Deine Spuren im Sand

Ach Mensch, mein liebes Mädchen, Du fehlst mir immer noch so sehr! Dieser eine Morgen wo Du neben mir langst und kein Leben mehr in Dir war. Deine tote Hülle, die wir dann im Garten begraben haben mit dem Holunder oben drauf. Dieses Jahr blüht er schon wieder und alte Geschichten sagen, das sei ein Zeichen dafür ist, dass die Seele im Himmel angekommen ist, und, dass es ihr gut ginge. Bei Dir ging das sehr schnell, denn Du warst auch zu Lebzeiten schon ein kleiner Engel auf Erden! Dein Holunder blühte schon im ersten Jahr, was sehr selten ist!

Die Erinnerungen sterben nie: Dein wunderbares Wesen, Deine immer freundlich Art, Dein Stehohr und Dein Klappohr. Deine großen braunen Augen, Deine Gelehrigkeit und Deine Treue. Manchmal fragte ich mich, wieso und wofür ich eigentlich noch eine Hundeleine brauchte. Manchmal wäre ich am liebsten selber ein Hund an Deiner Seite gewesen. Oft wünschte ich mir, Du würdest ewig leben. Niemals konnte ich lange ohne Dich sein! Immer warst Du für mich da – und ewig wird das alles ganz genau so bleiben!

Dieser eine Tag, wo Du nicht mehr auf die Mauer springen konntest. Wir haben dann einfach eine andere genommen – eine etwas tiefere! Du hattest doch immer solch einen Spass daran: rauf auf die Mauer und dann mit Vollgas bis zum Ende flitzen, schnell umgedreht und wieder zurück, immer und immer wieder – mit einem Strahlen über das ganze Gesicht. So hattest Du das schon immer gemacht, den Kopf leicht nach unten und alles Gestrüpp, das im Wege war, einfach ignoriert und weggeschuppst. Für Dich war es das Größte. Ich lief neben Dir her und nannte Dich „Bulldozer“ und immer wieder „Bulldozer“. Das hat Dich angespornt und das hat uns glücklich gemacht. Aber irgendwann war auch die niedrigste Mauer zu hoch. Mein geliebter Bulldozer bist Du immer geblieben, bis zum heutigen Tag!

Für Dich waren es Erinnerungen. Damals beim Gerätetraining in der Rettungshundestaffel. Die große Wippe, erinnerst Du Dich noch? Das war Dein Gerät, da hattest Du Spass und alle anderen standen da und staunten. Du bist da raufgerannt und genau in der Mitte, da wo der Kipppunkt ist, wie festgenagelt stehen geblieben und dann hast Du mit einer kleinen Verlagerung Deines Körpergewichtes das andere Ende der Wippe auf den Hallenboden knallen lassen. Je lauter desto besser! Dann bist Du runtergeflitzt und mit Kehrtwendung sofort wieder hoch, wieder bis zur Mitte und immer wieder das Gleiche. Immer mit Körpergefühl und immer mit Rumms! Kein anderer Hund hatte solch ein Gefühl für die Balance – für Deine Arbeit auf den Trümmern eine Lebensversicherung und für Dich einfach nur eine Riesen-Gaudi. Mein Gott, das ist so verdammt lang her. Du wartst gerade mal ein Jahr alt, vielleicht sogar zwei. Ein junger Hüpfer warst Du und das ganze Leben hattest Du noch vor Dir.

Irgendwann kam der Tag, als es am Fahrrad nicht mehr ging. Eine ganz kurze Fahrt sollte es werden, zum Supermarkt und zurück. Noch nicht mal ein Kilometer und wir sind ganz langsam gefahren. Du hattest so viel Lust darauf, Dich so gefreut – aber es ging nicht mehr. Dabei warst Du doch erst dreizehn! Seit diesem Tag gingen wir auch die weitesten Strecken gemeinsam zu Fuß. Was war ich immer stolz auf Dich. Mit zwölf Jahren waren wir noch etliche Kilometer im langsamen Trab unterwegs, danach dann schwimmen und den Ball aus der Aller fischen. Rocky und Luna, die beiden wasserscheuen Jungspunte, standen staunend am Ufer und haben große Augen gemacht. Andere Schäferhunde in diesem Alter waren schon lange grau und schlichen mit ihren Leuten um den Block. Jetzt wurdest auch Du alt! Dreizehneinhalb Jahre – und ich wollte es nicht sehen.

Damals mit Leika am Altwarmbüchener See. Du warst bei Deinen alten Leuten abgehauen und Leika hatte Dich einfach mit nach Hause genommen. Du warst ohne zu zögern hinter uns her gelaufen und wir beide hatten Dich sofort ins Herz geschlossen. Als erstes habt ihr unseren Garten unsicher gemacht und die Beete umgebaut – danach im Haus gemeinsam den Bauch vollgeschlagen. Ihr beide wart von ersten Tag an ein Herz und eine Seele. Ich durfte dabei sein, an Eurer Seite sein und darauf war ich unendlich stolz! Als Leika mit sechs Jahren viel zu früh von uns ging, hast Du die Löcher in meinem Herzen gestopft und mir gezeigt, dass das Leben sich immer noch lohnt. Über Nacht warst Du die Nummer Eins und das bliebst Du lange und wunderschöne 14 Jahre – ein ganzes Hundeleben an meiner Seite!

Das Quietsche mit dem schrillen Ton, dieses Doggy-News-Teil in Form einer Zeitung. Das liegt jetzt als Andenken in der Vitrine – neben dem Foto von Dir. Was hast Du dieses Quietschen geliebt, alles hast Du dafür stehen und liegen lassen. Aber der Laser-Pointer, der ist irgendwo verschwunden und ich habe keine Ahnung, wann das war. Wie verrückt hast Du den roten Punkt an der Wand gejagt und einmal hast Du Herrchens ganze Bilder abgeräumt. Vieleicht ist er ja deshalb weg gekommen. Deine ganzen Kongs, Deine Bälle und die vielen gammeligen selbstgesammelten Stöckchen, manchmal ganze Baumstämme. Ich wünschte, ich hätte sie heute noch alle hier. Wo geht Hundespielzeug eigentlich hin, wenn es nicht mehr gebraucht wird oder kaputt geht? Habt Ihr da oben genug Spielzeug und Leute, die sie Euch werfen? Am besten wars ja immer, wenn die Bälle und so im flachen Wasser oder irgendwelchen Pfützen gelandet sind. Das fandest Du klasse, denn da kommt man ordentlich rumspritzen um rummatschen – und man brauchte nicht zu schwimmen, was Du niemals leiden konntest.

Dann kamen Deine letzen Tage auf dieser Welt. Du warst schwach geworden und ich wollte es noch immer nicht wahr haben. Erst als Luna Dir überhaupt nicht mehr von der Seite wich, die doch Deine kleine Ziehtochter war und noch so viel von Dir hatte lernen können, wurde mir flau zumute. Zweimal hattest Du Dich in den Wochen davor nach einem Schwächeanfall wieder aufgerappelt. Einmal hattest Du Dich auf unserer Morgens-Runde einfach hingelegt und wolltest einfach nicht mehr weiter. Ich hatte sogar etwas geschimpft, wofür ich mich heute sehr schäme. Dann hatte ich Dich aufgehoben und nach Hause getragen – knappe zwei Kilometer und dreizig Kilo auf den Armen. Aber wir hatte es zusammen geschafft, lagen zu Hause erschöpft auf dem Sofa und am nächsten Tag bist Du wieder fit durch die Gegend gerannt. Zwei oder drei Tage vergingen, alles war wieder gut und dann kann der dritte Schwächeanfall. Ich trug Dich abends ins Bett, wo Du immer geschlafen hattest und am nächsten Morgen warst Du tot. Es war unfassbar für mich und auch heute, nach fast vier Jahren, erscheint es mir so fürchterlich irreal, dass Du nicht mehr da bist  jedenfalls nicht mehr so wie früher. Aber mal ehrlich, kann es einen schöneren Tod geben? Einfach so einschlafen und nicht mehr aufwachen? An seinem vertrauten Ort, zwischen allen vertrauten Wesen und ohne fremde Hilfe? Mein liebes Mädchen, Du hast alles wunderbar gemacht. Vierzehn Jahre lange warst Du ein wunderbarer Hund, hast immer alles richtig gemacht – sogar beim Sterben!

Heute sehe ich Dich wieder mit Leika durch die Gegend rennen. Wie damals an unserem alten See. Leika mit Vollgas voraus und Du mit Deiner großen Klappe hinterher. Wie oft seid ihr so durch das flache Wasser oder über die Moorwiesen geprescht. Jetzt seid Ihr wieder zusammen, da bin ich mir ganz sicher und das ist eine wunderbare Vorstellung! Luna ist mittlerweile eine kleine Große geworden und ich bin mir sicher, dass Du oft noch gucken kommst, ob es ihr auch gut geht. Einen neuen Freund und Begleiter hat sie sich vor zwei Jahren ausgesucht. Wir nennen ihn Milow und er ist ein kleiner gelber Rüde mit einem großen strubbeligen Halunken drinne – Du hättest ihn gemocht! So oft habe ich das Gefühl, dass Du immer noch da bist, und nie wirklich gegangen bist. In den letzten Jahren habe ich viel darüber nachgedacht und ich habe viele neue Erfahrungen gemacht. Das hat mich ganz schön verändert und heute weiss ich es einfach:

Du bist immer noch unsere treue Begleiterin, immer noch unsere liebenswerte Freu
ndin und immer noch unsere einzigartige Frau Ponzelmeier. Es war eine wunderbare Zeit und es wird immer eine wunderbare Zeit bleiben – damals, jetzt und für ewig!

Tiffany mit Luna

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