Ein guter Tag!

Heute war ein guter Tag! Der Milow hat darauf verzichtet, alles und jeden anzupöbeln, und auch den Mohnkuchen auf dem Gehweg hat er fast liegen gelassen. Ich glaube wir haben einen neuen Hund, irgendwer muss ihn heimlich ausgetauscht haben und ich erkenne ihn kaum wieder! Bleibt das jetzt so? Droht uns jetzt ein langweiliges Leben an der Seite eines braven und gut erzogenen Hundes? Mir ist die ganze Sache unheimlich! Was ist nur mit meinem geliebten Mistköter passiert? Mutiert er jetzt zu einem Vollzeit-Opportunisten, der es mir den ganzen Tag nur recht machen will? Zu einer von diesen vierpfotigen Will-to-please-Maschinen – konditioniert, dressiert und ohne eigene Vorstellungen vom Leben? Wird er mich niemals wieder an der Fünf-Meter-Leine über die Straße ziehen und wie einen Volltrottel aussehen lassen. Wird er niemals wieder seine besten Hundekumpels wie ein Berserker anprollen, nur weil er an der Leine ist und ich ihm nicht schnell genug bin? Menno, ich will meinen Mistköter wiederhaben!

Das Grauen nahm schon am frühen Morgen seinen Anfang und das war ziemlich genau so:

Morgens haben wie als erstes Maddy und Judy getroffen, die schwarze Podenca und die kleine Dackeline. Er hat nur kurz hochgeschaut und sich dann wieder den wirklich wichtigen Dingen des Lebens gewidmet. Solchen Sachen wie herumschnüffeln, Bäume und Stromkästen anpullern, und jeden Gulli inspizieren, ob da unten nicht eventuell ein mittleres Steak auf ihn wartet. Er ist ganz normal an meiner Seite weitergegangen, hat nicht an der Leine gezerrt und die ganze Gegend zusammengeschrien – und das schon am frühen Morgen. Sogar die vermatschten Mohnkuchen-Reste auf den Gehweg hat er links liegen lassen. Er hatte nur kurz hingeschnüffelt, mich angeschaut und für sich festgestellt, dass er heute mal keinen Ärger riskieren möchte. Das gleiche bei den festgetretenen Klebe-Bonbons und den alten Kaugummis. Nur die alte Brötchentüte, die hätte er doch ganz gerne gehabt – aber die hatte sich auch auch im leichten Wind bewegt und wollte einfach abhauen. Sowas geht natürlich gar nicht! Die alte Cola-Dose interessierte ihn überhaupt nicht und auch auf dem Hundeplatz hat er nicht die ganze Zeit den Zaun bewacht. Eigentlich ist das mittlerweile sein Hobby geworden: Abwarten, ob einer vorbeikommt, und den dann erstmal zusammscheissen und ordentlich in Angst versetzen kann – darin ist er spitze! Auf dem Rückweg kamen uns dann wieder andere Hunde entgegen und auch hier zeigte der Halunke keine Anzeichen, irgendwelchen extrovertierten Verhaltens. Er wollte einfach nur wieder nach Hause – sein Napf, sein Sofa, seine Wohnung und sein Frauchen!

Als wir wieder in unsere Wohnung kamen, tat mit mein rechter Arm nicht weh. Ich war auch nicht wie sonst leicht angenervt. Was für ein denkwürdiger Morgen! Während ich den Frühstücks-Pansen schon mal aus dem Kühlschrank holte hatte ich die Idee, diese Gassi-Impressionen kurz in Stichworten festzuhalten. Wieder in der Küche stellte ich fest, das der Pansen immer noch auf der Spüle stand – in einem offenen Topf! Ich konnte es kaum fassen, so etwas hätte es hier früher nicht gegeben, da war doch alles noch ganz anders:

Seitdem der Kerl hier bei uns wohnt, wird alles irgendwie Fressbare hochgelegt, damit er nicht drankommt. Sogar die Kerzen, alle wichtigen Bücher und auch mein Handy (das dritte seit Milow) liegt definitiv nicht mehr auf Tischen oder Regalen herum. Lederleinen und Geschirre hängen hoch oben, fast unter der Decke, und alle Schuhe werden in einem verschließbaren schrank aufbewahrt. Auch das mit dem Essen haben wir im Griff und er klaut nichts mehr aus der Küche – jedenfalls nicht, wenn ich da drin bin oder ihn im Blick habe. Oft verzieht er sich, wenn ich dort in irgendeiner Form mit Essen beschäftigt bin, ins Wohnzimmer auf das Sofa und tut so, als ob er ein Nickerchen machen würde. Früher habe ich ihm das abgenommen, aber mittlerweile habe ich ihn durchschaut. Der Halunke kann mich mit geschlossenen Augen beobachten, er kann dabei sogar schnarchen und so tun, als wenn er träumt. Aber ihm entgeht nicht eine einzige Bewegung von mir, er registiert jedes Geräusch und ist jederzeit über meinen momentanen Aufenthaltsort infomiert. Ein Job bei der NSA wäre ihm sicher! Ich brauche zum Beispiel nur mal kurz auf Klo gehen, das ist hier in so einem Eck versteckt: Er bekommt das sofort mit und saust wie ein geölter Blitz in die Küche, wo ich dann nicht hinschauen kann. Dabei ertappt flitzt er schnell wieder raus, Richtung Sofa, fängt umgehend wieder an zu schnarchen und wartet auf seinen nächsten Moment. Ebenfalls sehr beliebt bei ihm ist mein Staubsauger. Der macht viel Radau und manchmal kann er es kaum erwarten, dass ich diesen anschmeisse. Bei dem Lärm höre ich nichts und kann ihn beim Saugen auch nicht ständig beobachten. Deshalb ist dann neuerdings die Küchentüre zu, was der Halunke immer wieder frustriert feststellen muss. Einmal ist er sogar dagegen gesemmelt, weil er es mal wieder so eilig hatte. Ich freue mich jedes mal über die enorme Intelligenz meines Hundes – dem entgeht nämlich nichts, was auch nur entfernt mit Fessen zu tun hat, und er tüfftelt in Bruchteilen von Sekunden Pläne aus, wie er da am besten ran kommt. Ein richtiger Halunke eben! Ganz so, wie er sein soll, und ganz so, wie ich ihn ganz doll lieb habe. Ein Halunke hoch drei – mein Hund!

Auf der Straße ist eigentlich nichts vor ihm sicher und das nicht nur in kulinarischer Hinsicht. Regelmäßig mutierte er bei Hundebegegnungen zu einem grünen Hulk. Entweder, weil die anderern Hunde Blödis sind und weg sollen, oder weil die anderen Hunde Freunde sind und er wegen der Leine, die dann ein Blödi ist,  nicht umgehend hin kann. Dann ist da noch das schon besagte Kläffen und Randalieren am Zaun des Hundeplatzes. Man ist als Hundehalterin ja sehr flexibel und gewüöhnt sich an (fast) alles! Er hat sich dieses Hobby in den letzten Jahren perfekt ausgebaut. Keine Bewegung, die er nicht registrierte. Da müsse doch bald und endlich mal wieder ein Feind vorbeikommen. Wie? Du willst hier auf den Platz? Passierschein? Lebensberechtigungsausweis? Hau bloss ab und bringe das nächste mal wenigstens was zu Fressen mit! Blödmann! Blödmann!! Manchmal war das schon ganz schön peinlich, wie der sich so reinsteigern konnte.

Das soll jetzt alles vorbei sein? Über Nacht und ohne, dass ich selber etwas dazu beigetragen hätte? Wie peinlich! Aber die Wirklichkeit hat uns unlängst wieder eingeholt und schon beim späten Abendgassi holte der Halunke alles nach, was ihm am Morgen entgangen war. Es war einfach nur ein guter Tag und vieleicht habe ich ihn ja auch nur geträumt. Oder er hatte nur schlecht geschlafen und war noch viel zu müde zum Containern und Randalieren. Kann ja sein, dass er die ganze Nacht im Traum Kollegen verprügelt und sich den Magen vollgeschlagen hatte. Da wäre ich morgens auch geschafft und hätte nicht mehr die Kraft, alte Kaugummis vom Straßenbelag abzukratzen.

Der Halunke ist und bleibt ein Kind der Straße. Nichts auch nur annähernd Fressbares wird jemals vor ihm sicher sein. Er kann einen frischen Kronkorken und den Duft nach Hopfen über mehrere zig Meter wittern. Er wird an meiner Seite ein braver Hund sein, bis wir ausreichend nahe dran sind. Er wird sich nichts, aber auch gar nichts, anmerken lassen und in passenden Moment zustossen wie ein Hai. Gleiches gilt für alte Wurstbrotreste, Brötschentüten, Kuchenkrümel, eingetretene Kaugummis, leere Red-Bull-Dosen und Tetrapacks, Schokoladenpapier (ja, das silberne!), Katzenkacke Menschenkotze und Zigarettenkippen. Wenn ich schneller gucke und handle als er, habe ich eine kleine Chance und kann ich es ihm untersagen. Aber er lernt schneller als ich und behält mich in diesen Situationen ständig im Auge. Der Milow ist mir in seiner Rafinesse immer ein Stück veraus und dem Himmel sei Dank hat er einen Atommeiler im Bauch – der kann fast alles verwerten und der Rest kam bisher hinten wieder raus. Sogar die vier Kerzen vom letzten Adventskranz und die unverdaulichen
Reste meines alten Handys. Nur die zerknautschte Bierdose, die habe ich ihn wieder abgenommen – todesmutig, denn ich hatte an diesem Nachmittag dummerweise mein Kettenhemd nicht an. Dumm gelaufen!

Der Halunke wird immer ein Halunke bleiben. Ein genialer Selbstversorger, der in seinem Kopf immer noch auf einer Müllkippe lebt – nur, dass das Angebot sich enorm verbessert hat. In der Wohnung ein Schmuse- und Kuschelbär, kann er draußen in Bruchteilen von Sekunden zum wilden Tier werden. Nach zwei Jahren ist er insgesamt zwar viel gelassener geworden und verbindet Rausgehen nicht automatisch mit Jagd und der Suche nach Essensresten. Er hat sich viel von dem zurückgeholt, was Hunde üblicherweise so den ganzen Tag machen: rumschnüffeln, alles anpinkeln, Haufen machen, Kumpels begrüßen, etc. – der gefüllte Magen hat es möglich gemacht. Aber er wird niemals eine Gelegenheit ungenutzt vergehen lassen, sich ein zusätzliches Happerl zu verschaffen, wenn es sich anbietet. Es könnte das letzte seines Lebens sein und morgen könnte man wieder Kohldampf schieben – undenkbar, wenn man schon so viel Hunger und Not erlebt hat, und da versteht er dann auch wirklich keinen Spaß, da geht es (in seinem Kopf) um Leben und Tod!

Unser Halunke wird immer unser Halunke bleiben, ein liebenswerter Halunke und genau so ist das auch gut so – der beste Halunke der Welt!

Milow, der Halunke

Na, dann mal ran an die Tasten und einen Pfotenabdruck dagelassen!

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