Im Wald und gut zu Vögeln

„Wochenend und Sonnenschein
und dann mit Dir im Wald allein.
Weiter brauch ich nichts zum glücklich sein.
Wochenend und Sonnenschein!“

Wir fahren bei jedem Wetter in den Wald und meinetwegen kann es auch regnen, wenn wir das tun. Muss ja nicht gleich so doll sein, also eher nieseln. Im Wald merken wir davon sowieso nichts – jedensfalls nicht, wenn es windstill ist. Aber von der Sonne hat man im Wald auch nicht so viel, deshalb sind wir auch im Sommer oft da. Im Wald ist es immer kühl und von oben trocken und es ist egal, ob es regnet oder ob die Sonne scheint! Das Wetter spielt im Wald gar keine Rolle, außer wenn es auch von unten nass ist, findet Luna. Nass findet sie sowieso alles doof, aber da kann der Wald ja nichts dafür. Das kleine Lied der Comedian Harmonists mögen wir aber trotzdem und ich dudel es oft vor mir her, warum eigentlich?

Im Wald ist es schön, er ist bis zur Oberkante voll mit guter Luft und man trifft selten andere Menschen und Hunde. Außer man ist verabredet oder läuft dem Jäger oder Förster über den Weg. Im Wald riecht es immer herrlich nach Natur, feuchtem Moos, altem Laub und Verwesung – wobei das letzte nur die Hunde toll finden. Die Seele kann baumeln, die Nase kann sich vom Stadtmief erholen und die Ohren haben Feierabend. Die Hunde schieben ihre Nasen durch das Unterholz, schnüffeln hier und schnüffeln dort, rennen im Zickzack durch die Bäume und sind einfach nur seelig. Nach einigen Stunden über matschige Wege und Trampelpfade sind wir zufrieden, müde und beschwingt zugleich. Wir freuen und auf unser gemütliches zu Hause, ein feines Essen und die weiche Couch. Dann planen wir schon den nächsten Ausflug in den Wald und ich stelle mal wieder fest, dass ich dort leben könnte. Das war schon immer so und ich glaube, ich bin ein Waldheini. Der Milow findet Waldheinis gut, die Luna nur manchmal!

Aber Wald gehört aber nicht uns und wir sind dort jedes mal nur zu Besuch. Der Wald gehört denen, die da leben! In unserem Fall sind das Rehe, Füchse, Kaninchen und richtig viele Vögel. Vor allem solche Vögel, die auf dem Boden brüten. Reichlich Insekten, wie Käfer und Mücken, und Ameisen sind auch noch da, aber die interessieren uns nicht so sehr. Da finden Luna und der Milow doch eher die vielen Mäuse toll, vor allem aber die unzähligen Löcher und Gänge, die man so klasse verbreitern und weiter bearbeiten kann. Es gibt unheimlich viel mit der Nase zu gucken, für die Hunde mehr als für mich, und manchmal wünschte sich der Milow, er könne auf Bäume klettern. Die Waldbewohner finden das nicht immer toll und viele sterben schon tausend Tode, wenn wir auch nur in ihre Nähe kommen.

Neulich trafen wir im Wald eine gute Freundin. Wir hatten überhaupt nicht damit gerechnet und eigentlich den Förster erwartet. Schon von Weitem konnten wir das Auto beobachten, das immer wieder stehen blieb, um dann anschließend einige Meter weiter zu fahren. Immer wieder dieses Stop and Go über den Forstweg und wir dachten, da würde doch wer etwas suchen. Wie hätten wir ahnen sollen, dass das die liebe Urte war – auf der Suche nach gut erhaltenen Birkenstöckchen, weil sie im Internet eine ganz tolle Bastel-Anleitung für Blumenübertöpfe gefunden hatte. Es hätte tatsächlich der Förster sein können oder einer von den Deppen, die hier immer wieder illegal ihren Müll abkippen. Zu allererst nahm ich nur eine Frau in Reitklamotten wahr, aber je näher wir kamen wurde daraus langsam und sicher meine liebe Freundin, die vorher bei ihren Pferden war. Meine Augen und ich sind halt nicht mehr die Jüngsten und auch als Schnellmerkerin konnte ich nie so wirklich angeben.

Wir kamen ins klönen und Klein Luna hatte ordentlich beim Stöckchen-Sammeln mitgeholfen. Beide Hunde hatte sich gefreut, im Wald so überraschend einen Menschen zu treffen, zu dem sie hinlaufen durften und den sie darüber hinaus auch noch kannten. Wir klönten uns fest, Luna brachte die sortierten Stöckchen-Haufen immer wieder durcheinander und der Milow nutzte seine Chance. Kaum hatte er mitbekommen, dass ich nicht mehr auf ihn achtete, war er auch schon weg. Sein Wald, seine Bäume seine Kaninchen und seine Mäuse! Anfangs flitzte er immerzu um uns herum und blieb zuverlässig in meiner Sichtweite. Sein Trick dabei ist, in Achten zu laufen, wobei ich den mittleren Schnittpunkt seiner Rennbahnen bilde. Dann hatte er beschlossen, seine Achten zu vergrößern und zu Kreisen auszudehnen. Ich bekam gar nicht mit, dass der Kerl auf einmal weg war. Das Brett, das ich vor dem Kopf hatte, liegt in diesem kleinen Birkenhain wohl immer noch auf dem Trampelpfad herum. Der Halunke war weg und ich wusste nicht wohin!

Es sollte eine ganze Weile dauern, bis er wieder angesaust kam und bei mir blieb. Ich hatte ein fürchterlich schlechtes Gewissen, weil es überhaupt nicht unser Ding ist, sich in der freien Natur so rüpelhaft aufzuführen. Jedenfalls nicht im Wald und schon gar nicht in der geschützten Brut- und Setzzeit. Der Respekt vor der Natur ist uns sehr wichtig und ich lasse meine Lieben auch nur frei laufen, wenn ich die Gewissheit habe, sie jederzeit kontrollieren zu können. Mit Luna ist das meistens kein Problem und bei dem Milow hilft mir oft die fünfzehn Meter lange Schleppleine. Die funktioniert auch querfeldein und im Notfall sogar als Fußbremse!

Rehe und viele andere Wildtiere, die in unserem Wald leben sind Fluchttiere. Das sind sie nicht nur zur Brut- und Setzzeit, sondern immer. Von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod – und egal, ob sie jung oder alt sind! Fluchttiere leiden bei ihrer Flucht, stehen Todesängste durch und verausgaben sich dabei bis zur völligen Erschöpfung. Das Reh, das von einem freilaufenden Hund gehetzt wird, ist alles andere als glücklich über diese Situation. Und die Geschichte geht auch nicht ohne Schaden für das Tier aus, weil es dem Hund wegen seiner Schnelligkeit entkommen kann. Gestresste Wildtiere neigen zur sogenannten Capture Myopathy. Dabei werden durch Überhitzung, Überanstrengung und manchmal auch Muskelabriss vor allem die Muskeln der Hintergliedmaßen (aber auch andere) geschädigt. Oft folgt nach Stunden durch Herzversagen und Kreislaufkollaps der qualvolle Tod. In der Zeit bis dahin erleiden die Tiere unerträgliche Schmerzen, weil die Muskeln langsam absterben. Menschen, die in der Zoowelt leben und arbeiten kennen dieses Reaktion der Tiere nur allzu gut. Es kommt immer wieder vor, dass alleine das Umsiedeln in ein anderes Gehege (ohne Hetzjagd) mitunter eine solche Capture Myopathy bei den Tieren auslöst.

Als Hundehalter kommt man oft gar nicht dahinter und hält das alleinige Hetzen ohne Jagderfolg eher für ein Spiel. Sie unterschätzen die Gefahren, die von ihren Hunden ausgehen, und unterschreiben sogar Petitionen, die eine Abschaffung der gesetzlichen Brut- und Setzzeit fordern. Es neulich kursierte solch eine Petition durch die Social-Medias. Die Begründungen der Unterzeichner in den Kommentaren waren auch hier (wir so oft) die Würze des Ganzen. Einige waren sogar der Ansicht, ihre Hunde ohne diese Hetzjagden auf Wildtiere nicht artgerecht auslasten zu können. Oder es wurden Gedanken aus dem Tierschutz und der Tierethik angeführt, wonach zur artgerechten Haltung von Hunden nun einmal der Freilauf in Wald und Flur gehöre. Was für ein Zynismus! Für viele Menschen scheint die ganze Welt nur noch aus ihnen selbst und ihren Hunde zu bestehn, alles andere hat sich dem Zweck der artgerechten Hundebeschäftigung unterzuordnen – vor allem die schützenswerten Bewohner des Waldes.

Wie oft höre ich, der Jäger würde die Tiere später sowieso abschiessen. Sicher macht er das zum Teil, doch das ist ein ganz anderes Thema. Die Regelungen zur Brut- und Setzzeit gehen auf Gedanken zum Naturschutz zurück und sind bei weitem kein Jägerschutz-Gesetz. Im Vordergrund stand bei den Machern dieser Gesetze noch nicht einmal der Schutz von Rehen, Kaninchen oder anderen felltragenden Wildtieren. Es ging in erster Linie um den Schutz brütender Vögel – vor allem der bodenbrütenden Vögel. D
iese fliegen in der Regel sehr früh auf, um den möglichen Fressfeind nicht auf das leicht erreichbare Gelege aufmerksam zu machen. In der Ferne warten sie dann sehr lange ab, bis wieder alles sicher zu sein scheint. Oft dauert das Stunden und die Eier in den Gelegen sind dann meistens tot. Die haben eine sehr geringe Unterkühlungs-Toleranz, manchmal nur um ein oder zwei Grad Celsius. Aber auch nach oben hin ist die Temperatur für die Eier tödlich. Das Brüten dient nämlich, vor allem im Sommer, durch den Sonnenschutz des brütenden Vogels der Kühlung der Eier. Ein einfacher Spaziergang durch das Unterholz, mit oder ohne Hund, kann für viele Tiere tödliche Folgen haben. Nur weil wir das nicht mitbekommen, heisst nicht, dass es nicht auch so geschieht!

In der Brut- und Setzzeit gehören Hunde im Wald an die Leine. Auch angeleinte Hunde sollten auf den Wegen bleiben und gehören nicht in das Unterholz. Auch außerhalb dieser Zeiten sollten nur Hunde mit einem guten Apell (Rückruf) an der Seite von aufmerksamen Hundehaltern im Wald frei herumlaufen. Mit Klein Luna bekomme ich das seit eh und je hin, ab auch der Milow muss im Wald an die Leine . Meistens wie schon geschrieben an die 15-Meter-Schleppe, die immer lose hinter ihn her schlurft und für mich eine sichere Möglichkeit ist, ihn in Notfall bremsen zu können. Der Wald gehört nicht den Menschen, er gehört den Tieren, die dort leben. Wir sind mit unserem Hunden dort nur zu Besuch. Wir sollten uns darüber freuen, dass es auch in unserem überbesiedelten Land noch solche Naturlandschaften gibt. Wir sollten uns entsprechend verhalten und nicht mit unserem überdimensionierten SUVs auch noch die letzten Grünflächen zerstören. Wir fühlen uns an der Seite unserer Hunde doch so wunderbar naturverbunden – warum verhalten wir uns nicht auch so? Nein, wir zertrampeln lieber gemeinsam auch noch die letzten Reste natürlichen Lebensraumes in unsrer Welt. Der Hund gehört ja nicht mehr dazu. Er ist zu einem Familienmitglied aufgestiegen, halb Tier halb Mensch, was interessiert da noch der Rest. Eine Meute von freilaufenden Hunden kann für die Tiere im Wald einen kleinen Holocaust auslösen.

Die einen fordern freie Fahrt für Tutnix und WillnurSpielen, die anderen können vor so viel Zynismus nur noch den Kopf schütteln – Schade eigentlich!

Luna im Wald

Weitere Informationen zu diesem Thema findet ihr in der aktuellen Ausgabe 3/2014 des Magazins für Tiergesundheit „tiere-life“ (Artikel von Isabel Grefen) und in den wirklich lesenswerten Kriminalromanen der Michaela Seul (z.B. „Alle Vögel fliegen hoch), wo Franza gemeinsam mit ihrem Hund Flipper ermittelt .

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Ich bin hier bloß der Mensch‭ ‬-‭ ‬Geschichten mit Hund
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