Die Fährmannstochter

Wir haben unserem zweiten Hobby nachgegeben und endlich mal wieder einen historischen Roman gelesen. Das Buch heisst „Die Fährmannstochter“ und wurde von Andrea Schacht geschrieben. Es spielt in der Zeit um 1420, also im sogenannten Spätmittelalter. Diese Rezension möchte in in drei Teile gliedern: Einem Teil, der beschreibt um was es im Roman hauptsächlich geht, und einem weiteren Teil in dem es um das geht, was im Roman ganz nebenbei auch noch vorkommt. Ein dritter Teil beschäftigt sich mit dem, worum es im Buch gar nicht geht!

Die Geschichte wird gleich von mehreren geheimnisvollen Personen gestaltet und eingerahmt: Myntha, die Tochter des Fähmanns Reemt, die schon mal fast Tod war und als Nachtwandlerin so manchem ihrer Zeitgenossen schlaflose Nächte beschert. Frederic Bowman, der Herr der Raben und im Haupberuf Falkner, ständig auf der Flucht vor einem unbekannten Feuerteufel und ständig bemüht, auf alle möglichen Menschen einen möglichst finsteren Eindruck zu machen. Agnes, die Pilgerin, und Henning, der glücklose Taschendieb, die sich beide – jeweils an der Seite von Myntha und Frederic – beharrlich weigern, ihre Geschichte preis zu geben. Beide scheinen eine adelige Vergangenheit zu haben und manche Andeutungen der Autorin im Verlaufe der Geschichte lassen den Leser vor Neugier schlicht platzen. Der etwas irre Volmarus, seines Zeichens Vikar von Mühlheim, der viel lieber im Abramelin (einer Art mittelalterlichen Dämonen-Bilderbuch) schnüstert anstatt sich mit der Bibel zu befassen und ständig auf der Suche nach Gelegenheiten zu Exorzieren ist. Das alte Köln und die angrenzenden Städte Mühlheim und Deutz bilden den örtlichen Rahmen des Romans und im Mittelpunkt steht der Handel mit Weihrauch, dem sehr wertvollen und anwendungsreichen Harz des Weihrauchbaumes. Wie viele andere panscht auch der angehende Fernhändler Karol gerne damit herum und betrügt seine Kunden, indem er den Weihrauch mit anderem leicht brennbarem Zeugs verlängert. In der Folge entstehen einige Missverständnisse, Verwicklungen und Feuersbrünste, welche die Geschichte fast zu einem mittelalterlichen Krimi werden lassen. Irgendwie sind fast alle Personen des Romans in solch einen Fall verwickelt und zu Ende hin ist man dann doch sehr froh, dass der Übeltäter seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Einer sehr gerechten, wenn auch für diese Zeit sehr ungewöhnlichen, ja fast schon liebevollen!

Überhaupt ist es der liebevolle Umgang der Menschen untereinander, der diesen Roman auszeichnet. Sogar der Umgang mit den Tieren ist im Gegensatz zu den Schilderungen vieler mittelalterlicher Romane sehr von Respekt und Tierliebe geprägt. Das hat mir als Tierbuch-Autorin natürlich sehr gefallen! Frederic Bowman rettete vor über vierzehn Jahren einen kleinen Hund, dem ein Blödmann den Schwanz abgeschnitten hatte, das Leben. Nach seiner Heimkehr von einer langjährigen Reise  erkennt Benefiz, der mittlerweile alt gewordene Hund, sein Herrchen wieder,  schleppt sich ihm entgegen und stirbt nach diesem Wiedersehen glücklich in seinen Armen. In jeder Zeile spürt man die Tierliebe der Autorin – ein wunderbares Lesegefühl! Auch Myntha rettet in Verlauf der Geschichte so ganz nebenbei ein kleines Kätzchen vor dem Ertrinken, welches in der Folge dann immer einige klitzekleine Rollen spielen darf. Mangels Falken richtet der ehemalige Falkner Frederic sechs Raben zum Schutz seiner kleinen Hütte am Rhein ab und auch hier bleibt dem geneigten Leser das gute Verhältnis der Andrea Schacht zu Tieren nicht verborgen. Eigentlich wimmelt es im ganzen Roman und den Haushalten nur so von Tieren: Hier ist es die alte Eselin Jennet, das sogenannte Messveech, und dort ist es wieder ein kleiner Hund namens Beatus. Für einen Mittelalter-Roman ist das allemal äußerst ungewöhnlich, denn dort finden Tiere in der Regel nur als Nutztiere Erwähnung und Hunde werden regelmäßig getreten oder andersweitig gequält. Gewissenmassen eröffnet die Autorin hier eine völlig neue Perspektive auf das Tierleben im Hochmittelalter und es macht den ganzen Roman für tierliebe Menschen äußerst lesenswert!

Etwas schade fand ich, dass es sich bei der Geschichte um eine Art Fortsetzungroman zu handeln scheint. Die Autorin bringt einen zwar von Anfang an eloquent in die eigentliche Handlung des Romanes rein, doch einige Personen bleiben in der Schilderung  etwas blass – ihren  Stammlesern sind sie aller wahrscheinlich aber wohl vertraut. Genannt seien hier beispielsweise Alyss vom Spiegel und ihr Gatte Master John, zu denen einige Hauptfiguren des Romans eine Beziehung haben, die weit in ihre Vergangenheit zurück reicht. Für mich als Neuleserin der Autorin war das schon etwas irritierend. Andere Personen des Romans werden mit Geheimnissen und Fragen umgeben, die in de Geschichte keine Auflösung oder Erklärung finden. Wer zum Teufel ist denn nun Agnes die Pilgerin und was hat sie angestellt, dass sie zu ihrer Pilgerreise nach Köln aufbrach? Wer ist dieser Henning, der sich erfolglos als Taschendieb versuchte, und warum weiss er sich augenscheinlich als Edelmann zu verhalten? Der Roman hörte für mich mittendrin auf, fast wie eine Seifenoper im Fernsehen, und man muss geduldig auf das nächste Buch warten, um seine Neugier befrieden zu können.

Nundenn, man kommt einfach nicht umhin, weitere Romane von Andrea Schacht zu lesen. Nicht nur wegen der Neugierde, die sie gekonnt entfachte, auch wegen ihres schönen und bilderreichen Schreibstils – und gewiss, es wird kein Fehler sein! Ich war zum Beispiel in meinem ganzen Leben noch nicht in Köln, aber von den mittelalterlichen Begebenheitenin dieser Stadt könnte ich jetzt ein kleines Bild malen: Das Fährmannshaus und den alten Nachen habe ich bildhaft vor Augen, der Rhein mit seinen Stränden lädt mich regelmäßig zum Baden ein und sogar  die Dombaustelle hat in dieser Geschichte einen kleinen Platz gefunden.

Ich jedenfalls freue mich auf das nächste Buch, dass da heisst ‚Die silberne Nadel‘ und voraussichtlich zum Januar 2016 im gleichen Verlag erscheinen soll!

Andrea Schacht - Die Fährmannstochter

‚Die Fährmanntochter‘ von Andrea Schacht, Historischer Roman, Blanvalet Verlag, TB, 2015, 9,99 Euro, 978-3-442-38255-2, Verlagsbestellung mit ‚Klick‘ auf das Foto!

Na, dann mal ran an die Tasten und einen Pfotenabdruck dagelassen!

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