Warum habe ich eigentlich Hunde? – von Sophie Strodtbeck

In unserer Reihe Beschreibungen eines Gefühls stellt sich die Tierärztin und Buchautorin Sophie Strodtbeck heute die Frage warum sie eigentlich mit Hunden zusammen lebt und sie findet mehr als eine Antwort. … Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen dieses unterhaltsamen Artikels!

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DSC-6148-kopieren---Arbeitskopie-3„Warum hast Du eigentlich Hunde?“ wurde ich vor Kurzem gefragt. „Man bindet sich doch nur an, muss bei Wind und Wetter raus und braucht einen guten Staubsauger.“ Vor allem Nicht-Hundehalter können die Vorteile, die das Leben mit einem Hund bringt, oft nicht verstehen. Verständlicherweise, wenn man die rein rationale Seite betrachtet. Tatsächlich ist es wesentlich einfacher, Gründe gegen als für einen Hund zu finden. Für klassische Arbeitstiere haben die wenigsten von uns noch Verwendung, zuhause riecht es besser ohne Hundefürze und Aas hinter den Schlappohren, Tierarztkosten können sich schnell mal auf ein 14., 15. oder gar 16. Monatsgehalt belaufen. Bei der Auswahl der neuen Couch steht auf einmal nicht mehr Optik und der Komfort im Vordergrund, sondern Kaufentscheidungskriterien wie der Hundehaar-Haftungsfaktor oder die Schlammpfoten-Farbkompatibilität. Um es vorweg zu nehmen: einen einigermaßen funktionsfähigen Staubsauger und eine Kollektion an wind- und wettertauglichen Outdoorklamotten habe ich.

Meine Hunde sind Betablocker und Meditation in einem. Kennen Sie das? Sie hatten einen absolut stressigen Tag in der Arbeit und jetzt blicken Sie in sechs Hundeaugen, und merken förmlich, wie der Stress von Ihnen abfällt!

Günes2Warum habe ich also Hunde? Nun, ich teile mein Leben schon immer mit Hunden, und wollte irgendwann einen eigenen haben. Das war eigentlich alles. Aber seit ich meine Monstermeute habe, habe ich auch Gründe dafür. Meine Hunde sind Betablocker und Meditation in einem. Kennen Sie das? Sie hatten einen absolut stressigen Tag in der Arbeit, Ihre Steuererklärung, die seit zwei Jahren auf Fertigstellung wartet, bereitet Ihnen seit zwei Jahren schlaflose Nächte, lässt sich aber jetzt nicht mehr aufschieben, die Steuerberaterin sitzt Ihnen im Nacken, Sie haben den Tag mit dem verzweifelten Versuch, die fehlenden Papiere doch noch aufzutreiben, in den Telefonwarteschleifen der Republik verbracht, und draußen tobt der November grauer, als Sie das je für möglich gehalten haben? Kurzum, das Stresshormon Cortisol feiert gerade in jeder Region Ihres Körpers ein rauschendes Fest? Und jetzt blicken Sie in sechs Hundeaugen, und merken förmlich, wie der Stress von Ihnen abfällt?

Meine Hunde holen mich immer wieder ins Hier und Jetzt, denn genau dort sind sie zuhause.

DSC-0588Auch das finde ich eine sehr beneidenswerte Eigenschaft. Klar haben auch Hunde ihre jeweils eigene, individuelle Geschichte, und natürlich kann die Spuren hinterlassen bzw. hinterlässt die auf jeden Fall Spuren. Sie leben also auch mit ihrer Vergangenheit, aber sie hadern nicht ständig mit ihr. Die Dinge sind so, wie sie sind, egal ob man sich darüber ärgert, oder nicht. Ein Hund akzeptiert „die Dinge“ viel leichter als es ein Mensch tut. Ein Mensch wird das so niemals können, dafür sind (zumindest die meisten Menschen) viel zu reflektiert. Aber ein Mensch kann sich von Hunden ins Jetzt und Hier entführen lassen, und wenn es jeweils nur für kurze, aber dennoch wichtige Momente ist. Meinen drei bis fünf Mitbewohnern gelang das auch in der dunkelsten Zeit meines Lebens, als meine Lebensreise abrupt unterbrochen wurde, immer wieder. Sie haben sich wirklich sehr darum bemüht. Und dafür bin ich ihnen dankbar!

Ein Mensch kann sich von Hunden ins Jetzt und Hier entführen lassen, und wenn es jeweils nur für kurze, aber dennoch wichtige Momente ist.

PiccoSie sind die besten Seelentröster, die man sich vorstellen kann. Schon als Kind habe ich in den Pelz unseres Hundes geweint, und wenn ich richtig verzweifelt bin, tue ich das auch heute noch. Damals war es das Fell von Schäferhund Sascha, heute ist das Fell kürzer, bunter und beagleiger. Sie stellen keine blöden Fragen, geben keine schlauen Ratschläge, sie sind einfach nur da. Und nein! Das hat nichts mit Vermenschlichung zu tun. Ein Mensch ist ein Mensch und ein Hund ist ein Hund. Ich mag Menschen. Hunde können keinen Menschen ersetzen, das sollen sie gar nicht. Aber Hunde sind auf andere Art und Weise für ihren Menschen da, manchmal auch auf eine bessere bzw. in dem Moment erträglichere. Sie fragen nicht nach, sie werten nicht, sie halten einfach die Klappe. Und sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich sie den ganzen Tag zutexte.

Sie stellen keine blöden Fragen, geben keine schlauen Ratschläge, sie sind einfach nur da! … Sie fragen nicht nach, sie werten nicht, sie halten einfach die Klappe!

GünesMeine Hunde haben mich gelehrt, sie genau so zu wollen, wie sie sind. Sie haben mir gezeigt, wie liebenswert Macken sein können, und wie wenig Herausforderung das Perfekte bietet. Sie haben mich also gnadenlos um den Finger bzw. die Pfote gewickelt. Wie die meisten Menschen nenne ich die drei unperfektesten perfekten Hunde mein Eigen. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil: Seit ich meine Couch mit meinen Hunden teile, habe ich keine kalten Füße mehr. Beagles haben ein ausgesprochen gutes Preis-/Heizungsverhältnis. Dazu ein kleines Wärmepflaster „Piccolo“ für die lokale Anwendung, und der Winter verliert seinen Schrecken. In der Gruppe reisen wärmt aber nicht nur die Füße, sondern auch die Seele und das Herz.

Seit ich meine Couch mit meinen Hunden teile, habe ich keine kalten Füße mehr.

DSC-1801---Arbeitskopie-2Sie erstaunen mich immer wieder mit ihren Fähigkeiten, es wird nie langweilig mit ihnen. Seit ich eine Mehrhundehaltung habe, vereinsamt der Fernseher. Die feine Kommunikation unter Hunden zu beobachten, mich von ihrer guten Laune beim wilden Spiel anstecken zu lassen, oder ihnen einfach nur beim Dösen zuzuschauen, ist besser als jedes Fernsehprogramm der Welt. Sie halten mir durch ihr Spiegeln immer wieder den Spiegel vor. Sie sind Lebensfreude pur und übertragen das sehr oft auf mich. Aber mindestens genauso oft überträgt sich meine Stimmung auf sie. Während Beagledame Andra „eigentlich“ der friedlichste Hund der Welt ist, weiß ich inzwischen, dass ich sie, wenn mich einer meiner zum Glück seltenen schlechte-Laune-Anfälle ereilt, besser nirgends mit hin nehme, denn dann muss der nächst schwächere Artgenosse daran glauben.

Das führt aber auch dazu, dass ich mich in Impulskontrolle übe, dass ich geduldiger werde, mich nicht mehr so schnell von meinem Frust hinreißen lasse. Ich habe gelernt, erst einmal tief durchzuatmen, bevor ich ausflippe. Denn einen fairen Umgang bin ich ihnen schuldig.

1A0BFCD7-C9E8-4153-804A-EC1193253C53Sie haben mir im schweren Rheumaschub treue Dienste als weltbeste Medizin, als Antidepressivum und als Assistenzhunde geleistet. Sie waren die Motivation, trotz starker Schmerzen jeden Tag rauszugehen, sie waren es, die mir die Schuhe brachten, und sie waren es auch, die mir trotzdem jeden Tag mehr als einen Grund zum Lächeln gaben. Ein ganz praktischer Grund: Sie geben mir nachts alleine hier im Dorf das Gefühl von Sicherheit. Wenn ein potentieller Einbrecher den kleinen Beagle hinter der Türe hört, geht er von einem Hund mit mindestens drei Meter Stockmaß aus.

Und es ist schön, dass immer jemand da ist und auf mich wartet, wenn ich in mein leeres Haus komme.

(Die ©Rechte für die beiden S/W-Fotos mit Sophie und den Hunden liegen bei Ulla Bergob, die ©Rechte am Text und an allen anderen Fotos bei der Autorin Sophie Strodtbeck)

Wandern mit Bergfreunde.de

Vielen lieben Dank an Sophie Strodtbeck, dass wir diesen tollen Artikel veröffentlichen durften.

Morgen schreibt Johanna Pelz – Inhaberin einer ‚etwas anderen‘ Hundeschule für Tierschutzhunde in Solingen – für uns, warum man sich die Freundschaft eines Hundes nicht kaufen kann. Ihr dürft gespannt sein, es lohnt sich – versprochen