Ooppsala! Neues aus der Anstalt

Die Wissenschaft hat festgestellt,‭ ‬dass Rinderfutter Fleisch einhält‭!

Deshalb seien die Rinder aller Rassen ab sofort als Herbivoren-Carnivoren zu bezeichnen‭ ‬-‭ ‬manche sprechen sogar schon von Carno-Phytophagen,‭ ‬einer völlig neuen Gruppe in der biologischen Systematik.‭  ‬Damit sind die ruhigen Zeiten auf der Weide und die Heu-Mahlzeiten im Stall wohl endgültig Geschichte.‭ ‬Arme Kuh‭! ‬Ab sofort brauchen die vielen Betreiber von Ställen in der Massentierhaltung kein schlechtes Gewissen mehr zu haben,‭ ‬falls sie jemals eines hatten.‭ ‬Frisches Gras und Heu kennen die armen Rindviecher heutzutage sowieso kaum noch‭ ‬-‭ ‬und diese Fütterung mit Stroh,‭ ‬anderen Resten aus der Getreideernte und sogenanntem Kraftfutter wider besserem Wissen‭? ‬Oh mein Gott,‭ ‬was muss es diesen Großbauern und Massenverdienern doch schlecht gegangen sein.‭ ‬Aber die schlaflosen Jahre sind jetzt vorbei und ab sofort gibt es nur noch die Reste von den Artgenossen aus dem Schlachthof zum Beißen.‭ ‬Das ist nicht nur praktisch,‭ ‬sondern auch artgerecht‭ ‬-‭ ‬wie die Wissenschaft festgestellt hat‭!

Sie haben es sowieso immer getan,‭ ‬als sogenannte Weidegänger:‭ ‬Da draußen auf der grünen Wiese‭! ‬Ab und an mal einen kleinen Wurm,‭ ‬ein verwestes Vögelchen oder die Losung vom Fuchs.‭ ‬Hier und da mal ein kleines Schneckchen,‭ ‬ein Käferchen oder was von der eigenen Schiete,‭ ‬die da ja überall herumliegt.‭ ‬Manche haben sie deshalb sogar schon als Prädatoren‭ ‬-‭ ‬also als Beutegreifer oder Raubtiere‭ ‬-‭ ‬bezeichnet.‭ ‬Im Stall war es da dann nicht anders und wer weiß schon,‭ ‬was der Bauer da mit der Ernte vom Feld alles an tierischen Proteinen mit reingeschleppt hat.‭ ‬Das Rind hat es irgendwie überlebt,‭ ‬hat sich dran gewöhnt und kann damit jetzt besser leben,‭ ‬als die Artgenossen,‭ ‬die sich nicht dran gewöhnt haben.‭ ‬Ist das nicht toll‭? ‬Die Wissenschaftler nennen das eine frühe Selektion auf die Bedingungen der Domestikation.‭ ‬Und wie habe die das festgestellt‭? ‬Bestimmt haben die jede Menge Kuhfladen untersucht und mit dem verglichen,‭ ‬was vorne zuerst rein kam.‭ ‬Nö,‭ ‬das haben die nicht‭! ‬Die haben gleich das ganze Genom des Hausrindes aufgeschlüsselt und festgestellt,‭ ‬dass an einigen sogenannten Genorten Informationen hängen,‭ ‬die das möglich machen‭ ‬.‭ ‬Ist das nicht schlau‭? ‬Die gesamte Futtermittel-Industrie für die Landwirtschaft steht Kopf,‭ ‬Schlachthöfe müssen ihre Dienstleistungen auf völlig andere Bedürfnisse umstellen und die klassische Kuh macht eine sagenhafte Karriere‭ ‬-‭ ‬im Dienste der Wissenschaft‭!

Sodele,‭ ‬jetzt aber mal im Ernst:‭ ‬Das ist der allergrößte Käse,‭ ‬den ich je geschrieben habe!‭ ‬Okay,‭ ‬ihr habt es schon selbst gemerkt und bekommt den Finger gar nicht mehr von der Stirn‭? ‬Ihr habt recht,‭ ‬was für ein Unsinn‭! ‬Aber lest einfach mal weiter,‭ ‬denn die Anstalt hat noch wesentlich mehr zu bieten‭!

Jetzt geht es nämlich erst richtig los.‭ ‬Die Wissenschaft hat tatsächlich festgestellt,‭ ‬dass der Hund ein Enzym namens Amylase produzieren kann,‭ ‬dass es ihm möglich macht,‭ ‬Stärke zu verdauen.‭ ‬Schuld daran sind sind seine Gene,‭ ‬die an vier bis dreißig Stellen Informationen darüber liefern,‭ ‬wie das geht.‭ ‬Das sei aber von Hund zu Hund sehr unterschiedlich‭ ‬-‭ ‬nicht nur zwischen den Rassen,‭ ‬auch zwischen den Individuen.‭ ‬Der kleine Ätsch-Effekt ist,‭ ‬dass der Wolf diese Informationen nur an zwei solchen Genorten besitzt,‭ ‬was gleichbedeutend mit‭ ‚‬gar nicht‭‘ ‬ist.‭ ‬Und der Mensch im globalen Durchschnitt an‭ ‬15‭ ‬Orten,‭ ‬kulturell aber sehr verschieden und abhängig von der bevorzugten Ernährungsweise‭ (‬Stärkegehalt der Nahrung‭) ‬an bis zu‭ ‬27‭ ‬Orten seines Genoms.‭ ‬Ergo:‭ ‬Der Hund kann Stärke von doppelt so gut wie‭ ‚‬gar nicht‭‘ ‬bis viel besser als der Mensch verstoffwechseln.‭ ‬Ist das nicht toll‭?

Leider bleibt nur offen,‭ ‬in wieweit sich die doch recht breite Streuung dieser neu entdeckten hundlichen Fähigkeit über die einzelnen Hunderassen und Individuen verteilt.‭ ‬Gibt es jetzt mehr‭ ‚‬Vierer‭‘ ‬oder mehr‭ ‚‬Dreißiger‭‘ ‬unter den Hunden,‭ ‬sind die meisten näher am Wolf dran oder näher am Menschen‭? ‬Wie auch immer,‭ ‬der Mensch sieht gerne seinen Nutzen,‭ ‬und ich gehe jede Wette ein,‭ ‬dass es nicht lange dauern wird,‭ ‬bis die Futtermittelindustrie diese hohle Nische für sich entdeckt.‭ ‬Endlich kann man argumentieren und werben:‭ ‬Mit extra viel Getreide,‭ ‬artgerecht und nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen‭! ‬Die Anstalt hat nämlich immer geöffnet,‭ ‬jeden Tag und ihre Insassen freuen sich über jedes neue Futter.

Die Wissenschaft hat festgestellt:‭ ‬Es ist gut,‭ ‬dass Hundefutter Stärke enthält

Und was lernen wir daraus,‭ ‬außer was wir eh schon wissen‭? ‬Gar nix‭! ‬Selbst der eingefleischte Hardcore-Barfer wirft seinen Liebsten ab und an mal eine Handvoll gekochten Reis oder Kartoffelschalen in den Napf.‭ ‬Einfach,‭ ‬weil es gerade vom Kochen übrig ist,‭ ‬und jeder immer schon wusste,‭ ‬das es in Maßen nicht nur nicht schadet,‭ ‬sondern dem Hund auch mal ganz gut tut.‭ ‬In Maßen wohlgemerkt‭! ‬Die Fähigkeit zur Stärkespaltung ist ohne Zweifel ein gewisses kulturelles Plus und mag manch einem Hund in grauen Vorzeiten sein Überleben gesichert haben.‭ ‬Aber der gesamte Verdauungsapparat des Hundes ist immer noch darauf ausgerichtet seine Lebensenergie aus tierischen Fetten zu gewinnen.‭ ‬Das kann er mit fast hundertprozentiger Effektivität und ohne Reibungsverluste durch wissenschaftliche Studien.‭ ‬Ihm ist immer noch kein Mahlgebiss gewachsen und auch sein Darm hat sich nicht um ein vielfaches verlängert.‭ ‬Er ist und bleibt ein Carnivor,‭ ‬auch wenn einige‭ ‬-‭ ‬selbstverständlich unabhängige‭ ‬-‭ ‬TierärtInnen dem Rest der Welt die freudige Nachricht vermitteln,‭ ‬dass der Hund nun ein Carnivor-Herbivor sei.‭ ‬Wir rufen Hurra,‭ ‬freuen uns auf viele neue lustige Begriffe und machen einfach so weiter wie vorher‭!

Und noch ein letztes Pfui:‭ ‬Bei der Stärkeverdauung des Menschen macht die Spucke den Unterschied.‭ ‬Erst durch die in unserem exzellenten Mundspeichel enthaltenen Amylasen‭ (‬Phtyalin‭) ‬besitzen wir die Fähigkeit die Kartoffel und andere stärkehaltige Nahrungsmittel in ihre Bestandteile zu zerlegen.‭ ‬Die Ergebnisse der hier besprochenen Uppsala-Studie von Erik Axelsson‭ (‬1‭) ‬beziehen sich nur auf die durch die Bauchspeicheldrüse produzierten Amylasen,‭ ‬also die Stärkeverdauung im Dünndarm des Hundes.‭ ‬Ohne die Speichelamylasen ist die Stärkeverdauung unvollständig und als Folge dieser unzureichenden Zerlegung der Stärke kann es zu Gärvorgängen der Stärke in Magen/Darm und daraus resultierenden Beschwerden wie Blähungen kommen.‭ ‬Ob das bei den Hunden auch so ist‭? ‬Wer will das wissen,‭ ‬wer fragt danach und wer will darüber reden‭? ‬Hätte doch keiner einen Nutzen davon,‭ ‬außer unsere Hunde‭ ‬-‭ ‬aber um die geht es ja nicht,‭ ‬oder‭?

Barf - Gemüse

Anmerkung:‭ ‬Als Carnivoren‭ (‬Karnivoren,‭ ‬Fleischfresser‭) ‬bezeichnet man nach einer klassischen Systematik der Biologie Tiere,‭ ‬Pflanzen und Pilze,‭ ‬die sich hauptsächlich oder ausschließlich von tierischem Gewebe ernähren.‭ ‬Damit unterscheiden sie sich von den Herbivoren‭ (‬Pflanzenfressern‭)‬,‭ ‬die vorwiegend pflanzliche Kost bevorzugen.‭
Man beachte dabei die beiden Worte‭ ‚‬hauptsächlich‭‘ ‬und‭ ‚‬vorwiegend‭‘! ‬Als Prädatoren‭ (‬Beutegreifer‭) ‬gelten in einer anderen Sytematik der ökologischen Biologie Lebewesen die sich von anderen,‭ ‬noch lebenden Organismen oder Teilen von diesen ernähren.‭ ‬Die Bezeichnung umfasst neben den echten Prädatoren‭ (‬Beutegreifer‭) ‬und Parasitoiden,‭ ‬die ihre Beutetiere oder Wirte töten,‭ ‬auch Weidegänger‭ (‬Pflanzenfresser‭) ‬und Parasiten,‭ ‬die sich nur von Teilen der lebenden Organismen ernähren,‭ ‬ohne sie zu töten.

‭(‬1‭) ‬Erik Axelsson,‭ ‬Universität Uppsala,‭ ‬Schweden,‭ ‬2013
‭(‬Science for Life Laboratory,‭ ‬Department of Medical Biochemistry and Microbiology,‭ ‬Uppsala University,‭ ‬75237‭ ‬Uppsala,‭ ‬Sweden‭)

Und noch ein Link zum Weierlesen: http://www.lumpi4.de/wolf-evolution-ernaehrung-hunden-veraendert-15471512/

6 Gedanken zu “Ooppsala! Neues aus der Anstalt

  1. Ich gebe Dir recht und der Artikel ist ironisch gemeint! Mir sind bereits mehrfach Artikel in Hundezeitschriften aufgefallen, wo tendenziell aus den ‚kann‘ ein ’soll‘ bzw ‚muss‘ wird. Die Studie ist mir Sicherheit neutral gefasst, aber sie wird zum Trend werden, da bin ich mir sicher! Einige kramen parallel dazu schon wieder den alten Mugford wieder aus (viele tierische Proteine machen den Hund aggressiv) … es ist einfach nur eine Glosse, mehr nicht!

    Danke für Deinen Kommentar Marie!

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  2. „Die Wissenschaft hat festgestellt:‭ ‬Es ist gut,‭ ‬dass Hundefutter Stärke enthält“ – Wie kommst du darauf? Die Studie stellt lediglich fest, dass Hunde – im Gegensatz zu Wölfen – besser in der Lage sind, Stärke zu verdauen. Erik hat weder in dieser Publikation noch sonst irgendwann gesagt, dass viel Stärke gut/ gesund für Hunde wäre. Ganz im Gegenteil: Als ich ihn beim letzten Canine Science Forum drauf ansprach, dass es Leute gibt, diese Ergebnisse in diese Richtung uminterpretieren, war er sehr überrascht und nicht glücklich darüber. Die Aussage des Paper ist lediglich: „… that novel adaptations allowing the early ancestors of modern dogs to thrive on a diet rich in starch, relative to the carnivorous diet of wolves, constituted a crucial step in the early domestication of dogs.“ (http://www.nature.com/nature/journal/v495/n7441/full/nature11837.html)

    Bloß weil Europäer Alkohol in der Regel besser abbauen können als Asiaten, heißt das ja auch noch lange nicht, dass er gesund für uns ist 🙂

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