte ich bis dahin von ihr nicht, denn sie liess mich sonst nie aus den Augen. Nun war sie einfach weg und bevor ich wirklich drüber nachdenken konnte, kam sie auch schon völlig außer Atem durch das Unterholz angehüsert. Ihre Zunge hing bis auf den Boden und in ihren Augen stand ein Ausdruck von Glück, den ich bei ihr noch niemals gesehen hatte. Luna hatte das erste mal in ihrem Leben einen Hasen gejagt, und ich war stolz wie Oskar auf mein kleines Mädchen. Nach über sieben Jahren hatte sie einfach so einem Impuls nachgegeben und sich keine Sorgen über die Folgen gemacht. Sie hatte sich einfach so vom Acker gemacht, wie ein Tier, wie ein Terrier und ich hätte vor Glück platzen können. Mein Hund, meine Luna!

Schuld daran hat natürlich ausschließlich der Milow! Seitdem der Halunke bei uns wohnt, taut Luna nach und nach auf. Immer wieder hatte er sie zum Spielen aufgefordert, manchmal ein wenig bedrängt und dann wieder in Ruhe gelassen. Immer in der für Luna richtigen Dosierung, wo auch immer er das Maß dafür her hatte. Er konnte es einfach! Dann kam dieser eine Tag, als Luna ihn das erste mal von sich aus zum Spielen und Toben aufforderte. Diesen einen Tag habe ich ausgeschnitten und in einem goldenen Rahmen an die Wand gehängt. Mittlerweile macht sie das auch bei anderen Hunden. Menschen, die Luna schon länger kennen, fragen mich oft, wie ich das hinbekommen hätte. Ich sage dann immer: Mit dem besten Hundetrainer der Welt, einem richtigen Personal-Coach für Luna und einem Hunderversteher, wie er in keinem Buche steht. Dabei zeige ich dann mit stolzgeschwellter Brust auf unseren persönlichen Halunken. Mein Hund, mein Milow!

Gestern sagte mit Luna, wenn sie jetzt ein richtiger Terrier sei, würde sie auch nicht mehr so viel Angst haben wollen. Es sei ja auch wirklich so und an Milows Seite müsse man auch ein tapferes Mädchen sein, so blöd wie der sich manchmal anstellen würde. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte (Milow der Vollpfosten könnte die heissen, schlägt Luna grad vor). Ich könne mir bis dahin aber schon mal einen Klapp-Spaten besorgen, weil sie demnächst mal erkunden wolle, wie diese Kaninchen so leben. Dafür sei sie ja immerhin gezüchtet worden und richtige Freunde von Russels hätten auch keine Probleme damit, ihren Liebling ab und an mal ausbuddeln zu müssen. Vorher ringe ich ihr aber noch das Versprechen ab, immer mein kleines Mädchen zu bleiben und mich nie in die Verlegenheit zu bringen, nun auch noch einen Anti-Jagd-Kursus mit ihr belegen zu müssen. Im Gegenzug verspreche ich, morgen einen Spaten zu besorgen und Kaninchen betrachten wir in Zukunft als geborene Angsthunde-Therapeuten.

Sie stimmt zu und ich habe einen Deal mit dem tollsten Russel der Welt!

Luna

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