Am Teich

Der Stock fliegt in einem großen Bogen über den Teich. Mit einem Platsch landet er im Wasser und Du nimmst einen extra weiten Anlauf, nur um mit qualmenden Pfoten direkt vor dem Wasser abzubremsen. Das Wasser sei nass, werden mir Deine vorwurfsvollen Augen wieder sagen, und auch die vorbeischwimmenden Enten kommen Dir eher unheimlich vor. Heute ist ein sehr heisser Tag und die Sonne steht schon recht hoch. Langsam tappst Du Dich ins Wasser vor, aber nur soweit, bis der Bauch nass wird. Diese schöne flache Stelle an unserem Ententeich, den ich immer Tiffis Teich nenne, ist wie gemacht für Dich. Dann legst Du Dich hin, immer weiter, immer tiefer, bis ich nur noch Deinen Kopf sehe. So findest Du das gut und nur so ist es für Dich richtig bequem. Der Stock verabschiedet sich gemeinsam mit den Enten und treibt zur anderen Seite, wo das Ufer gemauert ist. Es ist Dein Teich und ich sehe Dich hier fast jeden Tag. So viele Erinnerungen und Bilder in mir, obwohl wir niemals hier waren!

Es war wirklich Zufall, dass wir Deinen Teich entdeckten. Nur knappe 100 Meter von der Straße entfernt, auf der wir früher so oft mit dem Rad gefahren sind. Einmal quer über das Feld und dann ist man da, aber von der Straße aus ist er nicht zu sehen. Wir hatten es doch immer so eilig und mit Deinen 12 Jahren wäre Dir diese kurze Erfrischung sehr gelegen gekommen. Mensch Tiffi, Du hättest doch mal was sagen können.

Klein Luna hatte mir den Weg gezeigt, da warst Du gerade gestorben. Es war ein trauriger Tag und wir wollten mit einem kleinen Ausflug die Trübseeligkeit vertreiben. Wir schlenderten über die Felder und auf einmal war da dieser Teich. Klein, rund, mit Enten drauf und mit einem flachen Ufer an der einen Seite. Es wäre Dein Teich gewesen und die vielen Jahre, in denen wir nie hier waren, zogen in Sekunden an mir vorbei. An der Straße wärest Du schon losgerannt und keiner hätte Dich bremsen können. Erfrischung nach Art der Tiffi, hätte ich es genannt, und wir wären jeden Tag hier gewesen. Die Traurigkeit in mir war wieder da und das Gefühl der verpassten Chancen wollte mich schier erdrücken. Dann habe ich Dich gesehen! Einen klitzekleinen Moment und es war nur aus den Augenwinkeln. Da war auf einmal dieses vertraute Gefühl Deiner Nähe, so wie früher, und ein unbeschreibliches Gefühl von Glück. Du warst in mir drin, um mich herum und überall, so weit ich gucken konnte. Ich musste Lachen und als ich mich umdrehte, konnte ich die kleinen Wellen auf dem Wasser noch sehen.

Kein Tag verging jetzt mehr, ohne dass Luna und ich an Deinem Teich waren. Meistens Mittags, nach unserer großen Fahrrad-Runde, und im Sommer, um uns zu erfrischen. Manchmal bin ich sogar selber rein gegangen, aber da haben die Angeler gemeckert, die im Sommer oft hier sind. Du warst immer da, wenn Du es einrichten konntest, und manchmal hast Du sogar schon auf uns gewartet. Oft saßen wir gemeinsam auf der kleinen Bank, haben die Wellen auf dem Wasser beobachtet und den Enten beim Plantschen zugesehen. Klein Luna hat hier Schwimmen gelernt und den Milow hast Du hier das erste mal getroffen. Dein Teich war unser erstes Ziel, nachdem er bei uns eingezogen war – wo sonst hätte ich ihn Dir besser vorstellen können.

Die Jahre sind vergangen und vor einigen Wochen wärest Du 17 geworden. Das sieht man Dir gar nicht an, mein großes Mädchen, der Himmel scheint Dir gut zu tun. Jetzt ist bald wieder Frühling und wir werden wieder öfters kommen. Der Milow wollte in den letzten Wochen meistens in den Wald und Luna mag das hohe Gras dort nicht – Du kennst sie ja! Wir haben wieder Pläne und auch mein altes Versprechen habe ich nicht vergessen. Erinnerst Du Dich noch? Bald werden die Tage kommen, wo unser alter Traum Wirklichkeit wird und wir werden wohl noch einmal umziehen. Aber bis dahin werden wir uns noch oft an Deinem Teich treffen und wenn es soweit ist, dann nehmen wir Dich einfach mit, das ist versprochen.

Tiffi

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