Der artgerechte Hund

Eingesperrt,‭ ‬verhätschelt,‭ ‬verzüchtet‭ ‬…‭ ‬Dass der Hund des Menschen bester Freund ist,‭ ‬zählt zu den verlogensten Legenden.‭“ (‬Gert Haucke,‭ ‬1996‭)

Foto0685_003Ich sammele Hundebücher,‭ ‬anders kann man es nicht ausdrücken,‭ ‬und ich mache das seit nunmehr über dreißig Jahren.‭ ‬Sie füllen mittlerweile zusammen mit den anderen Tierbüchern etliche Bücherregale‭ (‬die kleinen von Ikea,‭ ‬die man unter die Dachschräge schieben kann‭) ‬und diese sind ohne Ende und System vollgestopft.‭ ‬Die stehen oder liegen da alle so herum,‭ ‬teilweise schon verstaubt und leicht ergraut,‭ ‬und und warten auf den Tag an dem sie noch einmal Köpfe mit Wissen füllen dürfen.‭ ‬Einige wenige sind aufgebahrt wie heilige Sakramente:‭ ‬Bücher die mich in meinem Hundeleben besonders bewegt haben und aus mir das gemacht haben,‭ ‬was ich heute bin.‭ ‬Um diese Bücher soll es heute gehen‭! ‬Nicht in Form einer endlos langen Reihe von Rezensionen und auch nicht in Form von Lobliedern auf meine persönlichen Helden.‭ ‬Was ich versuchen möchte ist,‭ ‬die Autoren und Autorinnen möglichst selbst zu Wort kommen zu lassen:‭ ‬Eine Art Rückschau auf fast vierzig Jahre Hundeleben in einer zunehmend urbanisierten‭ (‬und zubetonierten‭) ‬Welt,‭ ‬denn wir beginnen in der Zeit vor‭ ‬1980.‭ ‬Einer Zeit,‭ ‬in der die Kaufhauskette Karstadt noch Hundewelpen als Ware in ihren Auslagen führte und der Versandhaus-Riese Quelle gerade angekündigt hatte,‭ ‬Hundewelpen auch per Postversand auf Bestellung zu verschicken.‭ ‬Die Hundefutter-Industrie war damals schon so einflussreich,‭ ‬dass sie durch angedrohte Anzeigen-Boykotte die Berichterstattung einschlägiger Hunde-Zeitschriften beeinflussen konnte!

Unter der Werbung folgt unser Artikel. Der ist doch recht lang geworden und wer keine Lust hat, sich durch eine kilometerlange Blogrolle zu nudeln, kann sich diesen Text auch als PDF downloaden und ausdrucken!

Banner 728x90

‭„‬Auf jeden Versuch,‭ ‬den Hundeboom zu drosseln,‭ ‬wird wütend reagiert.‭ ‬Als der Verband für das deutsche Hundewesen eine Kampagne gegen den wilden Hundehandel startete‭ (‬Motto:‭ ‬Kaufe nie‭ ‚‬nen Hund im Sack‭) ‬drohten Futterfabrikanten dem Vereinsblatt‭ ‚‬Unser Rassehund‭‘ ‬mit Anzeigenstopp.‭“ (‬Heiko Gebhardt,‭ ‬1982‭)

Der damals noch unbekannte Journalist Heiko Gebhardt rüttelte die Nation mit seiner Reihe‭ ‬Deutschland deine Hunde‭ ‬im Magazin‭ ‚‬Stern‭‘ ‬unter anderem mit diesen Offenlegungen auf.‭ ‬Fürchterliches kam ans Tageslicht,‭ ‬was sich heute kaum ein Mensch mehr vorstellen kann.‭ ‬Unvergessen sind mir die Berichte über die damals schon unwürdigen und ekelhaften Zustände in vielen Massenzuchtanlagen,‭ ‬den Billig-Hundehandel‭  ‬und das deutsche Jagdwesen.‭ ‬Die Autorin Katharina von der Leyen hat übrigens‭ ‬2010‭ ‬im Dogs-Magazin ein sehr interessantes Interview mit dem Unruheständler Gebhardt veröffentlicht.‭ ‬1982‭ ‬folgte Gebhardt Buch‭ „‬Du armer Hund‭“‬,‭ ‬eine überarbeitete Zusammenfassung der Stern-Berichte.‭ (‬1‭) ‬Ein großes Thema für Heiko Gebhardt ist,‭ ‬übrigens bis heute,‭ ‬die Beziehung zwischen Mensch und Hund‭ ‬-‭ ‬oft auf belebend frische Art sehr drastisch beschrieben:

‭„‬Ist der Hunde nur noch ein anachronistisches Lebewesen aus längst vergangenen Zeiten‭? ‬Ein überflüssiges Fossil in unserer Industriegesellschaft‭? ‬Zumindest in den Städten hat es den Anschein.‭ ‬Was soll ein Hund inmitten von Ampeln und Rolltreppen,‭ ‬in Hochhäusern und U-Bahn-Schächten,‭ ‬auf zugepflasterten Hinterhöfen und zwischen Autostaus‭ ‬-‭ ‬seine Nase,‭ ‬die besonders feine,‭ ‬immer in Auspuffhöhe‭?“ (‬Gebhardt‭)

„Gibt es vielleicht doch ein Urfreundschaft zwischen Mensch und Hund‭? ‬War vielleicht von Anfang an zwischen Steinzeitmensch und Wolf Sympathie mit im Spiel‭? ‬Die Wissenschaft schließt ein solches Vorverständnis nicht mehr aus,‭ ‬spricht von einer‭ ‚‬affektiven Brücke‭‘ ‬die der Mensch-Hund-Beziehung zugrunde liegt.‭ ‬…‭ [‬andererseits‭] ‬geht die Entzauberung des Hundes so weit,‭ ‬dass die Verhaltensforscher behaupten,‭ ‬kein Hund liebe seinen Herrn.‭ ‬Er sei lediglich Ersatz für den Alpha-Rüden in der Wolfsmeute.‭ ‬das möchte ich einfach nicht glauben.‭ ‬Bekanntlich macht Liebe blind‭ ‬-‭ ‬auch die zum Hund.‭“ (‬Gebhardt‭)

Allerdings:

‭„‬Wie krank die Beziehung zwischen Mensch und Tier zum Teil schon geworden ist,‭ ‬beweist der Bericht eines Tierarztes aus dem Landkreis Stade.‭ ‬Er erzählt von einer Frau,‭ ‬die mit einem etwa drei Jahre alten völlig gesunden Cocker in seine Praxis gekommen war um das Tier töten zu lassen.‭ ‬Sie wollte es nicht mit in die Ferien nehmen.‭ ‬Der Tierarzt bot ihr an,‭ ‬das Tier in gute Hände zu vermitteln.‭ ‬Davon wollte die Frau nichts wissen:‭ ‚‬Ich bestehe darauf,‭ ‬dass der Hund getötet wird.‭ ‬Die Kinder freuen sich schon so auf die Beerdigung.‭ ‬Sie haben für ihn extra eine Kiste gebastelt‭‘‬.‭“ (‬Gebhardt‭)

Was mich besonders faszinierte war,‭ ‬dass bereits Ende der Siebziger die Forderung nach einem‭ ‚‬Führerschein‭‘ ‬für Hundehalter und einem Pflichtfach über Hundeverhalten an Grundschulen laut wurde,‭ ‬vor allem vorgebracht von dem großen Journalisten Horst Stern.‭ ‬Tierschutz-Organisationen und Volkshochschulen sollten entsprechende Kurse anbieten.‭ ‬Dieses möglichst pflichtbindend bevor es möglich wird,‭ ‬einen Hund anzuschaffen.‭ ‬Doch von Horst Stern etwas später mehr‭!

Vieles hat sich seit den‭ ‬80er Jahren geändert,‭ ‬andererseits ist vieles fürchterlich geblieben,‭ ‬was andere Autoren in der Tradition von Heiko Gebhardt und Horst Stern weiter thematisierten.‭ ‬Gert Haucke,‭ ‬viel mehr als nur ein toller Schauspieler,‭ ‬berichtet fünfzehn Jahre später über Kampfhundlügen und die künstliche Rassevielfalt‭ (‬die keine ist‭!)‬,‭ ‬Fehl-‭ ‬und Qualzüchtungen,‭ ‬die indolente Vereinspolitik des VdH,‭ ‬fragwürdige Standards,‭ ‬die Groteske und das Elend von Hundeausstellungen,‭ ‬die fatale Gigantisierung und Verzwergung von Hunderassen und über vieles mehr,‭ ‬bis hin zu den‭ (‬Selbst)Lügen der Hundehalter,‭ ‬die ihr Tier ins Tierheim bringen.‭ (‬2‭) ‬Sein Plädoyer‭ „‬Und keiner hört ihr Schreien‭!“ ‬ist für mich einer der bewegtesten Texte zum Thema Mensch und Hund überhaupt‭! ‬

Gert Haucke,‭ ‬der‭ ‬2008‭ ‬gestorben ist,‭ ‬kannte sich aus mit Deutschlands Hunden und hat noch‭ ‬1990‭ ‬zusammen mit Heiko Gebhardt einen Hunderassen-Führer herausgebracht.‭ ‬Ein Buch mit einem einzigartigen Ziel:‭ ‬Den Menschen vom Kauf eines Rassehundes abzuraten,‭ ‬doch lieber einen aus dem Tierheim vorzuziehen oder vielleicht doch ganz auf die Anschaffung eines Hundes zu verzichten.‭ ‬Kein Rassehunde-Buch hat bis heute die verschiedenen Rassen jemals wieder so kritisch durchleuchtet und dargestellt‭ ‬-‭ ‬immerhin seit‭ ‬25‭ ‬Jahren einzigartig und fast ein Buch zum abgewöhnen‭! (‬3‭) ‬Nirgendwo wurden bis dahin‭ (‬und bis zum heutigen Tag‭) ‬so vehement die Rechte der Hunde auf ein artgerechtes Leben,‭ ‬das wir ihnen in diesem Land kaum noch bieten können,‭ ‬eingefordert:

‭„‬Der Hund,‭ ‬jeder Hund,‭ ‬ist ein Läufer.‭ ‬Die freie Bewegung in natürlicher Umgebung‭ ‬-‭ ‬was auch immer das heute heißen mag‭ ‬-‭ ‬ist für ihn kein Privileg,‭ ‬keine Sonderzuteilung,  ‬sondern absolut lebensnotwendig.‭ ‬Ein Hund,‭ ‬lebenslang an der Leine gehalten,‭ ‬ist wie ein Sträfling in Ketten:‭ ‬Er verkümmert physisch und psychisch,‭ ‬er fällt entweder in Lethargie oder er wird böse,‭ ‬er verroht und wendet sich schließlich gegen die wirklichen und vermeintlichen Verursacher seiner Qual.‭ ‬Einen Hund für immer an der Leine zu führen erfüllt den Tatbestand der Tierquälerei.‭ ‬Und wo darf er seinem unbezwinglichen Laufbedürfnis nachkommen‭? ‬Die Antwort ist so kurz wie eindeutig:‭ ‬nirgendwo‭! ‬In der Stadt verbieten sich freilaufende Hunde inzwischen von selbst.‭ ‬Im Getümmel von Autos und Menschen,‭ ‬in einer betäubenden Wolke von nicht mehr zu identifizierenden Gerüchen und anderen Sinneseindrücken würde er bei der verzweifelten Suche‭ [‬nach Orientierung‭] ‬sich und andere gefährden.‭ ‬Und in Wald und Flur‭? ‬In der Feldmark‭? ‬Auf Wiesen und Brachland‭? ‬Da kann er laufen und sich seines Lebens freuen.‭ ‬Aber er darf nicht‭! ‬Alles und jedes gehört irgendwem,‭ ‬überall können Hund und Herr weggescheucht werden,‭ ‬überall sind sie‭ ‬-‭ ‬bestenfalls‭ ‬-‭ ‬geduldet,‭ ‬berechtigt zu gar nichts.‭ ‬Überall wachen beamtete oder beauftragte Jäger oder Jagdpächter‭ ‬-‭ ‬und das ist sehr häufig irgendein reich gewordener Sockenfabrikant‭ ‬-‭ ‬darüber,‭ ‬dass kein Hund etwa ein Stück Rotwild‭ ‚‬beunruhigt‭‘‬,‭ ‬keinem Hasen ein paar Meter hinterherläuft,‭ ‬der schneller als jeder Hund ist‭ [‬Ausnahme:‭ ‬Windhunde‭]‬.‭ ‬Und die behördlich freigegebenen sogenannten Auslaufgebiete‭? ‬Sie erfüllen nur Alibifunktionen:‭ ‬viel zu wenig,‭ ‬viel zu schlecht erreichbar,‭ ‬viel zu klein.‭ ‬Vergleichbar in ihrer Dürftigkeit den Gefängnishöfen.‭ ‬Es bleibt also dabei:‭ ‬Hundehalter,‭ ‬die ihre Hunde artgerecht halten wollen,‭ ‬sind auf Duldung,‭ ‬auf Mitleid,‭ ‬auf jederzeit zurücknehmbare Toleranz angewiesen,‭ ‬müssen ständig Anfeindungen,‭ ‬Beschuldigungen,‭ ‬Anzeigen gewärtigen.‭ ‬Hundehalter,‭ ‬die ihrem Hund ein Leben ermöglichen wollen,‭ ‬das ihnen zusteht,‭ ‬stehen mit einem Bein im Knast.‭“  (‬Haucke‭)

Elf Jahre später nimmt der von mir erst kürzlich entdeckte Ted Kerasote diesen Faden wieder auf.‭ ‬Mit‭ „‬Merle’s Door‭“ (‬4‭) ‬setzt er sich auf fast märchenhafte Weise zugleich informativ und und unterhaltsam mit dem Auseinander,‭ ‬was Hunde von der Welt erwarten‭ ‬-‭ ‬und was nicht‭! ‬Mehr Hund wagen und weniger Mensch riskieren,‭ ‬was für für eine anregende‭ (‬oder aufregende‭?) ‬Aufforderung an den Menschen,‭ ‬der ja schon selber ohne technische Hilfen in dieser hochtechnisierten Welt nicht mehr klar kommt.‭

„Es‭ [‬das Buch‭] ‬ist außerdem die Geschichte eines jeden Hundes,‭ ‬der in einer zunehmend urbanisierten Welt ein besseres Leben führen könnte,‭ ‬wenn wir nicht immer versuchen würden,‭ ‬sein Verhalten zu ändern,‭ ‬sondern auch gelegentlich unseres in Frage stellten.‭ ‬…‭ ‬Merles Lektionen handeln nicht von Gehorsam,‭ ‬sondern von Partnerschaft.‭ ‬…‭ ‬dem Hund in jedem Bereich des Lebens mehr Leine,‭ ‬mehr Spielraum zu geben,‭ ‬und ihm,‭ ‬wann immer möglich frei laufen zu lassen,‭ ‬so dass er sich nach seiner eigenen Nase richten kann‭“ (‬Kerasote‭)

Kerasote wohnt mit seinem Rüden Merle in einer kleinen hundefreundlichen Stadt am Rande eines Naturschutzgebietes.‭ ‬Merle hatte seine eigene Tür,‭ ‬eine Klappe nach Art einer Katzentür,‭ ‬und konnte kommen und gehen wie ihm gerade zumute war.‭ ‬Ted Kerasote folgte damit einem Herzenswunsch,‭ ‬seinem Hund ein optimal freies und selbstgestaltetes Leben zu bieten,‭ ‬und Merle wusste es zu schätzen:‭ ‬Er führte bald unter vielen Stadtbewohnern den Titel‭ ‚‬Bürgermeister‭‘‬,‭ ‬knüpfte viele Hunde-‭ ‬und Menschenfreundschaften,‭ ‬war der bekannteste Hund im Umkreis von‭ ‬30‭ ‬Meilen und er war immer in der Lage,‭ ‬seine Angelegenheiten selbstbestimmt und unauffällig zu lösen.‭ ‬Trotzdem lebten der Hund und sein Mensch ein gemeinsames Leben:‭ ‬Merle kam bei weitem nicht nur zum Fressen und schlafen nach Hause.‭ ‬Er war immer an der Seite seines Herrchen,‭ ‬wenn es auf die Jagd,‭ ‬auf Wanderungen oder andere Abenteuerreisen ging.‭ ‬Über vierhundert Seiten Hundefreiheit,‭ ‬gespikt mit unzähligen interessanten Informationen zum Thema Hund und eine unerschöpfliche Quelle von Inspirationen und Anregungen für jeden Hundefreund.‭

Aber ruckzuck wieder zurück in die Vergangenheit,‭ ‬damit auch Horst Stern noch schnell zu Wort kommt,‭ ‬bevor es mit dem Thema‭ „‬artgerecht‭“ ‬weitergeht:‭ ‬Seine‭ „‬Bemerkungen über Hunde‭“ (‬als Buch sowie als TV-Sendung‭) (‬5‭) ‬sind mir schon sehr früh über den Weg gelaufen.‭ ‬Man kann es sich heute wohl kaum noch vorstellen,‭ ‬aber Mitte der Achtziger musste man nach Büchern über Hunde noch richtig suchen‭ ‬-‭ ‬vor allem nach den kritischen.‭ ‬Das ist kein Vergleich mit heute,‭ ‬wo einem an allen Ecken und Enden Menschen begegnen,‭ ‬die schon mal ein Hundebuch geschrieben haben‭ ‬-‭ ‬mich selbstverständlich eingeschlossen.‭ ‬Was Horst Stern betrifft ist mir seine Schilderung unvergessen,‭ ‬wie er sich in den Siebzigern mit dem damals noch unbekannten Erik Zimen trifft.‭ ‬Dieser begegnet ihm mit zwei‭ (‬Gehege)Wölfe,‭ ‬jeweils einen mit Kette an jedem Arm geführt.‭ ‬Im Laufe des Interviews muss Zimen mal kurz weg und drückt Stern die Wölfe in die Hand:‭ ‬Die Art,‭ ‬wie dieser unerbittliche Zyniker‭ (‬Stern‭) ‬mit dieser Situation‭ (‬den Wölfen‭) ‬und dem zukünftigen Provokateur‭ (‬Zimen‭) ‬umgeht.‭ ‬Es ist einfach göttlich,‭ ‬Ihr müsst das einfach selber lesen‭! ‬Das Verhältnis Hund-Mensch war auch für Horst Stern,‭ ‬ein ewiges Thema,‭ ‬hier mal ein Zitat,‭ ‬wo nicht der Hund im Vordergrund steht.‭ ‬Ein nachdenkenswerter Blickrichtungs-Wechsel‭ ‬-‭ ‬und das‭ ‬1971‭ (!)‬.

‭„Erstens muss man nicht mehr darüber streiten,‭ ‬ob der Hund in‭ ‬10.000‭ ‬Jahren Umgang mit dem Menschen vermenschlichte.‭ ‬Labor-Purismus,‭ ‬der um eine scharfe Abgrenzung zwischen Mensch und Tier bemüht ist,‭ ‬kann allenfalls bewiesen,‭ ‬dass ein auf‭ ‚‬leg Dich‭!‘ ‬abgerichteter Hund bei‭ ‚‬reg Dich‭!‘ ‬ebenfalls schlafen geht.‭ ‬Es gibt kein Tier,‭ ‬Menschenaffen eingeschlossen,‭ ‬das den Menschen besser versteht als der Hund.‭ ‬Zweitens und andererseits:‭ ‬Man muss auch nicht darüber streiten,‭ ‬dass bei weitem nicht alles Mensch ist,‭ ‬was uns am Hund menschlich vorkommt.‭ ‬Muss man wirklich nicht‭? ‬Ich meine doch.‭ ‬Es gibt nicht wenige Leute bei uns,‭ ‬Hundehalter,‭ ‬die es denken‭ (‬und unter sich sagen‭)‬,‭ ‬dass es‭ ‬67‭ ‬Millionen Hunde und Menschen in der BRD gibt,‭ ‬von denen‭ ‬63‭ ‬Millionen zu viel sind:‭ ‬die Menschen.‭ ‬Drittens‭ ‬…:‭ ‬Liebe Deinen nächsten wenigstens ein bisschen so wie einen Hund.‭ ‬Denn man muss,‭ ‬um Menschliches auf der Welt zu entdecken,‭ ‬nicht unbedingt auf den Hund gekommen sein.‭“ (‬Stern‭)

Mit den Vorurteilen und Mythen über den besten Freund des Menschen aufzuräumen war Horst Sterns großes Anliegen.‭ ‬Als‭ Bemerkungen über Hunde ‬1971‭ ‬erschien,‭ ‬provozierte es viele,‭ ‬die sich bis dahin für Hundefreunde gehalten hatten.‭ ‬Dass Hundehaltung Verantwortung dem Tier,‭ ‬aber auch dem hundelosen Mitmenschen gegenüber erfordert,‭ ‬stieß so manchem schwer auf.‭ ‬Für mich ist er so etwas wie ein ständiger Mahner geworden und immer wenn ich mich mal wieder zu  tief in die Idee‭ ‚‬Artgerecht ist nur die Freiheit‭‘ ‬verlaufen habe,‭ ‬ist es dieses eine Buch,‭ ‬was mich wieder auf den Boden zurück holt:‭ ‬Sei ein aktiver Tierfreund und verhelfe Deinen Hunden zu einem artgerechten Leben wo immer es möglich ist,‭ ‬aber stelle niemals die Belange der Hunde über die der Menschen:

‭„‬Ich halte das Herz für einen nur sehr bedingt tauglichen Zugang zu Tieren‭ ‬-‭ ‬für einen untauglichen sogar,‭ ‬wenn das Gehirn dabei aus dem Spiel bleibt,‭ ‬wie nicht selten in unserer tierfreundlichen Gesellschaft,‭ ‬die einer Umfrage zufolge in ihrer überwiegenden Mehrheit das Prügeln von Hunden für verwerflicher hält als das Ohrfeigen von Ehefrauen.‭“ (‬Stern‭)

Die artgerechte Haltung von Hunden und anderen Tieren war immer ein großes Thema für mich.‭ ‬Anfang der Neunziger schrieb eine mutige Frau ein großartiges Buch:‭ ‬Elizabeth Marhall Thomas wollte herausfinden,‭ ‬wie Hunde wirklich ticken.‭ ‬Was sie tun und lassen,‭ ‬wenn sie nicht ständig unter menschlichem Einfluss stehen.‭ „‬The hidden life of dogs‭“ (‬6‭) ‬ist ein Buch über das Bewusstsein von Hunden geworden‭ ‬-‭ ‬zu einer Zeit,‭ ‬in der die Welt noch gar nicht bereit war,‭ ‬solche Erkenntnisse zu akzeptieren.‭ ‬Lange lange Zeit wurde es von der behavioristisch orientierten Kynologie nicht anerkannt,‭ ‬als esoterischer Schmarn in die entsprechende Ecke gestellt.‭

„Ich wollte herausfinden,‭ ‬was sie tun würden,‭ ‬wenn man sie frei über ihre Zeit verfügen und selbst entscheiden ließe.‭ ‬…‭ ‬Was sieht ein Hund,‭ ‬was hört er,‭ ‬was riecht er‭? ‬Ich wollte wissen was er denkt und fühlt,‭ ‬ich wollte,‭ ‬dass er mich ansieht,‭ ‬und zwar von Hund zu Hund.‭ ‬…‭ ‬Den Hunden gab ich Nahrung,‭ ‬Wasser und Obdach,‭ ‬machte aber nach Beginn meines Projektes keinen Versuch mehr,‭ ‬sie zu erziehen,‭ ‬weder zu Stubenreinheit noch zum Herkommen auf Befehl.‭ ‬Das war nicht nötig.‭ ‬Die jungen ahmten die alten nach,‭ ‬was in ihrem Fall zu perfekter Stubenreinheit führte,‭ ‬und alle Hunde kamen meist von sich aus,‭ ‬wenn man sie rief,‭ ‬und verweigerten dies nur,‭ ‬wenn unsere Wünsche mit etwas kollidierten,‭ ‬was ihnen außerordentlich wichtig war.‭ ‬Ein Hund,‭ ‬der die Freiheit hat,‭ ‬eine solche Entscheidung zu machen,‭ ‬zeigt an einem einzigen Tag mehr von seinem Denken und Fühlen als ein dressierter,‭ ‬hyperdiziplinierter Artgenosse in seinem ganzen Leben.‭“ (‬Thomas‭)

Sie machte über Jahre hinweg mehr als verblüffend Beobachtungen:‭ ‬Ihre erstaunlich Fähigkeit,‭ ‬sich selber zu organisieren,‭ ‬sich untereinander auszutauschen und sich ihr Leben selber einzurichten.‭ ‬Aber auch über ihr Verhältnis zum Menschen machte sie sich ihren Kopf‭ ‬-‭ ‬von dem sie als Haushunde niemals ganz unabhängig zu sein scheinen:

‭„‬Denken Hunde,‭ ‬wir seien Gott‭? ‬Wahrscheinlich nicht. Aber so wie wir Gottes Tun geheimnisvoll finden,‭ ‬so finden Hunde unser Tun geheimnisvoll und launenhaft,‭ ‬oft aus sehr guten Grund.‭ ‬Die Tierschutzvereine‭ [‬in den USA‭] ‬exekutieren täglich tausende von Hunden,‭ ‬die ihr ganzes Leben alles getan haben,‭ ‬um es ihren Besitzern recht zu machen.‭ ‬Diese Hunde werden umgebracht,‭ ‬nicht weil sie böse wären,‭ ‬sondern weil sie ihren Besitzern unbequem sind.‭ ‬Wie wir Gott mehr brauchen,‭ ‬als er uns braucht,‭ ‬so brauchen Hunde uns mehr als wir sie,‭ ‬und sie wissen es.‭“ (Thomas)

Nur ein paar Jahre später machte eine andere us-amerikanische Frau von sich reden:‭ ‬Marjorie Garber war so frei,‭ ‬ein Buch über die Liebe des Menschen zum Hund zu schreiben.‭ ‬In‭ „‬Dog love‭“ (‬7‭) ‬analysierte sie die Rolle von Hunden in populären Fernsehserien und Hundebiographien,‭ ‬etliche Berichterstattungen der Boulevard-Presse‭ (‬die sogenannten‭ ‚‬human interest stories‭‘) ‬und jede Menge historischer Beschreibungen von Menschen und ihrer Beziehung zu Hunden.‭ ‬Sie widmete sich den verschiedensten Formen der Hundeliebe und rehabilitierte diese als eine emotionale Leistung‭ ‬-‭ ‬nicht als Verarmung,‭ ‬wie damals‭ (‬wie heute‭) ‬der Trend war.‭ ‬Ihre Frage war,‭ ‬ob Werte wie Verantwortungsbewusstsein,‭ ‬Loyalität,‭ ‬Mitleid und Mut nur noch im Verhältnis zum Hund Geltung haben.‭ ‬Ihre Antworten gehen weit über dieses Thema hinaus und ergeben eine Art kultureller Biografie der menschlichen Tierliebe.‭ ‬Ein gewaltiges Werk und nicht einfach zu lesen‭!

„Der Hund wird zum Bewahrer jener mustergültigen menschlichen Qualitäten,‭ ‬die wir zynischerweise unter Menschen nicht mehr zu finden erwarten.‭ ‬Wo ist heute die ganze Palette des‭ ‚‬Book of Virtues‭‘ [‬Buch der Tugenden‭] ‬…‭ ‬zu finden,‭ ‬wenn nicht bei Lassie,‭ ‬Beethoven,‭ ‬Milie,‭ ‬Checkers und Spot‭?  ‬…‭ ‬Es ist faszinierend zu beobachten das Familienwerte,‭ ‬wie andere Werte auch,‭ ‬heutzutage in der Volkskultur nicht durch Geschichten von Menschen,‭ ‬sondern durch Geschichten,‭ ‬ja selbst Liebesgeschichten,‭ ‬von Hunden weitergegeben werden.‭“ (‬Garber‭)

Ihre klare Botschaft für uns alle:‭ ‬Erst in unserer Liebe zu Tieren werden wir zu besseren Menschen‭! ‬Kein Problem,‭ ‬ich war schon immer dabei,‭ ‬und neuzeitlich ja auch mit Liebesgeschichten von Hund‭!

Wieder zurück in die Zukunft,‭ ‬in das Jahr‭ ‬1893:‭ ‬Es ist die Zeit der Margaret Saunders,‭ ‬einer wunderbar tierlieben Frau,‭ ‬die unter dem männlichen Pseudonym Marhall Saunders die wahre Geschichte eines von Menschen schwer misshandelten Hund erzählt.‭ ‬Sie befürchtete damals wohl zu recht,‭ ‬dass die Leser eine Frau als Autorin nicht ernst nehmen würden.‭ ‚‬Beautiful Joe‭‘ (‬8‭)‬,‭ ‬dem in jungen Jahren der Schwanz und beide Ohren mit einer Axt abgeschlagen wurden,‭ ‬erzählt seine Geschichte selber.‭ ‬Margaret Marshall Sauders bleibt in Hintergrund und verlegt diese wahre Geschichte von ihrer Heimat Kanada in ein ähnliches‭ (‬aber ausgedachtes‭) ‬Umfeld in den USA.‭ ‬Beautiful Joe erzählt:

‭„‬Ich weiß,‭ ‬dass ich nicht hübsch bin,‭ ‬und ich bin auch nicht reinrassig.‭ ‬Ich bin nur ein Bastard.‭ ‬…‭ ‬Ich bin inzwischen ein alter Hund und ich habe beschlossen meine Lebensgeschichte zu erzählen.‭ ‬Ein Freund wird sie für mich.‭ ‬…‭ ‬Ich liebe meine Herrin,‭ ‬ich liebe sie mehr als alles andere auf der Welt,‭ ‬und ich glaube,‭ ‬es wird ihr gefallen,‭ ‬wenn ich die Geschichte eines Hundes erzähle.‭ ‬Sie liebt Tiere und es macht sie traurig,‭ ‬wenn sie sieht,‭ ‬dass sie schlecht behandelt werden.‭ ‬Einmal sagte sie,‭ ‬dass man Grausamkeit gegen Tiere erst das ausmerzen könne,‭ ‬wenn alle Jungen und Mädchen‭  ‬dieser Welt sich erheben und ein Ende der Quälerei verlangen würden.‭ ‬Vielleicht hilft es ja ein wenig,‭ ‬wenn ich meine Geschichte erzähle.‭“ (‬Saunders‭)

Sie schreibt Joes Geschichte in einer Zeit,‭ ‬in der es üblich war,‭ ‬Tiere im öffentlichen Raum zu misshandeln und es unüblich war,‭ ‬sich darüber zu erregen.‭ ‬Pferde wurden geschlagen,‭ ‬wenn sie nicht laufen wollten,‭ ‬und Hunde getreten,‭ ‬wenn sie im Wege waren.‭ ‬Tieren wurden keine Gefühle und kein Seelenleben zugestanden,‭ ‬sie hatten ausschließlich als Werkzeug des Menschen zu funktionieren.‭ ‬Aggressionen und Frustrationen an Tieren abzureagieren war an der Tagesordnung und unzählige misshandelte und verstümmelte Tiere füllten die Straßen.‭ ‬Nur wenige couragierte Menschen trauten sich,‭ ‬die Stimme zu erheben,‭ ‬und‭ ‚‬Beautifull Joe‭‘ ‬war eine davon:‭

„Grausame und brutale Tierbesitzer,‭ ‬so sagt sie‭ [‬das Frauchen‭] ‬müssten zweifellos bestraft werden.‭ ‬Aber Menschen,‭ ‬die nur gedankenlos sind sollte man sagen:‭ ‬Sei aufmerksam.‭ ‬Bringe in Erfahrung,‭ ‬was Deine Tiere brauchen,‭ ‬und sorge dafür,‭ ‬dass sie es bekommen.‭ ‬Du weißt besser als jeder andere,‭ ‬wie man Dein Tier behandeln muss,‭ ‬denn Du bist die ganze Zeit mit ihm zusammen‭ ‬…‭ ‬Wenn es krank oder unglücklich ist,‭ ‬bist Du derjenige,‭ ‬der sich um es kümmern muss,‭ ‬denn beinahe jedes Tier liebt seinen Herrn mehr als einen Fremden und wird daher in seiner Pflege schnell genesen.‭“ (‬Saunders‭)

Ein Hund,‭ ‬der die Menschen verändert hat.‭ ‚‬Beautiful Joe‭‘ ‬gilt als das Buch,‭ ‬das die Einstellung zu Hunden entscheidend beeinflusst und dazu beigetragen hat,‭ ‬den Tierschutzgedanken zu verbreiten.

‭„‬Meine letzte Bitte lautet:‭ ‬Seid gut zu den stummen Kreaturen,‭ ‬und seid es nicht nur,‭ ‬weil ihr nichts dabei zu verlieren habt.‭ ‬Es ist Eure Pflicht,‭ ‬denn sie sind von derselben gütigen Hand erschaffen worden,‭ ‬die jedes Lebewesen auf dieser Welt gemacht hat‭!“ (‬Saunders‭)

Wieder in der Gegenwart wird es für mich etwas heikel,‭ ‬weil ich die Autorin des Buches‭ ‚‬Wanja und die wilden Hunde‭‘ (‬9‭) ‬so gar nicht leiden mag.‭ ‬Maike Maja Nowak ist eine Rampensau sondergleichen,‭ ‬die sich gerne im Licht der Öffentlichkeit sonnt und das ganze Brimborium um die Frau geht mir mächtig auf den Keks.‭ ‬Vor allem seit sie auch noch angefangen hat,‭ ‬diesen ganzen Rudelstellungs-Käse für sich zu vermarkten.‭ ‬Trotzdem ist das Buch einfach lesenswert:‭ ‬Einerseits wegen der lebendigen Schilderung einer Gruppe‭ (‬quasi‭) ‬wild lebender Hunde und andererseits wegen der Gedanken und Konsequenzen der Autorin,‭ ‬den Umgang mit unseren Hunden betreffend.

‭„‬Dies sollte ein Buch werden über ein Rudel von zehn russischen Hunden und wie diese‭ ‬-‭ ‬mit nur geringem menschlichen Einfluss auf ihr Verhalten‭ ‬-‭ ‬ihrer Natur entsprechend zusammenlebten,‭ ‬…‭ ‬und welche Formen sie fanden,‭ ‬um dort gemeinsam zu überleben.‭“ (‬Nowak‭“)

Sie beobachtet den Leithund Wanja und und begann sich damit zu beschäftigen,‭ ‬wie der sein Rudel in wichtigen Momenten führte:‭ ‬souverän,‭ ‬kompetent und freundlich‭ ‬-‭ ‬ohne Druck und ohne Bestechung.‭ ‬Es gelingt ihr sehr schön,‭ ‬die körpersprachliche Kommunikation der Hunde zu beschreiben und die‭ ‚‬kleine Hundekunde‭‘ ‬am Schluss des Buches ist tatsächlich eine kleine Schatzkiste für jeden,‭ ‬der‭ (‬seine‭) ‬Hunde besser kennenlernen und besser führen möchte.‭ ‬Ich habe den sogenannten Rückruf mit dem Milow nach ihrer Beschreibung trainiert und es klappte wunderbar.‭ ‬Seitdem darf er in Wald und Flur frei laufen‭ ‬-‭ ‬Dank Wanja und seinen wilden Hunden‭!

„Gäbe es irgendetwas,‭ ‬das unseren Hund zuverlässig‭ ‚‬justieren‭‘ ‬könnte,‭ ‬würden wir alle es anwenden und nicht weiter verzweifelt nach immer neuen Methoden suchen.‭ ‬…‭ ‬Was aber,‭ ‬wenn wir uns bisher nur in die falsche Richtung bewegt hätten‭? ‬Was,‭ ‬wenn es nicht etwas Neues wäre,‭ ‬das uns helfen würde,‭ ‬unseren Hund zu verstehen,‭ ‬sondern etwas sehr altes‭? ‬Etwas,‭ ‬das zuverlässig genauso lange funktioniert,‭ ‬wie es Hunde gibt:‭ ‬Es ist ihre eigene Art,‭ ‬sich miteinander zu verständigen und erzieherisch miteinander umzugehen.‭“ (‬Nowak‭)

Sie hat die körpersprachliche Arbeit mit Hunden‭ (‬Bodytalk‭!) ‬sicher nicht erfunden,‭ ‬auch wenn sie gerne den Eindruck erwecken möchte.‭ ‬Aber ich habe bisher nirgends und nie wieder eine sprachlich so einfache,‭ ‬verständliche und gleichzeitig eloquente Übertragung der hundlichen Ausdrucksweise auf die körperlichen Möglichkeiten des Menschen gefunden.‭ ‬Ihr ist es gelungen,‭ ‬Menschen und Hunden eine gemeinsame Sprache zu geben‭ ‬-‭ ‬das macht das Buch so einzigartig‭!

„Die Annahme,‭ ‬das Wesen von Hunden erklären zu können,‭ ‬weil wir mittlerweile ihr Lernverhalten erforscht und damit auch eine mögliche Form zu ihrer Konditionierung gefunden haben ist beschämend.‭ ‬Hunde sind keine Konditionierungsmaschinen,‭ ‬sondern hochsoziale Lebewesen.‭ ‬Ihr Lernverhalten macht nur einen Teil ihres Wesens und Lebens aus,‭ ‬und man kann sich situativ mit ihnen verständigen,‭ ‬ohne für jede erdenkliche Situation vorher geübt zu haben.‭“ (‬Nowak‭)

Und noch ein letztes Glas im stehen:‭ ‬Ihre anderen Bücher kann man sich getrost schenken,‭ ‬wenn man‭ ‚‬Wanja‭‘ ‬gelesen hat.‭ ‬Man erspart sich dadurch allerlei esoterischen Käse und Schickimicki rund um den Hund und die Person der Autorin‭ ‬-‭ ‬und man macht sich dieses wunderbare Buch nicht kaputt‭!

Last but not least:‭ ‬Das Buch‭ ‚‬Streuner‭‘ (‬10‭) ‬von Stefan Kirchhoff,‭ ‬einem erfahren Tierschützer,‭ ‬der einige Monate mit Hund und Wohnmobil kreuz und quer durch Europa tourte,‭ ‬um das Leben von Straßenhunden fotografisch zu dokumentieren.‭  ‬Ein Mann,‭ ‬der sich im Thema auskennt und schon an der Seite von Günther Bloch im‭ ‚‬Tuskany Dog Projekt‭‘ (‬Die Pizza Hunde‭) ‬tätig war.‭ ‬Entstanden ist genau das Buch über Straßenhunde,‭ ‬was ich mir schon so lange sehnsüchtig gewünscht habe:

‭„‬Das die‭  ‬Bedingungen für Straßenhunde auch sehr hart sein können,‭ ‬ist selbstredend.‭ ‬Dies ist aber nur eine Seite des Lebens als Straßenhund.‭ ‬Die andere Seite wurde noch nie wirklich betrachtet oder dokumentiert.‭ ‬Diese andere Seite möchte ich ihnen zeigen‭ ‬-‭ ‬nicht,‭ ‬um das Leben auf der Straße zu verharmlosen oder gar zu glorifizieren,‭ ‬sondern um aufzuklären und zu zeigen,‭ ‬wie die Tiere ihr Leben meistern und insofern auch,‭ ‬um von ihnen zu lernen.‭ ‬In zwölf Jahren Tätigkeit im Tierschutz habe ich Tausende von Hunden kennengelernt.‭ ‬Wie gerne hätte ich diese Hunde gefragt,‭ ‬wie sie am liebsten ihren Tag verbringen würden.‭“ (‬Kirchhoff‭)

Stefan Kirchhoff wird diesem Anspruch gerecht und er wird auch niemals dogmatisch.‭ ‬Jeder Menschen,‭ ‬der einen Hund aus dem Ausland an der Seite hat,‭ ‬wird sich und ihn in den Schilderungen und Bildern Kirchhoffs wiedererkennen.‭ ‬Mir ging es mit dem Milow so und alleine das Wissen,‭ ‬wie er in der Vergangenheit gelebt haben könnte,‭ ‬gibt viele Hilfestellungen,‭ ‬sein heutiges Verhalten zu verstehen.‭ ‬Ganz nebenbei räumt Stefan Kirchhoff mit vielen Vorurteilen auf:‭

„Jährlich werden Tausende von Straßenhunden in unser Land gezwungen,‭ ‬die kaum eine Möglichkeit zu Integration finden,‭ ‬da ihnen die Sozialisation mit Menschen fehlt,‭ ‬…‭ ‬So hört man es häufig kritisch von Seiten der Hundetrainer und Kynologen,‭ ‬die meist nie selbst vor Ort tätig waren.‭ ‬Auf der anderen Seite stehen die Tierschützer mit Behauptungen,‭ ‬dass in diesen Ländern für die Hunde alles furchtbar schlimm sei und die Tiere sehr dankbar seien,‭ ‬wenn man sie nach Deutschland hole.‭ ‬Neben diesen beiden Extremen gibt es noch jede Menge andere,‭ ‬meist oberflächliche Meinungen rund um den Auslandstierschutz.‭ ‬Wie zum Beispiel die,‭ ‬dass Auslandshunde Konkurrenten in der Vermittlung deutscher Tierheimhunde seien,‭ ‬dass sie alle in Rudeln lebten,‭ ‬Tierschützer nur Geld mit Auslandshunden verdienen wollten,‭ ‬Auslandshunde alle verhaltensauffällig oder aber überaus sozialverträglich seien und so weiter und so fort.‭“ (‬Kirchhoff‭)

Fazit:

‭„‬Nicht jeder Hund aus dem Ausland ist ein typischer Straßenhund,‭ ‬wie wir ihn uns vorstellen.‭“ (‬Kirchhoff‭)

Stefan Kirchhoff stellt im Verlaufe des Buches neben unzähligen solitär lebenden Hunden viele wildlebende Hundegruppen und‭ ‬-‭ ‬rudel vor.‭ ‬Was mich besonders berührt hat,‭ ‬war ein Rückblick auf die‭ ‚‬Bestien von San Rossore‭‘‬,‭ ‬wie Blochs Pizzahunde in der Literatur öfters betitelt wurden.‭  ‬Nach sechs Jahren war von der damals‭ ‬14-köpfigen Beobachtungsgruppe nur noch ein Hund übrig‭ ‬-‭ ‬ein einsamer trauriger Hund‭ (‬dem alle Gefährten von übereifrigen Tierschützern weggefangen wurden‭ (?) ‬und allemal ein trauriger Anblick.‭ ‬Beeindruckend finde ich die vielen Fotos und Fotoreihen von den wild lebenden Hunden und den Straßenhunden Europas,‭ ‬die in diesem Buch zu finden sind.‭ ‬Das ist kein Buch zum einmal lesen und dann wegstellen.‭ ‬Das ist ein Buch zum immer wieder hervorholen,‭ ‬nachblättern,‭ ‬durchschnüstern und immer wieder dazu zu lernen.‭ ‬Ein realistisches Buch über Hunde,‭ ‬die ein freies Leben haben‭ ‬-‭ ‬mit allen Vor-‭ ‬und Nachteilen.‭ ‬Ein grundehrliches Buch mit Potential zum Lieblingsbuch‭!

Sodele,‭ ‬Ihr habt es geschafft‭ ‬-‭ ‬und ich auch‭!

————————————————————————————————————————————————————-

Mit "KLICK" zum Tierschutz-Shop !!

————————————————————————————————————————————————————

(1‭)    „‬Du armer Hund‭“‬,‭ ‬Heiko Gebhardt,‭ ‬Goldmann‭ ‬-‭ ‬Stern Bücher,‭ ‬1982
‭(‬2‭)    „‬Hund aufs Herz‭“‬,‭ ‬Gert Haucke,‭ ‬Rowolth Verlag‭ ‬/‭ ‬Wunderlich,‭ ‬1996
‭(‬3‭)    „‬Die Sache mit dem Hund‭“‬,‭ ‬Heiko Gebhardt und Gert Haucke,‭ ‬Rasch und Röhring,‭ ‬1990
‭(‬4‭)    „‬Merles Tür:‭ ‬Lektionen eines freidenkenden Hundes‭“‬,‭ ‬Ted Kerasote,‭ ‬Aufbau Verlag‭ ‬/‭ ‬Edition Tieger,‭ ‬2011/2014
‭(‬5‭)    „‬Bemerkungen über Hunde‭“‬,‭ ‬Horst Stern,‭ ‬Kosmos Verlag,‭ ‬Reprint der Originalausgabe von‭ ‬1971,‭ ‬1994
‭(‬6‭)    „‬Das geheime Leben der Hunde‭“‬,‭ ‬Elizabeth Marschall Thomas,‭ ‬Rowolth TB Verlag,‭ ‬1995
‭(‬7‭)    „‬Die Liebe zum Hund‭“‬,‭ ‬Marjorie Garber,‭ ‬S.‭ ‬Fischer Verlag,‭ ‬1996
‭(‬8‭)    „‬Beautifull Joe:‭ ‬Der Hund,‭ ‬der die Menschen veränderte‭“‬,‭ ‬Margaret Marshall‭  ‬Saunders,‭ ‬Aufbau Verlag‭ ‬/‭ ‬Edition Tieger,‭ ‬gekürzte Originalausgabe von‭ ‬1893,‭ ‬2008/2013
‭(‬9‭)    „‬Wanja und die wilden Hunde‭“‬,‭ ‬Maike Maja Nowak,‭ ‬Mosaik Verlag,‭ ‬2012
‭(‬10‭)   „‬Streuner,‭ ‬Straßenhunde in Europa‭“‬,‭ ‬Stefan Kirchhoff,‭ ‬Kynos Verlag,‭ ‬2014

————————————————————————————————————————————————————

Hier noch der Link zum Interview von Katharina von der Leyen mit Heiko Gebhardt (PDF-Download) und ein Link zum Text‭ „‬Und keiner hört ihre Schreie‭!“ ‬von Gert Haucke.‭

Euch allen Danken wir für Euer Interesse an unserem Bücherregal und sagen ganz ehrlich‭ ‚‬Hut ab (‭!‘) ‬für das Durchhaltevermögen,‭ ‬Euch tatsächlich bis hierhin durchzurollen‭!

Mit tierlieben Grüßen
Severine,‭ ‬Luni Luninata und Milow,‭ ‬der Halunke

zooplus.de

————————————————————————————————————————————————————

Mehr von uns findet Ihr in unserem neuesten Buch:

Ab sofort im Buchhandel erhältlich, bei Amazon (Klick auf Cover!) und in jedem anderen Buchladen!

Ich bin hier bloß der Mensch‭ ‬-‭ ‬Geschichten mit Hund
Severine Martens
Monsenstein‭ & ‬Vannerdat,‭ ‬2014
12,90‭ ‬Euro
ISBN:‭ ‬978-3-95645-394-6‭

3 Gedanken zu “Der artgerechte Hund

  1. Huhu Andrea 🙂 schön von Dir zu lesen und das Dir der kilometerlange Artikel gefallen hat … und,dass Du durchgehalten hast!

    Ich habe auch oft ein schlechtes Gewissen, dass ich Luna und Milow nicht genug Freiheit bieten kann. Gerade dem Milow, der es von früher doch gar nicht anders kennt und es liebt, stundenlang den Wald auf den Kopf zu stellen. Ich lebe zwar sehr ländlich in einem kleinen Ort am Stadtrand und wir brauchen in jede Richtung keine fünf Minuten, bis wir auf dem Feld oder im Wald sind, aber trotzdem: Wie sehr würde ich ihnen solch eine Tür wünschen, wie sie der Merle hatte. Aber dafür ist hier immer noch zuviel Autoverkehr … und meine Angst, dass was passieren könnte, die mich immer wieder ausspielt!

    Aber seis drum, machen wir halt das beste draus! 😉

    Ganz liebe Grüße
    Severine und die *Saubande*

    Gefällt mir

  2. Liebe Severine, das war wirklich ein sehr informativer und ans Herz gehender Artikel, für den ich gerne lange durchgehalten habe… 😉

    Ohne jetzt auf alles im Einzelnen eingehen zu wollen (denn dann würde meine Antwort sich ähnlich ausführlich gestalten), möchte ich Dir sagen, dass ich schon sehr oft darüber nachgedacht habe, ob es in Ordnung ist, sich aus mehr oder weniger egoistischen Gründen einen Hund oder ein anderes Haustier zu halten. Da bin ich mit mir echt nicht im Reinen. Zum Ausgleich versuche ich, Linda viel Freiraum zu ermöglichen. Selbstverständlich ist das ein Unterfangen, dem trotz aller Bemühungen mehr Grenzen gesetzt sind, als einem lieb ist. Besonders, wenn man in Ballungsgebieten wohnt…

    Und wahrscheinlich wird das ein oder andere Buch den Weg in mein Bücherregal finden, auch wenn ich keine Hundebücher sammle…

    Danke Dir dafür

    LG Andrea und Linda

    Gefällt mir

Na, dann mal ran an die Tasten und einen Pfotenabdruck dagelassen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s