Das Einzige was zählt!

Alle, die von Freiheit träumen,
Sollen’s Feiern nicht versäumen,
sollen tanzen auch auf Gräbern.
Freiheit, Freiheit, Ist das Einzige, was zählt!

– Freiheit – Marius Müller-Westernhagen

Ich hatte es ihm versprochen! Damals vor fast zwei Jahren, als  der Halunke gerade ein paar Wochen bei uns war und ich über seine Sturheit und seinen Eigensinn nahezu verzweifelte. Der Milow war anders als jeder andere Hund, mit dem ich bisher mein Leben teilte. Vor allem sein schier unglaublicher Drang nach Freiheit und der Wille sich gegen jede Einschränkung seiner Entscheidungen mit allen Mitteln zu wehren, war völlig neu für mich. Draußen mit Leine, Geschirr und Halsband rumzulaufen war nicht sein Ding. Wie sollte es anders bei meinem kleinen Mann sein, der in seinem bisherigen Leben viele Einschränkungen hinnehmen musste, nur nicht die seiner Bewegungsfreiheit. Er konnte immer flüchten, wenn ihm etwas zu viel wurde oder er einfach nur alleine sein wollte, und er konnte kommen, wenn ihm nach Gesellschaft und Begleitung zumute war. Jetzt war er bei unseren Ausflügen gefesselt und angebunden – und ich kam mir manchmal vor, wie eine Gefängnisswärterin.

Lange Zeit habe ich mich nicht getraut, einfach die Leine auszuklinken und ihn laufen zu lassen. Ich hatte Angst um mich selber, dass er nicht wieder zu mir zurück kommt, und ich hatte Angst um den Halunken. Er kannte die vielen Gefahren unserer überbevölkerten und motorisierten Welt noch gar nicht. Auf Müllkippen gibt es keinen Straßenverkehr, keine rücksichtslosen Autofahrer und auch keine Hochgeschwindigkeitszüge, wie sie alle dreizig Minuten an unserem Dorf vorbei donnern. Ich machte mir in meiner Ängstlichkeit um ihn einfach viel zu viele Gedanken und ich war egoistsch und besorgt zugleich.

Einmal, vor vielen Monaten, liess ich mich auf einer gemeinsamen Waldrunde von einer lieben Freundin überreden. Es juckte mich auch rgendwie in den Fingern und wir waren mit fünf Hunden unterwegs. Alle liefen sie frei, nur der Milow musste die ganze Zeit an seiner Schleppleine zuppeln. Was solle schon passieren, dachten wir uns, die vier anderen Hunde hätten schon eine gewisse Bindungskraft und er würde sich nicht allzu weit vom ‚Rudel‘ entfernen. Spontan bückte ich mich zu ihm, blickte mit einem Stoßgebet im Herzen kurz zum Himmel und klickte Milows Leine einfach aus. Ohne jedes Zögern schoss er nach vorne, an den anderen Hunden vorbei (die vorausgelaufen waren) lief in einer geraden Linie zügig voraus und mir rutsche das Herz in die Hose. Ich fing an, nach ihm zu rufen, und ich lief ihm hinterher. Wir waren nahe am Bahngleis und der Halunke lief direkt darauf zu. Hier hatten schon einige Hunde aus meiner Bekanntschaft ihr Leben lassen müssen und die Angst gewann wieder die Oberhand über mein Verhalten. Der Milow hatte Stöpsel in den Ohren, hörte mein Rufen augenscheinlich nicht und ich vergass jegliches Wissen über Hunde und Hundeverhalten, welches ich mir in den letzten Jahrzehnten mühevoll erarbeitet hatte. Ich schrie mir fast die Seele aus dem Hals und der Halunke machte einen kleinen aber feinen Ausflug. Er fing an mit mir zu spielen und blieb nach einiger Zeit immer mal wieder stehen, nur um weiter zu laufen, wenn ich es geschafft hatte, näher an ihn ran zu kommen. Es sollte eine ganze Weile dauern, bis sich mein Gehirn wieder einschaltete und mir das Kommando einfiel, das wir an der Schleppleine schon immer geübt hatte. Auf den Ruf ‚Warte!‘ blieb er überraschend umgehend stehen, schaute mich an und wartete, bis ich herangekommen war, um ihn wieder anzuleinen.

Der Schreck saß mir tief in den Knochen und ich fühlte mich mehr als Hundefängerin, denn als Hundehalterin. Ich malte mir im schwärzesten aus, was alles hätte passieren könnte, übertrieb dabei ohne Ende und war einfach nur noch froh, dass meinem Milow nichts Schlimmes passiert war. Alle meine Ängste schienen bestätigt zu sein und es sollte noch eine Weile dauern, bis ich wieder an mein altes Versprechen erinnert wurde. In der Zwischenzeit übten wir viel das Kommando ‚Warte!‘ und die darauf folgende Option des Herankommens. Letztendlich war es dann mal wieder mein kleines Mädchen, das den Anstoß für die alles entscheidende Veränderung gab:

Luna läuft bei unseren Spaziergängen grundsätzlich frei und meistens klappte das mit dem Milow an der Schleppleine auch wunderbar. Wenn da nur nicht immer dieser schale Beigeschmack des Misstrauens mit von der Partie gewesen wäre. Oft wollte klein Luna mit dem Milow spielen und rumtoben, was aber wegen der doofen Leine nicht ging. Wir übten und übten und irgenwann kam der Tag, da fuhren wir ganz weit in den Moorwald raus. Ich hatte die Nase voll davon, immer als Spielverderberin da zu stehen und ich wollte es endlich wissen.

Vor einem großen Feld, dass von einem Graben und vielen kleinen Wäldchen eingerahmt ist, kramte ich allen Mut zusammen und leinte den kleinen Mann einfach ab. Wir waren vorab eine ganze Weile mit dem Rad gefahren und eigentlich sollte der Halunke einigermaßen ausgepowert sein. Diesmal schaute ich nicht zum Himmel, sonder in mich hinein, und ermahnte mich zur Ruhe. Gleichzeitig versuchte ich mich an die gefühlten fünfzig Hunderatgeber zu erinnern, die ich mittlerweile gelesen hatte. Luna donnerte schon wieder auf dem Feld den Raben hinterher, die sie  inzwischen alle persönlich und beim Namen kennt. Einen kleinen Augenblick zögerte ich noch, einen klitzekleinen Augenblick und dann machte der Haken an Milows Leine ‚Klick‘.

Er donnerte mit einem riesigen Satz über den Graben los, rannte wie ein Irrwisch über das Feld und alle meine Blutgefässe füllten sich explosionsartig mit Angst und Nervosität. Der Halunke jagte kein Reh und keinen Hirsch, da war überhaupt kein Wild in Sicht. Er jagte auch keine Kaninchen oder sonstwas, was man jagen könnte. Er rannte um zu rennen und was ihn antrieb war einfach nur die Freiheit und die war in diesem Moment riesengroß! Ich riss mich zusammen und rief auch nicht nach Ihm. Ich stand einfach nur da und schaute dem Kerl hinterher, bis er am Horizont nur noch ein kleiner Punkt war. Ich konnte kaum noch atmen, wollte rufen und hinterher laufen, aber ich riss mich zusammen. Als der Punkt am Horizont dann auf einmal wieder größer wurde konnte ich es kaum fassen, denn ich hatte in Gedanken schon den örtlichen Tierschutzverein angerufen. Aber der Halunke kam tatsächlich zurück und Luna lief ihm kläffend entgegen, um dann die letzten hundert Meter wie immer hinter ihm her zu rennen. Sie flitzten in einem großen Bogen an mir vorbei, rein in den kleinen Wald und kamen zusammen ungefähr zwanzig Meter weiter wieder raus. Eine kurze Verschnaufpause, zwei kleine gegenseitige Anschuppser und schon ging die große Sause weiter. Luna blieb diesmal an meiner Seite und der Milow sauste wieder über das Feld. Diesmal blieb ich ruhig und in mir machte sich eine große und befreite Heiterkeit breit. Ich musste laut lachen und auch die kleine Luna schien irgendwie erleichtert zu sein. In Lauerstellung wartete sie ab, bis Milow wieder nahe genug war, um seinen Haxen nachzujagen.

Ingesammt rannte der kleine Mann die Strecke drei mal und anschließend gab es eine Ehrenrunde durch das Wäldchen. Aufgemalt ergäbe das eine große Acht und ich war Start und Ziel zugleich. Da stand dieser Freigeist auf einmal mit hängender Zunge und seeligem Gesichtsausdruck direkt vor mir. Er schaute mir in die Augen, ganz als wolle er mich auffordern, noch eine Runde mit ihm gemeinsam zu rennen. Ich habe in meinem Leben noch niemals so viel Glück bei einem Hund gespürt. Seine Augen stahlten wie ein ganzer Himmel voller Sterne und er liess sich völlig erschöpft direkt vor meine Füße fallen. Ich setzte mich neben ihn im das hohe nasse Gras und Luna nutze die Gelegenheit, auf meinen Schoss zu klettern. So saßen wir gemeinsam da und uns verband in diesem Moment ein Gefühl unendlicher Erleichterung.

Wir kommen hier jetzt öfters her und dieser kleine Platz im Gras vor dem Feld mit dem Grab
en drum ist fast schon ein kleiner heiliger Ort für uns. Hier habe ich mein Versprechen erfüllt und der Milow hat sich freiwillig für uns entschieden. Hier an diesem Ort haben sich alle meine Ängste und Sorgen in Luft aufgelöst. Ich habe heute nicht mehr das Gefühl, den Milow gefangen zu halten. Er hat sich uns angeschlossen – seiner Familie, seinem Rudel, seinem sicheren und trockenen Schlafplatz, seinem Sofa und seinem Futternapf. Er findet es gut bei uns, das weiss ich heute. Auf jeden Fall findet er es bei uns besser, als alleine da hinten im Wald – als kleiner schwarzer Punkt am Horizont! Das macht mich glücklich und das macht mich sicher, dass wir hier bisher alles richtig gemacht haben. Der Milow ist jetzt kein Gefangener mehr und er braucht sich auch nicht mehr so zu fühlen!

Die Achten sind mit der Zeit viel kleiner geworden. Es ist fast so, als wenn der kleine Mann  das Vertrauen gewonnen hat, dass er noch ein zweites und drittes und xtes mal losrennen darf. Er braucht sich die Dosis Freiheit nicht mehr auf einen Schlag reinzutun, sondern teilt es jetzt sich über die Zeit des Freilaufes selbständig ein. Solange, bis er einfach keine Lust auf Rennen mehr hat und auch klein Luna ihn nicht mehr anfeuert. Es scheint für ihn ein lebenswichtiger Ausgleich für die Welt der verschlossenen Türen zu sein, in der er jetzt leben muss. Er kann halt nicht mehr kommen und gehen, wie er möchte – so wie es in der Welt war, in der er aufgewachsen ist. Der Moorwald mit seinen vielen Wiesen und angrenzenden Felder ist sein Ventil geworden. Hier kann er sich seine ganzen Frustrationen von Fell rennen und dafür nimmt er mittlerweile sogar in Kauf, dass wir eine ganze Weile mit dem Rad fahren müssen, bis wir hier sind. Sobald sein Wald in Sicht- und Riechweite kommt ist der Trödelbär nicht mehr zu halten und zieht uns den Rest des Weges.

An anderer Stelle in diesem Blog stellte ich mal die Frage „Was ist so schlimm am Dasein als Straßenhund?“ Das war damals eine sehr ehrliche Frage, weil ich keine Ahnung hatte und das ändern wollte. Ich wollte damit nicht im Umkehrschluss sagen, dass Straßenhunde ein tolles Leben haben. Ich wollte wissen und andere zum Nachdenken anregen! Über mich und die Fabelschmiede brach ein kleiner Shitstorm daher – hier in diesem Blog zum Teil immer noch nachzulesen. Ich wurde geköpft, ertränkt, erschlagen und einmal mit den Füßen nach oben an die Decke genagelt. Dennoch, die Frage darf kein Sakrileg bleiben und jeder, der mit ehemalgen Straßenhunden zusammen lebt, sollte sich diese Frage mindestens einmal stellen. Es ist nicht alles schlecht in Leben von Hunden, die ohne Anschluss an Menschen leben. Kein Hund sehnt sich nach einem Sofa vor dem Ofen im völlig überheizten und schlecht gelüfteten Räumen. Kein Hund sehnt sich nach einem Leben in Unfreiheit und an der (wenn auch) langen Leine. So dreckig, wie es vielen Hunden auf den Straßen der Welt geht, sie bezahlen durch ihre Rettung (Entführung) ins Wohlstands-Deutschland einen hohen Preis. Dieser Preis hat die Namen: Leinenzwang, Maulkörbe, Grünflächenverordnungen, überfüllte Lebensräume, verschlossene Türen, Autoverkehr und viele andere bisher (vieleicht) unbekannte Gefahren. Wir leben in diesem Land nicht im Paradies für Hunde und für viele ist es auch nicht das El Dorado der Tierliebe! Es wird immer irgendetwas fehlen und die sogenannte Rettung, so sinnvoll und gut gemeint sie sein mag, bedeutet nicht immer das endgültige Glück für den Hund. Sie bezahlen den vollen Fressnapf immer mit ihrer Freiheit und wenn sie das nicht wollen, werden sie zu Problemhunden gemacht! Viele sind kaum in der Lage, tatsächliche Bindungen zu Menschen aufzubauen. Sie sind an menschliche Gesellschaft nicht gewöhnt und haben auch die so wichtige Beisshemmung gegenüber Menschen niemals gelernt. Viele haben nie gelernt, dass für den Umgang mit Menschen andere Regeln zählen als für den Umgang untereinander.

Freiheit ist ein hohes Gut, auch für unsere Hunde, und der artgerechte Freilauf mit freien Kontakt zu Artgenossen wird immer häufiger tierschutzrelevant dikutiert. Der Hund muss frei toben, spielen, kloppen und auch mal selber etwas für sich regeln können. Das gilt wohl besonders für Hunde, die es in ihrem bisherigen Leben nie anders kennen gelernt haben. Ein Leben an der Leine und im Hochsicherheitsgeschirr, womöglich noch mit Maulkorb, grenzt nicht nur an Tierquälerei, es ist Tierquälerei. Das tägliche Abenteuer Grünstreifen und am Wochenende mal angeleint in den Wald hat mit Freiheit und Lebensqualität nicht viel zu tun! Gerade im Umgang mit ehemaligen Straßenhunden wird es immer ein Balance-Akt sein. Sicherheit und Freiheit schließen sich oft gegenseitig aus, müssen es aber nicht, wenn jeder seine Entscheidungen frei treffen kann. Ich bot dem Milow damals an, ihn wieder nach Portugal zu bringen und zu begleiten, wenn er nicht von sich aus bei uns bleiben will. Er hat sich für uns entschieden und trifft diese Entscheidung inzwischen jeden Tag erneut. Das macht mich glücklich, weil ich ihm so einen großen Teil seiner geliebten Freiheit nicht nehmen muss – und sei es nur auf unseren ausgedehnten Spaziergängen in unserem Moorwald

Ich sprach von Milow und von mir!

Ich stelle keine Regeln für andere auf und ich versuche nur Ordnung in unserer kleinen Welt zu halten. Aber vielleicht wird das eine oder andere trotzdem nachendenkens-wert für Euch sein. Vieleicht macht Ihr ähnliche Erfahrungen, habt ähnliche Gedanken und stellt Euch ähnliche Fragen. Ja? Sehr schön, dann hat es Sinn gemacht, diese kleine Geschichte aufzuschreiben!

Milow bei seiner Ankunft in DeutschlandMilow H.Lunke in seinem heutigen Leben

Die Wüste war heiß, die Berge war’n hoch
Das Wasser war tief und ich fand dich doch
Ich habe dir geschworen, dass du mir nicht entkommst
Du bist für mich geboren, ich lebe nicht umsonst

Weil ich dich liebe, noch immer und mehr
Weil ich dich brauche, ich brauch dich so sehr
Ich habe Sehnsucht, ich verzehr mich nach dir
Verzeih mir, bleib bei mir

– Weil ich Dich liebe – Marius Müller-Westernhagen –

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Ich bin hier bloß der Mensch‭ ‬-‭ ‬Geschichten mit Hund
Severine Martens
Monsenstein‭ & ‬Vannerdat,‭ ‬2014
12,90‭ ‬Euro
ISBN:‭ ‬978-3-95645-394-6‭

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