Kloppekumpels (reload)

Heute hat der Milow auf der Hundewiese den Pille getroffen – die sind im Schnee gerannt wie kleine Irrwische, haben sich gebalgt, geschuppst und gekloppt, haben sich über die Schnauze gebissen, mit den Zähnen gerasselt und sich gegenseitig die Ohren abgeknabbert, sind zuhause zufrieden und erschöpft Seite an Seite eingeschlafen und sind wahrscheinlich die besten Freunde der Welt! Der Pille ist den Milow sein Kloppekumpel und der Pille darf heute bei uns übernachten – das finden beide toll! Der Pille ist ein Bullterrier, keine zehn Monate alt und er ist ein sogenannter Kampfhund.

Pille hat nie gekämpft und ich glaube auch nicht, dass er da jemals Lust drauf haben würde – außer den Milow zu verkloppen und vom Milow verkloppt zu werden – nicht besonderes also! Aber Pille sieht aus wie ein Hund, dessen Vorfahren gerne zu Hundekämpfen benutzt wurden – und jeder sieht das, weil jeder schon mal davon gehört hat! Fast jeder hat eine Meinung und ein Urteil, fast jeder weiß vollautomatisch Bescheid, ohne den Pille zu kennen. Sogar seine Tierärztin meinte neulich, die Freude seines Frauchens dämpfen zu müssen: Wer weiß, wie lange der noch so verträglich bleibe – bei der Rasse solle man vorsichtig sein bezüglich anderer Rüden und überhaupt! Pille weiß davon nichts und der Milow auch nicht – und das ist auch gut so. Manche bleiben weg vom Hundeplatz, wenn Pille oder andere da sind. Uns ist das egal, denn der Pille ist ein feiner Kerl und wir freuen uns jedesmal riesig, wenn wir ihn treffen. Sogar Klein Luna und das will was bedeuten!

Der Halodri, auch ein Hundekumpel von uns, ist nur ein halber sogenannter Kampfhund: Von seiner Mutter, einer Australien Shepard, hat er die Farbe – von Vatern, der ein StaffordshireBulli ist, die Figur und das Aussehen! Halodri ist der wahrscheinlich am besten erzogenste Hund der Welt und ich halte ihn Milow und Luna gerne als gutes Beispiel vor. Halodris Herrchen ist ein guter Freund von mir und auch die Hunde verstehen sich prächtig. Seltsamerweise sind wir immer sehr alleine auf der Hundewiese, wenn wir mit den beiden gemeinsam da sind. Klein Luna findet Halodri einfach toll, weil man den prima über die Wiese jagen kann und er es auch respektiert, wenn sie mal keine Lust darauf hat! Und der Milow? – der findet sowieso alle Hunde toll. Halodri ist oft alleine, weil andere Menschen ihm mit ihren Hunden aus dem Weg gehen, denn Halodri geht immer ohne Leine. Er kann das aber auch sehr gut, fast besser als meine beiden mit Leine!

Die wenigsten Menschen verhalten sich nicht seltsam, wenn es um sogenannte Kampfhunde geht. Es ist schon eine kleine Weile her, da war der Kurti weg, einfach abgehauen, und natürlich machten wir uns alle Sorgen und gemeinsam auf die Suche. Das umgehend informierte Tierheim unternahm gar nichts: wir sollten einfach ruhig bleiben, einen Tag abwarten, der würde schon von alleine zurückkommen. Und so war es dann auch – Gott sei Dank, der kleine Terrier war wieder zu Hause! Anders war das bei der Luzy: als die mal weg war, brach hier im Ort fast eine kleine Panik aus. Das halbe Tierheim rückte aus und die Polizei auch! Es war eher eine Treibjagt als eine gemeinsame Suche. Es könne ja so viel passieren, die Angst stellte sich vor den Verstand und auch ihr Frauchen war irgendwann völlig verrückt vor Sorge. Luzy war nämlich nicht nur läufig und weg, sie ist vor allem ein PitBullTerrier. Da wurden die Karten einfach anders gemischt, da galten andere Spielregeln! Sogar die örtliche Tageszeitung brachte einen kurzen Bericht. Und so ganz nebenbei, auch Luzy kam von selber wieder nach Hause zurück. Rein gar nichts war passiert, außer, dass sie sich ein paar schöne Stunden gemacht hat und nun in Erwartung kleiner Welpen war!

Der Gizmo war ein alter Freund von Klein Luna und ein Mix aus Bullterrier und Bulldog – fast genauso breit wie lang und ein unglaublich lieber Kerl. Manchmal war er ein klein wenig aufdringlich, so wie Kerle halt manchmal sind, aber meine kleine Ziege wusste sich immer zu wehren. Einmal hat sie ihm sogar ein klein wenig die Schnute blutig gebissen – aber der Gizmo kam gar nicht auf die Idee, es ihr übel zu nehmen. Er machte eine kleine Pause, erholte sich bei seinem Frauchen vom Schrecken und fing danach gleich wieder an, mein kleines Mädchen über den Platz zu scheuchen – toller Hund! Leider kommt er nicht mehr zu uns und der Milow kennt ihn nur von Lunas Erzählungen. Die beiden wären gute Kloppekumpel geworden.

Die Sina ist neulich auf den Milow draufgefallen und das hat er ihr übel genommen! Es hat weh getan, hatte er gesagt und dann musste er auch ordentlich jammern. Sina wiegt so gefühlte 60 Kilo, ist eine Mischung aus Mastino und AmericanStaffordshire und kann überhaupt nichts für ihr Körpergewicht. Sina ist ein Balljunkie und interessiert sich nicht die Bohne für andere Hunde, wenn irgendetwas ballförmiges in der Nähe ist – außer andere Hunde haben ihren Ball. Milows Pech war eben, dass er Sinas Ball hatte, und nun mag der Halunke sie gar nicht mehr leiden. Macht aber nichts, denn auch Luna fand es immer etwas seltsam, dass die sich überhaupt nicht für sie interessiert und immer nur mit ihrem Ball rumrennt! Fast alle hier im Dorf machen einen großen Bogen um Sina und ihr Frauchen, obwohl alle sie kennen und von ihrer Friedfertigkeit wissen – einfach nur vorsichtshalber, denn man weiß ja nie! Sie hat halt das falsche Aussehen und die falschen Eltern, das macht einsam!

Im ganzen Ort gibt es nur einen einzigen Kampfhund, und die heißt Suse, weil sie ein Mädchen ist. Suse muss draußen einen Maulkorb tragen, weil sie von kranken Menschen zu einem Kampfhund gemacht wurde! Sie ist wahrscheinlich eine Mischung aus Boxer und StaffordshireTerrier – und genau das war ihr grausames Schicksal. Suse ist nicht besonders groß, viel kleiner als Halodri, Gizmo oder Sina. Ihr ganzer kleiner Körper ist von Narben überzogen, die auf schlimmste Verletzungen hindeuten – Verletzungen von anderen Hunden, die ihr in kleinen quadratischen Ringen zur Freude von Menschen zugefügt wurden. Suse wurde schon als kleiner Hund auf Hundekämpfe abgerichtet und würde wohl auch nicht mehr leben, wenn andere Menschen sie dort nicht herausgeholt hätten. Aber viel schlimmer als die Narben am Körper sind die Narben in der Seele. Die kleine Suse verträgt keinen Stress und keine Anspannungen, weder von Menschen noch von Hunden. Angriff ist die beste Verteidigung, das hat sie von klein auf gelernt und eingeprügelt bekommen. Aber sie hat es heute gut, denn ihre neuen Leute kennen sich mit ihren Problemen aus und unternehmen sehr viel, um dem kleinen Mädchen zu helfen. Suse hat noch einen langen Weg vor sich, aber auch für sie wird der Tag kommen, an dem sie mit anderen Hunden auf dem Platz unbefangen spielen und herumtollen kann – wir wünschen es ihr von ganzem Herzen! Nicht alle Menschen sind dumm und grausam und manchmal finden sich sogar welche, die Suse gemeinsam mit ihren Hunden auf ihrem Weg unterstützen – als Spiel- und Übungspartner auf dem Hundeplatz. Aber die meisten gehen auch ihr einfach aus dem Weg – sicher ist sicher!

Menschen wissen oft viel, ohne wirklich informiert zu sein! Sie verbreiten dieses Wissen oft, ohne  nachzudenken und schaffen durch ihr Handeln Wirklichkeiten zum Nachteil von Minderheiten. Minderheiten brauchen Schutz und Vertretungen in der Öffentlichkeit. Als der Pille noch ein kleiner Welpe war, da waren etliche Hundehalter begeistert von dem kleinen Wirbelwind. Heute, wo er ein ganzes Ende größer geworden ist als die meisten Mitglieder unseres Clubs der Fußhupen (den gibt es wirklich!), gehen ihm die ersten schon aus dem Weg. Ich verstehe so etwas nicht und meine beiden Hunde schon gar nicht. Klein Luna hat sich ihre Spielgefährten schon immer selber ausgesucht und ich musste dann zusehen, dass ich damit klarkomme – meistens mit den zugehörigen Menschen! Wenn meine Hunde mit anderen toll auskommen, dann ist es doch völlig wurscht, wie die aussehen, wie groß die sind oder welche Eltern die haben. Wichtig ist, das
die sich verstehen! Und wenn einer ausschließlich wegen seiner Abstammung oder seiner Herkunft verunglimpft wird, dann ist das eine Diskriminierung – und Diskriminierungen haben keinen Platz in unserer kleinen Welt!

Jeder Hund ist klasse, egal welche Rasse!

Die Einstellung der Menschen zu ihren Hunden ist das, was die Hunde zu dem macht, was sie sind, nicht ihre Abstammung oder Herkunft! Oft sind sie Opfer menschlicher Geltungssucht und müssen als Statussymbole  herhalten, um die Minderwertigkeitskomplexe ihre Menschen auszugleichen. Einige Zeitgenossen bestätigen immer wieder die Vorurteile und Klischees der meisten Menschen, die Hunde sowieso nicht mögen. Es ist doch völlig egal, ob ein Hund groß oder klein ist, oder zu welcher Rasse er gehört. Alle Hunde sind Hunde und deshalb sind sie auch in der Lage, sich zu unterhalten und miteinander auszukommen!

Leika, meine erste Hündin, hatte einen Jugendfreund namens Rudi. Die beiden lernten sich auf einer Hundewiese kennen und waren von diesem Moment an unzertrennlich. Sie gingen zusammen in die Junghundegruppe, lernten gemeinsam in der Hundeschule und legten Seite an Seite ihre Begleithundeprüfung ab. Rudi war ein kleines schwarzes Energiebündel, ein Staffordshire-Mischling und war der tollste Begleiter für meine Leika, den ich mir wünschen konnte. Das ist jetzt fast zwanzig Jahre her und damals gab es in meiner Welt noch keine Diskussion über sogenannte Kampfhunde. Es war die Zeit der Dobermänner, Rottweiler und Deutschen Schäferhunde. Jedenfalls für geistig kleine Menschen mit Defiziten am Selbstbewusstsein. In der öffentlichen Meinung war Leika der gefährliche Hund und der kleine Rudi ihr lustiger Begleiter. Mein Frollein wuchs durch diese Freundschaft zu einem wunderbaren Mädchen heran und ich denke heute noch gerne an die Zeit zurück – an mein erstes Jahr als Hundehalterin, das mich für immer geprägt hat! Leider nur ein Jahr, denn Rudis Herrchen fand eine  neue Arbeitsstelle in einer anderen Stadt und danach haben wir die beiden niemals wiedergesehen!

Sodele, ich kann jetzt zusehen, dass ich im Bett noch ein kleines Plätzchen zugewiesen bekomme. Pille und Milow haben es sich dort schon gemütlich gemacht und Klein Luna ist mal wieder auf meinem Schoß eingeschlafen!

Kloppekumpels

aus „Mistköter und Seelenhunde“ von Severine Martens,
Manuela Kinzel Verlag, Dessau/Göppingen,
ISBN 978-3-95544-005-3,
9,90 Euro
(Erhältlich im Buchhandel vor Ort und im Internet, zum Beispiel bei Amazon)

Ein Gedanke zu “Kloppekumpels (reload)

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