Alle Jahre wieder … von Katharina von der Leyen

Der Nikolaus zündet heute die zweite Kerze auf dem Adventskranz an und Katharina von der Leyen öffnet für uns das sechste Türchen unseres Adventskalenders Wauzige Wuffnacht 2015. Die Autorin und Journalistin  vom Hundemagazin Lumpi4 schreibt für uns heute über die ganz besonderen Vorstellungen der Hunde von Weihnachten … sowie diversen Verwendungsmöglichkeiten von Weihnachtsgeschenken oder Teilen davon.


Weihnachten ist alle Jahre wieder großes Fest für Hunde. Der ungewohnte große Baum, die betörenden Gerüche, Geschenke unterm Baum, ständig Besuch und überall Kekse, gar nicht zu reden von dem wundervoll knisterndem Geschenkpapier, das es in winzige Fetzen zu zerschreddern gilt.

Jedes Jahr wieder beweisen unsere Hunde, dass sie eine offenbar ganz eigene Vorstellungen von Weihnachtsdekoration haben, vor allem, wenn sie noch jung und voller Ideen sind. Gerade mühselig verpackte und dekorierte Geschenke werden von ihnen aufgestöbert (hier zeigt sich, wer die meiste Erfahrung durch jahrelange Versteck- und Suchspiele hat) und wieder ausgepackt, um zu prüfen, ob man den Inhalt nicht vielleicht selber sehr gut gebrauchen könnte (in der Junghundphase meines Windsprite-Rüden Pixel hatten einige Geschenke von mir entsprechende Abdrücke von seinen schicken neuen Zähnen, aber meine Freunde betrachteten das als ganz persönliche Note). Den sehr aufwändig mit antikem Weihnachtsschmuck ausgestatteten Weihnachtsbaum befreite er direkt vor der Bescherung von dem gesamten Baumschmuck, den er erreichen konnte, der dann über das ganze Weihnachten bis auf Höhe von Pixels Kopfhöhe nackt blieb – aus Sicherheitsgründen.

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Ein gewisses Chaos gehört zu Weihnachten unbedingt dazu. Seit Jahrzehnten versuche ich, meine Mutter dazu zu bringen, wiederkehrende Katastrophen als Weihnachtsrituale zu akzeptieren. Sie sollte es längst gewohnt sein.

Ich erinnere mich, wie einer unserer Jagdhunde in meiner Teenagerzeit zuerst das gesamte, sorgfältig angerichtete Fondue-Fleisch fraß und anschließend, während meine Mutter verzweifelt versuchte, irgendwie ein alternatives Weihnachtsessen für die Familie auf die Beine zu stellen, als Nachtisch die Weihnachtskekse verspeiste. In den Jahrzehnten danach haben meine Hunde mit allen Kräften dafür gesorgt, dass meine Mutter nicht aus der Übung kommt – ein bisschen Adrenalin zur rechten Zeit hält jung. So fraß mein Windspiel Fritz an einem Morgen des 24. Ein halbes Roastbeef, das meine Mutter zum Auskühlen vor das niedrige Speisekammerfenster gestellt hatte – irgendjemand hatte die Tür offen gelassen, und Fritz, entzückt über die festliche Aufmerksamkeit, zögerte nicht lange. In einem der Jahre davor schaffte es meine Pudelhündin Luise in einem unbeachteten Moment, ein Kilo Weihnachtskekse zu fressen, während die Familie beim Weihnachtsessen war. Meine Mutter – der wirklich das Hundeverdienstkreuz zusteht – tobte. Ich dagegen verbrachte die Nacht zähneklappernd im Nachthemd im weihnachtlich verschneiten Garten mit Luise auf der Suche nach Grashalmen, die ihr Bauchgrimmen lindern sollten.

Mittlerweile ist die ganze Familie sehr routiniert darin, mit wenigen, reflexartigen Handgriffen die größten Katastrophen zu verhindern:

Der Letzte, der das Weihnachtszimmer verlässt, stellt den großen Keksteller außer Reichweite auf den Schrank (manchmal findet man ihn dort an Ostern wieder), und niemand lässt die Küchentür offen – außer manchmal die Kinder, die vor Aufregung sowieso nichts wahrnehmen außer dem Klingeln des Christkinds und die Größe der Pakete unterm Baum. Die Hunde tragen alle breite, rot-seidene Geschenkschleifen um den Hals, was ihnen eine ausgesprochen weihnachtlich-festliche Aura verleiht. Vor allem sind sie dadurch lange damit beschäftigt, einander die Schleifen vom Hals zu ziehen, so dass wir einen gewissen Vorsprung im Geschenke-Auspacken bekommen, so dass die Kinder ihren Bauernhof zusammen bauen können, bevor einer der Hunde auf die Idee kommt, zwei der Schleichtier-Hühner an einem unbekannten Ort zu verstecken, was aus Gründen, die nur Kinder kennen, die Freude an dem gesamten Bauernhof mit seinen 240 Tieren hinfällig macht.

Es ist auch nicht leicht, die festliche Stimmung zu wahren, wenn man praktisch den gesamten Heilig Abend mit einem Schraubenzieher in der Hand versucht, ein Super-High-Tech Lego-Spielzeug für den sechsjährigen Neffen zusammen zu bauen.

Offenbar kann man die Aufgabe, dieses Spielzeug zusammen zu bauen, eigentlich nur mit einem abgeschlossenen Ingenieurs-Studium bewältigen, denn es bestand aus mehr Teilen als ein durchschnittliches NASA-Raumschiff. Die Bauanleitung war ganz sicher von Technikern einer fremden Galaxie geschrieben worden.

Als wir fast fertig waren, fehlte das Teil Nr. 3047 d, weshalb das ganze Spielzeug nicht funktionieren konnte. Die Stimmung ging schnurstracks in den Keller; schließlich wurde der allerkleinste anwesende Hund beschuldigt, das Teil geschluckt zu haben, nachdem er auch schon nachweislich die Zehen der Japan-Barbie der fünfjährigen Nichte angenagt hatte. Die Japan-Barbie war die heißeste Barbie der Saison, das Must-Have für jedes keine Mädchen der westlichen Hemisphäre. Die Firma Mattel, in deren Geschäftsleitung offensichtlich bösartige kleine Trollen sitzen, brachte besagte Barbie aber nur als limitierte Auflage heraus, weshalb man sozusagen Beziehungen beim Vatikan UND bei der amerikanischen Regierung haben musste, um die rotgewandete Geisha käuflich erwerben zu können. Und die Zehen dieses Heiligtums fielen dem kleinsten aller Hunde zum Opfer (im Grunde ein Bonsai-Hund, der eigentlich besonders gut zur Japan-Barbie passte). Nicht so schlimm, sollte man meinen, weil verkümmerte Füße einer Geisha eigentlich besonders authentisch waren, aber der Stimmung des fünfjährigen Kindes half das nicht weiter. Auch nicht, als ich mehrfach versuchte, meine Familie daran zu erinnern, dass es an Weihnachten doch nicht um materielle Dinge ginge, sondern um das familiäre Zusammensein. „Ich hasse Hunde!“ heulte meine Nichte, und als ich mich hilfesuchend umsah nach moralischer Unterstützung und Protest, senkten alle anderen ihre Nasen tiefer in ihre Bücher oder was sie sonst so bekommen hatten.

Im Jahr darauf versuchte meine damals sechsjährige Nichte, solchen Übergriffen vorzubeugen:

Sie hatte jedem Hund ein Geschenk mitgebracht, jeweils ein kleines quietschendes Latex-Schweinchen, was ab dem Moments des Auspackens für eine unvergessliche Hintergrunds-Untermalung sorgte. Meine Mutter drehte das Mozart-Klarinetten-Konzert (ihr Weihnachtsgeschenk) sehr laut auf, um das Gequieke der Latex-Schweinchen zu übertönen, weshalb wir uns alle nur noch per Handzeichen verständigen konnten. Gespräche waren unmöglich. Es war einer der friedlichsten Weihnachtsabende meines ganzen Lebens.

(Alle Rechte an Text und Foto bei Katharina von der Leyen)


Vielen lieben Dank an Katharina von der Leyen für die tollen Zeilen zum Nikolaus und zum zweiten Advent.

Morgen lesen wir von Rosa Hackl, Herausgeberin des Hundemagazins WuffDOGnews. Ihr dürft erneut auf einen interessanten Artikel zum Thema Hund und Weihnachten gespannt sein.


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