Grappa und wie sie mich die Welt sehen ließ … von Inka Burow

„Und wieder laufen die Tränen. Das ist letztlich gut so. Ich hatte bei Whiskys Tod einen wahnwitzigen Moment lang das Gefühl, dass sie deshalb so früh sterben musste, damit Grappa nicht der erste Hund sein würde, den ich verliere. Denn ohne die erste Schnapsidee, ohne meine Grappamaus hätte ich heute zwar nicht ständig fusselige Klamotten, aber mein Leben wäre ganz sicher nicht so schön. Ich denke sogar, dass ich ein besserer Mensch geworden bin, weil Grappa mich die Welt wie ein Hund sehen ließ. […] Wie Grappa die Welt sah? Wie jeder Hund: extrem bunt – im philosophischen Sinn. Hunde nehmen sich nicht wichtig, sie können jeden Ort zu ihren „Happy Place“ machen und schaffen es, jeden Moment so zu genießen, wie er ist.“ (Inka Burow)

Die Autorin und Hundetrainerin Inka Burow (An der Leine – Hundeleben in Hannover) schreibt für uns heute über ihre geliebte Grappa und die vielen anderen Hunde, mit denen sie ihr Leben teilt und geteilt hat. Ein neuer Artikel in unserer diesjährigen Serie Abschied für länger: Das Leben, die Liebe und der Tod


Inka und Grappa (RIP) (c) Karin Götting
Inka und Grappa (RIP) – © Karin Götting
Wenn ich eine Schnapsidee habe, wache ich am nächsten Morgen nicht mit einem Kater auf. Sondern mit einem Hund.

Warum? Kurz vor der Jahrtausendwende hatte mein damaliger Freund die dem Konsum von gar nicht wenig italienischem Rotwein geschuldete Idee, einen Border Collie anzuschaffen. Er sollte folgerichtig „Barolo“ heißen, hätte dann aber ein Rüde sein müssen. Das kam für ihn nicht infrage: „Ein zweiter Kerl kommt mir nicht ins Haus!“ Das Haus war zwar kein Haus, sondern eine Studentenwohnung mitten in der Stadt, aber darum geht es nicht. Eine Hündin zog ein. Sie hieß „Maus“.

Nach einer Woche waren zwei Dinge klar: dass „Maus“ als Rufname blöd war und die ganze Sache eine Schnapsidee. Und so kam „Maus“ zu ihrem neuen Namen: „Grappa“ – wie der italienische Tresterbrand. Ich kürze an dieser Stelle das weitere Geschehen ab: Nach Grappa zogen weitere Border Collies ein: Pitú (wie die berühmte Marke des brasilianischen Zuckerrohrschnapses, der die wichtigste Zutat im Caipirinha ist), Whisky (wohlgemerkt in der schottischen Schreibweise ohne „e“ vor dem „y“) und Skipper (als Kurzform von „Happy Skipper“, einem Cocktail aus Rum und Ginger Ale). Schließlich ist noch Fizz (wie der kohlensäurehaltige Cocktail-Klassiker, der meist als Gin Fizz getrunken wird) eingezogen – allerdings erst nachdem Whisky, Pitú und Grappa binnen zwölf Monaten gestorben waren.

Whiskys Tod mit nur acht Jahren war einfach nicht fair.

Es ist immer traurig, wenn ein Hund stirbt, aber es ist überdies tragisch, jämmerlich an Nierenversagen zu verrecken, weil die Nieren von einer unglücklichen Reaktion auf sich nicht auflösendes Nahtmaterial, das bei der Kastration verwandt worden war, angeschlagen waren und deshalb die kleine Menge Ungeziefervernichtungsmittel nicht verkraftet haben. Ich habe Whiskys Tod bis heute nicht verarbeitet.
Es ist bald vier Jahre her, dass sie in meinen Armen starb. Sie war die erste von drei Hunden, die ich binnen des folgenden Jahres verlieren sollte. Ihren letzten Blogbeitrag habe ich nie vollendet und folglich bis heute nicht in meinem Blog „An der Leine – Hundeleben in Hannover“ veröffentlicht. Über die ersten drei kurzen Absätze bin ich nie hinausgekommen.

Für Whisky:

Heute hättest du neun Jahre alt werden sollen, stattdessen sitze ich hier und vergieße Tränen um dich, mein Häschen, und um Pitú, der gerade den aussichtslosen Kampf kämpft, den du vor gut zwei Monaten verloren hast. Es ist also dringend geboten, mich an dein Leben zu erinnern und dir deinen letzten Blogbeitrag zu widmen.
Gerade mal vier Jahre lang hast du mein Leben bereichert. Zu meinem Glück hast du ein paar Spuren hinterlassen: kleine Narben auf meinen Händen und Armen und einen tiefen Pfotenabdruck in meinem Herzen.

Du kamst als Nicki zu mir: ein tricoloriges Lockentier auf der Mastendstufe, ein Border Collie in Not. Ich hatte spontan angeboten, dich aufzubewahren, als du dringend eine Pflegestelle brauchtest. Du seist etwas zickig, hieß es. Umso mehr habe ich gestaunt, dass du dich sofort gut mit Grappa verstanden hast. Mit Pitú sowieso.

Und wieder laufen die Tränen.

Das ist letztlich gut so. Ich hatte bei Whiskys Tod einen wahnwitzigen Moment lang das Gefühl, dass sie deshalb so früh sterben musste, damit Grappa nicht der erste Hund sein würde, den ich verliere. Denn ohne die erste Schnapsidee, ohne meine Grappamaus hätte ich heute zwar nicht ständig fusselige Klamotten, aber mein Leben wäre ganz sicher nicht so schön. Ich denke sogar, dass ich ein besserer Mensch geworden bin, weil Grappa mich die Welt wie ein Hund sehen ließ. Und weil ich mich ihretwegen mit den Möglichkeiten eines Spielzeugknackfrosches auseinandergesetzt und dabei entdeckt habe, dass sich bei konsequenter Anwendung des Prinzips der positiven Verstärkung scheinbar Unmögliches erreichen lässt.

Inka und Skipper(c)Ulrich Neddens, Neddens Tierfoto
Inka und Skipper – © Ulrich Neddens, Neddens Tierfoto
Grappa ist auch schuld daran, dass ich Hundebuchautorin geworden bin.

Wie Grappa die Welt sah? Wie jeder Hund: extrem bunt – im philosophischen Sinn. Hunde nehmen sich nicht wichtig, sie können jeden Ort zu ihren „Happy Place“ machen und schaffen es, jeden Moment so zu genießen, wie er ist. Auch die groteskesten. Als Pitú eingeschläfert wurde, klingelte quasi im Moment seines letzten Atemzugs das Mobiltelefon in der Tasche der Tierärztin, die ihm gerade die Spritzen gegeben hatte. Dann trällerte ziemlich laut eine penetrant fröhliche Melodie. Ihre Reaktion: „Scheiße! Ich habe gesagt, dass wir den Klingelton ändern müssen, falls das Handy mal klingelt, während ich gerade ein Tier einschläfere.“ Ein Moment wie in einer Geschichte von John Irving. Absurd. Wir saßen zu dritt rund um meinen toten Hund – und haben gelacht.

Ich mag die Romane von John Irving sehr. Besonders mag ich seinen autobiographischen Roman „Garp und wie er die Welt sah“. Und deshalb ist der Titel dieses Essays über das Leben, die Liebe und den Tod nicht zufällig gewählt.

Heute lassen mich zum Glück Skipper, der übrigens Grappas Cousin ist, und Fizz die Welt durch ihre Augen sehen. Das Leben ist also weiterhin sehr bunt. Wie ein Regenbogen.

(Alle Rechte am Text bei Inka Burow)


Ein Auswahl aus Inka Burows Büchern:

             


2 Gedanken zu “Grappa und wie sie mich die Welt sehen ließ … von Inka Burow

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